Mo
Mo hatte viele grausame Nächte durchstanden. Nächte, in denen sich sein Magen vor Hunger von innen nach außen stülpte. Nächte, in denen er vor lauter Rückenschmerzen kein Auge zudrücken konnte. Nächte, in denen er seine Hilflosigkeit verfluchte, in denen er nicht mehr für seine weinenden Geschwister tun konnte, als sie in seinen Armen hin und her zu wiegen. Mo hatte viele grausame Nächte durchstanden. Und doch war keine Nacht so grausam wie die, in der er von seinen Geschwistern Abschied nehmen musste.
Nur wenige Stunden zuvor war er voller Freude heimgekehrt: Frische Tomaten in den Taschen seines Wamses versteckt. Sein kleiner Bruder war in seine Arme gesprungen – dabei fast eine Tomate zerdrückt – und hatte ihn danach an der Hand in die Küche gezerrt, um seiner Schwester die freudige Neuigkeit zu überbringen.
Mo würde niemals vergessen, wie ihre Augen aufleuchteten, als sie die roten Beeren erblickte, die sie viel zu selten zu Gesicht bekam. Er konnte es ihr nicht verübeln, dass sie die Tomaten am liebsten Hier und Jetzt aufgegessen hätte.
Um die Vorfreude noch ein bisschen länger aufrecht zu erhalten, bestand er jedoch darauf, die Tomaten aufzuschneiden und mit Brot und Käse zu servieren. Mo selbst assortierte das Abendessen auf einem großen Ton-Teller, dem letzten, der noch zwischen den Holzschüsseln auf der Theke balancierte: ein Festmahl für die gesamte Familie.
Nachdem die vier Geschwister den letzten Bissen verschlungen hatten und wie schon lange nicht mehr ihr satten Bäuche hielten, erzählte Mo ihnen Geschichten aus den alten Zeiten. Erinnerungen von bunten Festen, Legenden von tollkühnen Göttern, Abenteuer von mutigen Helden und Heldinnen. Erst nachdem beide Brüder am Tisch eingenickt waren und seine Schwester kaum noch die Augen aufhalten konnte, trug er sie zu Bett.
So würde er sie in Erinnerung behalten: unschuldige Gesichter, ein Lächeln auf den Lippen, tief in einer Traumwelt versunken, die so wundervoll war, wie man es sich nur vorstellen konnte. Mo beneidete sie um ihre Träume, die Träume voller Glückseligkeit und Hoffnung, voller Licht und Leben. Er träumte schon seit langem nicht mehr.
Nachdem er sich versichert hatte, dass seine Geschwister auch gut zugedeckt waren und nicht vom eisigen Wind aufgeweckt wurden, der durch die Ritzen der Wände pfiff, legte auch Mo sich auf sein Lager. Von der täglichen Schufterei erschöpft, schlief auch er binnen weniger Minuten ein.
Ein Schrei zerriss die Nacht. Ein Schrei so schrecklich wie Mo ihn noch nie vernommen hatte. Augenblicklich stand er auf seinen Beinen und stellte sich vor seine Geschwister, die ebenfalls aus dem Schlaf gerissen worden waren. Er hörte Menschen aufschreien, Frauen, Männer, Kinder, jedermann schrie und weinte.
Mo schätzte aufgrund der Lautstärke, dass das Geschrei nicht näher sein konnte als des Fischers Laden. Doch es wurde stetig lauter. Einem Instinkt folgend lud er sich seinen jüngsten Bruder auf den Rücken, befahl ihm sich festzuhalten, während er seine beiden anderen Geschwister ja an eine Hand nahm. Und dann rannte er. Aus dem Haus auf die Gasse, weg vom Geschrei, weg von der sich rasant ausbreitenden Panik, weg.
Mit dem Wimmern seines Bruders im Ohr kämpfte Mo sich durch die Menschen, stets darauf bedacht, seine Geschwister nicht in dem Gewühl zu verlieren. Die Berge ragten vor ihm bis hoch in den Himmel; Mo kämpfte sich die schlammigen Pfade hoch, in der Hoffnung hinter den Felsen in Sicherheit zu sein. Er glaubte nicht an die Götter, doch in diesem Moment wünschte er sich, sie würden eine schützende Hand über seine Familie halten.
Ein weiteres Kreischen schallte durch das Tal. Mo glaubte seine Trommelfelder platzen zu spüren, der kleine Junge auf seinem Rücken weinte bitterlich. Seine Schwester versuchte ihre Hand aus seiner zu lösen, um sich die Ohren zuhalten zu können, doch Mo umklammerte ihre Finger fest.
Erst als er keinen weiteren Schritt mehr machen konnte, kauerte sich Mo hinter einem besonders großen Felsen zusammen, seine Geschwister neben ihm in seinen Armen. Er atmete nur noch stoßweise, sehen konnte er nur noch verschwommen. Er konnte erkennen, dass seine Familie nicht die einzige war, die in den Bergen Schutz gesucht hatte. Hinter fast jedem Steinbrocken konnte er mindestens eine Gestalt ausmachen.
»Was ist los, Mo?«, wisperte seine Schwester. Mo wusste nicht, was er ihr antworten sollte.
»Alles wird gut, alles wird gut«, wiederholte er Mal und Mal, obwohl er sich nicht sicher sein konnte, dass alles gut werden würde. Er strich seinen Brüdern über das schwarze Haar, das für die Bewohner dieser Gegend so üblich war.
Cindra, die dritte Sonne, tauchte das Tal in ihren silbernen Glanz. Mo liebte die dritte Sonne ganz besonders, ihre Sanftheit und Anmut, ihre Magie, doch in jetzt war jegliche Spur ihrer Schönheit verschwunden. Schrecklich erleuchtete sie die panischen Menschen, die schreienden Kinder, die ihre Eltern nicht mehr finden konnten, die verzweifelten Eltern, die nach ihnen suchten, all die mit Tränen überströmten Gesichter.
»Du musst hier weg!« Eine Hand zerrte an seiner Schulter, Mo schüttelte sie ab und wandte sich der Frau vom Stand zu, die ihm noch am selben Tag mit stoischem Gesicht die Tomaten gereicht hatte. »Du musst hier weg!«
Er schüttelte nur den Kopf.
»Du musst hier weg, sonst sind wir alle tot! Sie können dich wittern, deinen Ruf, du musst hier weg!«
Mo wusste nicht, warum er ihr glaubte, vielleicht lag es an dem Ausdruck auf ihrem Gesicht oder der Angst in ihrer Stimme, aber er glaubte ihr. Nur konnte er seine Geschwister nicht zurücklassen.
Als könne sie seine Gedanken lesen, sprach sie auf ihn ein: »Ich werde auf sie Acht geben, ich kann sie verstecken, bis du wiederkommst. Aber du darfst nicht wiederkommen, solange du deinen Ruf nicht zu verstecken gelernt hast, du bringst uns alle in Gefahr.«
Er hätte sich wundern sollen, warum sie von seinem Ruf wusste, obwohl er nie jemandem davon erzählt hatte, nicht mal seinen Geschwistern. Warum sie all die Jahre, in denen er täglich zu ihrem Stand gekommen war, nie etwas gesagt hatte. Aber auf unerklärliche Weise traute er ihr. Es schien ihm beinahe, als hätte sie ihm erlaubt, in ihr Herz zu blicken, sodass er fühlen konnte, dass sie ihr Versprechen halten würde. Seine Geschwister waren sicher bei ihr.
Er küsste alle drei auf die Stirn, wischte ihnen die Tränen von den Wangen, schwor ihnen so bald wie nur möglich zurückzukehren. Ehe er dem Drang nachgeben konnte, bei seiner Familie zu bleiben, wandte er sich zum Gehen, rannte erneut über Wurzeln und Steine, stolperte die Wege hinunter. Doch anstatt den Pfad zurück zu seinem Zuhause einzuschlagen, wandte er sich nach rechts.
Er wusste nicht wie lange er schon rannte, als ihm die Realität einholte. Er wusste nicht, wie lange er neben dem Pfad im Gras zusammengekauert lag und weinte, wie viele wütende Schreie er ausstieß, wie oft er sich in den Kopf rufen musste, dass seine Geschwister nicht um seinetwillen verlassen hatte, sondern um sie zu beschützen. Aber er wusste, dass er weiterlaufen musste, immer weiter und weiter, bis er niemanden mehr in Gefahr brachte, den er liebte.
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