Zwölf
Als ich nach unten komme, läuft mir ein mürrisch dreinblickender Khan mit frisch gewaschenen Haaren und Kopfhörern entgegen. Er nickt mir kurz zu und verschwindet dann in der Küche. Ich höre ihn eine seltsame Melodie summen, mache mir allerdings nicht länger Gedanken über ihn. Kerstin meinte, er käme erst kurz vor Mitternacht. Welche Funktion habe ich, wenn er längst hier ist?
Kopfschüttelnd folge ich ihm in die Küche, wo er dabei ist, zwei Brotscheiben in den Toaster zu werfen.
„Was machst du hier?", frage ich und beiße mir auf die Lippe. Das war plump.
„Ich wohne hier", antwortet er, ohne sich umzudrehen oder die Kopfhörer ab zu nehmen. Daher kann er nicht sehen, dass ich die Augen verdrehe.
„Deine Mum hat mir nicht gesagt, dass ich so früh mit dir rechnen könnte." Ich lehne mich mit verschränkten Armen an den Türrahmen.
„Sie war nicht mal sicher, ob du es bis Mitternacht schaffen würdest."
„Sie denkt, ich hätte noch was vor", erklärt er, ohne es wirklich zu erklären. Dann dreht er sich endlich zu mir um, zieht sich mit der linken Hand in einer geschmeidigen Bewegung den Kopfhörer vom Kopf. Er trägt ein weißes T-Shirt, dass fast schon als durchsichtig durchgehen könnte, jedenfalls zeichnen sich darunter deutlich seine Bauchmuskeln ab. Schnell schaue ich weg. Er bemerkt trotzdem, wie mein Blick immer wieder zurück flackert, ich kann aus dem Augenwinkel sehen, wie seine Mundwinkel zucken.
„Und was solltest du vorhaben?" Statt seinem flachen Bauch zwinge ich mich die Küche, die heute nur von einem kläglichen Licht erhellt wird, zu begutachten. Alles sauber.
„Du bist ziemlich neugierig."
„Muss mich bei deinem Bruder angesteckt haben." Ich lege den Kopf schief und sehe ihn nun doch wieder an.
„Du gibst meinem Bruder Beziehungstipps." Keine Frage, eine Feststellung. Hat er gelauscht?
„Du hast das Thema gewechselt." Ich tippe mir mit dem Zeigefinger auf den Arm. Tatsächlich sterbe ich fast vor Neugierde. Denkt seine Mutter, er hätte ein Date? Khan seufzt laut und kehlig.
„Meine Mum weiß nicht, dass ich die Footballmannschaft gewechselt habe", sagt er und fährt sich durch die feuchten Haare.
„Sie denkt, ich wäre im Training." Ah. Wie unspektakulär.
„Warte – das musst du mir genauer erklären", sage ich, weil ich nicht ganz verstehe. Ein weiteres Seufzen.
„Mum hat keine Ahnung, wie mein Schulwechsel mit dem Footballtraining zusammen hängt. Allerdings ist offensichtlich, dass ich jetzt Teil eurer Schulmannschaft bin und nicht mehr meiner alten Schulmannschaft", erzählt er und ich nicke. Das ergibt Sinn.
„Du musst jetzt also öfters gegen deine alte Mannschaft spielen?", hake ich nach. Das muss echt doof sein. Er zuckt bloß mit den Achseln.
„Solange wir sie besiegen, kann ich damit leben." Er grinst, woraufhin ich bloß schnaube.
„Sieg oder stirb, wie?" Mein rastloser Blick wandert zu der Uhr an der Wand. Neun Uhr. Früh. Zu früh.
„Ich habe gewisse Ansprüche an mich selbst", gesteht Khan.
„Lass mich raten, du willst später unbedingt auf ein Elite-College und rackerst dir dafür mit dem Training den Arsch ab." Nicht dass er das bräuchte – mal abgesehen von seinem Körper, der eindeutig zeigt, wie fit Khan ist, seine Familie hat auch noch das nötige Kleingeld. Ich unterdrücke nur mit Mühe ein Stöhnen. Immer dieselbe Leier.
Anders als ihm oder Darren würde mir schon ein stinknormales Community-College reichen. Die beiden brauchen das Stipendium nicht. Etwas flackert in seinem Blick auf. Aber nur ganz kurz, als hätte ich es mir bloß eingebildet.
„Ehrlich? Nein. Dafür hätte ich ohnehin genug Geld geerbt. Nein. Ich möchte gewinnen, weil ich es liebe zu gewinnen." Khan überrascht mich immer wieder. Im positiven Sinn.
„Du liebst es zu gewinnen?" Sowas habe ich noch nie gehört.
Er ist nicht Darren, Stew, rufe ich mir ins Gedächtnis. Er ist definitiv nicht Darren. Die beiden sind wie schwarz und weiß. Auch mein Vater tickt ganz anders. Wenn er früher davon erzählt hat, wie er mit siebzehn einen Preis für den besten Schriftsteller des Bundesstaates erhielt, ging es ihm nie wirklich um die Liebe zum Sieg. Es ging ihm rein um das, was der Sieg mit ihm und seinem Image anstellte.
„Wer tut das nicht?", fragt Khan zurück. Er legt den Kopf schief. Jetzt ist er neugierig. Ich?
„Warum möchtest du gute Noten haben?", geht er näher darauf ein. Während er mich durch dringlich ansieht, holt er ein Messer aus der Schublade zu seiner Rechten und ein Fass Erdnussbutter aus dem Schrank schräg über ihm.
„Ich..." Meine Wangen färben sich rot und mir wird plötzlich furchtbar heiß. Dann zucke ich mit den Schultern. Warum möchte ich gute Noten haben? Mal abgesehen von dem Wunsch irgendwann ein Studium absolvieren zu können...
„Schätze, ich mag es, wenn sich meine Bemühungen bewähren." Und diese Aussage ließe sich auf so ziemlich jeden Teil meines Lebens übertragen. Mein Hals ist staubtrocken. Bevor er etwas erwidern kann, wechsle ich das Thema.
„Und was sagen wir deiner Mutter? Warum bin ich hier, wenn du doch jetzt den Babysitter mimen kannst?" Für eine Sekunde wirkt er verwirrt, kalt erwischt. Dann steckt er sich das mit Erdnussbutter beschmierte Messer in den Mund als wäre nichts gewesen.
„Ich habe gerne meine Freiheiten. Wenn Aiden sich meldet, ist das deine Aufgabe – Problem gelöst", sagt er schließlich. Ich atme erleichtert aus und wende den Blick ab.
„Das heißt, ich kann bleiben?" Als er nickt, wäre ich ihm beinahe in die Arme gesprungen. Das heißt, ich bekomme Geld.
„Willst du was essen? Ich kann dir", er wirft einen Blick in die Brotpackung, „Zwei Scheiben Brot und einen Haufen an Aufschnitten anbieten." Fast hätte ich eingewilligt, sein Grinsen lässt mich fast vergessen, worüber ich mir sonst so Gedanken mache. Fast.
Schnell schüttle ich den Kopf und bedanke mich. Stattdessen frage ich nach dem Standort ihrer Gläser, um mir ein Glas Wasser einzuschenken. Khan öffnet stirnrunzelnd einen Schrank, gleich neben dem, aus dem er die Erdnussbutter genommen hat. Sein Blick liegt auf mir, während ich den Kühlschrank öffne, um eine Wasserflasche rauszuholen. Es ist mir unangenehm und ich möchte ihn höflich darauf hin weisen, dass ich durchaus in der Lage bin ein Glas Wasser aufzufüllen – da passiert es.
Ich rutsche aus. Diesmal ohne die Highheels.
Während es mir gelingt das halb gefüllte Glas zu fangen, entgleitet mir die Wasserflasche, ergießt sich auf meinem Tshirt. Als wäre das nicht schon genug, lande ich nicht auf dem Boden sondern in Khans Armen. Er fängt die Flasche kurz vor ihrem Aufprall ab und hält mich im anderen Arm.
„Ist wohl eine Angewohnheit von dir", scherzt Khan, während ich wie betröppelt in seinem Arm liege. Wir sind uns so nah, dass ich seinen Herzschlag spüre, seine Lippen so nah an meinem Hals wahrnehme. Einen Zentimeter näher und wir würden uns küssen – er würde mich küssen.
Er riecht gut. Noch kann ich nicht identifizieren, nach was er riecht. Es ist betörend. Erst da wird mir bewusst, dass ich ihn anstarre. Und er starrt genauso intensiv zurück. Verdammt. Und mein Tshirt ist nass. Eilig winde ich mich aus seinem Arm und wäre dabei beinahe erneut gestolpert.
„Scheint so", sage ich, damit er nicht merkt, wie sehr mich diese Sache durch den Wind gebracht hat. Dann streiche ich mir das Tshirt glatt. Es klebt. Klamm hängt es an meinem kaum vorhandenen Busen. Am liebsten wäre ich im Boden versunken. Khan öffnet den Mund, um etwas zu sagen, schluckt und hält inne.
„Liegt wohl nicht immer an den Highheels", seine Stimme klingt rau und irgendwie abgelenkt. Ich fange an zu zittern. Was tue ich hier? Flirte ich mit ihm? Ich habe ihn angestarrt, mir gewünscht ihn zu küssen. Das ist so falsch. Darren. Wegen Darren. Ganz egal, was dieser Streit zwischen uns zu bedeuten hat. Ich liebe Darren!
Und was versuche ich mir eigentlich mit dem Babysitten zu beweisen? Geld verdienen und studieren. Pfft... Das wird nicht hinhauen. So viel Geld kann ich gar nicht verdienen. Ich hätte vor zwei Jahren mit dem Sparen anfangen sollen. Und oh Gott, mein T-Shirt ist nass. Ich merke, wie meine Lippe anfängt zu beben. Alles läuft schief.
Das hier dürfte nicht passieren. Nichts von alledem. Ich sollte das mit dem College einfach vergessen, hier und jetzt dieses Haus verlassen und nicht zurück schauen. Ja, das sollte ich tun. Bevor ich allerdings abhauen kann, ertönt Khans Stimme. Ich nehme sie nur von weit weg wahr, als wäre sie das Ergebnis meiner Fantasie. Dann nochmal.
„Komm", sagt Khan, jetzt viel sanfter. Als er mich am Arm berührt, zucke ich zusammen. Wieder hält er inne, bleibt aber hartnäckig. Dann nickt er, weist mich in Richtung Treppe und geht voraus, während wir das Stockwerk mit Aidens Zimmertür passieren.
Die Treppe geht genauso hoch wie ich das letzten Freitag vermutet habe. Wir laufen ins dritte Stockwerk. Wie betäubt zähle ich die Treppenstufen, um die Tränen zurückzuhalten. Dort gelangen wir irgendwann an eine schwarze Tür, auf der in dicken Großbuchstaben Khans Reich steht. Obwohl ich mich nicht danach fühle, lache ich leise auf. Wenigstens schaffe ich es dank dem Lachen die Tränen zu unterdrücken, die grundlos stets hinter meinen Augenlidern prickeln. Meine Augen werden groß, als er die Tür öffnet und mich in sein Reich lässt.
♤♤♤
Just a quick heads up, die Sache mit dem Glas... ich bin mir sicher, dass mancher jetzt denken könnte, huh heult die alte gerade ernsthaft weil sie ein Glas fallen gelassen hat? und ja, mag seltsam sein, aber dont judge a friggin book by its cover. stew hat so viel in sich rein gefressen, die Sache mit Darren, dass sich Khan tatsächlich um sie gesorgt hat, ihr Bruder und ihr "Problem", es war voraussehbar, dass sie irgendwann platzen würde und die Sache mit dem Glas ist nur der Auslöser. Also bevor das jetzt als unrealistisch rüber kommt, es ist sowas von realistisch und people cry over the mpst ridiculous things - rambling stop.
Wie auch immer, das hier ist wieder kürzer, ich weiß nicht mehr, was ich mir dabei gedacht habe, die so unterschiedlich lang hochzuladen, aber was solls :p
xxx twg
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