Zwanzig
Kerstin ist bei Paul im Krankenhaus, hat Aiden natürlich mitgenommen, weil sie wusste, dass Khan ein Spiel hat. Wir haben sein Haus für uns allein. Er zieht mich wie selbstverständlich sofort hinauf in sein Zimmer. Das Licht des Vollmondes scheint durch sein Fenster und wirft einen Schatten auf sein Bett. Ich lächle.
„Wir hatten noch gar keine Zeit, über deine CDs zu reden", bemerke ich, während er meine Hand nimmt und mich zu seinem Bett zieht. Mit einem leisen Rums fallen wir in die weichen Daunen.
„Ich hatte gehofft, das hätten wir einfach aus Versehen vergessen", gesteht er. Er liegt jetzt so, dass der Mond eine Seite seines Gesichts bedeckt. Gleichzeitig gruselig und anmutig, sieht er aus und seine Augen glänzen, als er mich ansieht – direkt in meine Augen. Ich schwöre, würde ich stehen, mir würden die Beine weg knicken. Wir liegen nah beieinander, unsere Münder nur wenige Zentimeter von einander entfernt.
„Du hast ein unglaubliches Talent", wispere ich. Ich weiß nicht, warum ich wispere, aber er fühlt sich an, als ob er der einzige sein soll, der meine Worte hört. Als dürfte die Welt nichts davon erfahren, sonst würde sie ihm dieses Talent nehmen.
Er schenkt mir ein anzügliches Grinsen, woraufhin ich ihm einen Klaps gegen den Arm gebe.
„Singtalent", verbessere ich mich Augen verdrehend. Der schöne, intime Moment ist hiermit vorbei. Sein Gesicht wirkt nicht mehr engelsgleich, weil er sich plötzlich auf den Rücken dreht und leise zu lachen beginnt.
„Ach, Blondie."
„Ich meine das ernst. Egal, wie sehr du mit deinen anzüglichen Witzen versuchst, vom Thema abzulenken, du kannst wahnsinnig gut singen. Du solltest Mrs. Bonnefelder vorschlagen, eine Sing-Performance in unser Theaterstück einzubauen."
„Ich denke nicht, dass sie das für eine so tolle Idee halten würde."
„Und ich denke schon." Für einen Augenblick dreht er sich wieder in meine Richtung, beide Augenbrauen gehoben. Dann liegt er auf einmal auf mir. Sein Atem, der nach Minze riecht, weht mir ins Gesicht. Mein Herz klopf heftig und ich muss mich dazu zwingen, die Hand nicht auszustrecken um damit über seinen beginnenden Dreitagebart zu streichen.
„Du denkst also, Charming sollte seiner Prinzessin ein Ständchen singen?", fragt er, sein Mund nun ganz nah an meinem, ehe er abtaucht und Küsse auf meinem Hals verteilt. Mir stockt der Atem. In einer Pause, fährt er fort.
„Bevor er sie küsst?" Sein Mund wandert über mein Schlüsselbein, während seine Hände sich an meiner Taille positionieren. Ich kann ihn nur anstarren, während in mir die Gefühle verrückt spielen.
„Oder nachdem er sie küsst?" Er hört mit den federleichten Küssen auf und bewegt den Mund zu meinem eigenen, hält inne, als uns lediglich Zentimeter trennen. Seine Hände wandern unter mein Shirt, streicheln die Haut dort, woraufhin ich eine Gänsehaut bekomme. Ich atme rasselnd aus. Er grinst, was allerdings nicht bedeutet, dass er damit aufhören wird oder sich endlich so weit nähert, dass ich ihn küssen kann.
„Oder als er sie kennen lernt?" Er entfernt sich noch weiter von mir, setzt sich halb auf. Ich nutze die Gelegenheit und will ihn zurück ziehen, aber er schüttelt den Kopf. Dann liegt er wieder neben mir, als wäre nichts passiert. Als hätte ich nicht aufgehört zu atmen. Als wäre mir jetzt nicht ganz schummrig im Kopf. Als würde ich mich nicht danach verzehren, ihn endlich zu küssen. Von der Seite sehe ich, dass er selbstzufrieden grinst. Ich sehe aber auch, dass ihn das ganze gerade nicht ganz kalt gelassen hat. Verdammt, es hat ihn ganz und gar nicht kalt gelassen.
In meinem Vorhaben bestätigt, warte ich nicht lange, ehe ich mich rittlings auf ihn drauf setze. Das selbstzufriedene Grinsen verschwindet aus seinem Gesicht, als er leise: „Fuck", hervorstößt.
„Ich dachte eher, Charming singt, wenn das Publikum ihn als den liebenden Sohn", ich neige mich näher zu ihm herab, lege endlich eine Hand an seine Wange und die andere auf seinen Bauch, den er unter meiner Berührung natürlich anspannt.
„und als den liebenden Bruder kennenlernt." Er hebt den Kopf an, aber was er kann, kann ich schon lange. Ich weiche genauso viel zurück, dass wir uns nicht küssen. Dann wandern meine Hände an den Saum seines Tshirts, er hebt den Oberkörper an. In einer fließenden Bewegung reiße ich es ihm vom Körper. Er beschwert sich nicht.
„Oder wenn er unten an der Treppe steht und fragt, ob-" Meine Hand liegt auf seinem Herzen. Ich spüre seinen Herzschlag und schlucke. Seine Hand wandert in meinen Nacken, er schließt und öffnet die Augen.
„Ob?" Er bewegt die Hüften. Ich schlucke erneut. Heftig. Plötzlich bin ich nicht mehr über ihn gebeugt, sondern sitze in seinem Schoß. Er liegt nicht mehr, sondern sitzt. Seine Hand gräbt sich in meine Haare, die andere befindet sich an meinem BH-Verschluss, verharrt dort, wartet. Ich atme tief durch.
„Ob...", worum ging es noch gleich?
„Wenn Charming fragt, ob im Haus noch jemand anders wohnt", flüstere ich schließlich in einem letzten klaren Moment. Danach geht alles ganz schnell. Unsere Lippen treffen, noch während ich spreche, aufeinander. Es fühlt sich an, als hätten wir uns noch nie zuvor geküsst. Ich seufze, als er mir Tshirt und BH über den Kopf zieht. Und von da lässt nichts mehr auf sich halten.
Es ist verdammt früh, als ich Montagmorgen die Haustür hinter mir schließe. Mikael steht mit einer riesigen Tasse Kaffee am Fenster und winkt mir grinsend zu. Seit Samstagnacht hat sich unser Verhältnis verändert. Zu Beginn lief er um mich herum wie auf heißen Kohlen, dann machte er unsichere Bemerkungen und riss Scherze, mittlerweile können wir wieder miteinander reden, ohne dass er sich für seinen Zusammenbruch schämt.
Ich schleife meinen viel zu vollen Koffer die Treppen vor unserem Haus hinunter und rolle ihn dann zum Bürgersteig, wo Khans Wagen bereits auf mich wartet. Er lehnt an der Beifahrertür und telefoniert. Satzfetzen wie: „du mich auch", und „nein, Mann", dringen zu mir durch. Mit wem er wohl redet? Um diese Uhrzeit? Sechs Uhr morgens? An einem Montag?
Als er das Rollen meines Koffers hört, dreht er sich zu mir um. Überrascht blickt er zwischen mir und meinem Haus hin und her und schüttelt dann den Kopf, als habe er nicht mitbekommen, dass ich schon da bin. Ich lächle.
„Rich, ich muss auflegen", sagt er. An mich gewandt legt er eine Hand über den Hörer und fügt ein: „Guten Morgen, Blondie", hinzu. Als er grinst, grinse ich zurück.
„Morgen, Charming." Ich höre ein Husten und bemerke erst eine Weile später, dass es von der anderen Leitung kommt. Eine leise Stimme ertönt, ich verstehe nicht, was genau er sagt, aber es muss etwas neckendes sein, denn Khan läuft leicht rot an.
„Halt die Klappe", knurrt er in den Hörer. Ich lache. Laut. Schließlich werfe ich einen Blick zurück und sehe meinen Bruder immer noch am Fenster stehen. Er beobachtet uns. Ich zwinkere ihm zu und er schüttelt nur den Kopf.
„Tja, tut mir leid, ihr Turteltäubchen, aber wir sollten vielleicht mal losfahren", sage ich, weil Mikael nur eine Hand hebt und auf seine imaginäre Uhr tippt. In einer halben Stunde ist Treffpunkt an der Schule. Khan runzelt die Stirn.
„Was denn?" Ich strecke ihm die Zunge raus und gehe um den Wagen herum zum Kofferraum. Aber ehe ich den Koffer anheben kann, hat er ihn mir aus der einen Hand genommen und sein Handy stattdessen hinein gelegt. Ich nehme an, dass er aufgelegt hat, aber als ein „Khan?", von der anderen Seite erklingt, zucke ich leicht zusammen und lasse das Handy beinahe fallen.
„Knapp daneben", ich halte das Handy an mein rechtes Ohr. Khan wirft mir einen belustigten Blick zu.
„Du bist dann vermutlich Rich, der in Frankreich oder Deutschland sein letztes Schuljahr macht?", frage ich.
„Du kommst schnell zum Punkt, huh, Blondie?" Ich beiße mir auf die Lippe. Eigentlich nicht. Eigentlich rede ich gerne um den heißen Brei herum.
„Hey!", macht Khan, der die Worte seines besten Freundes natürlich gehört hat.
„Ich bin der einzige, der sie Blondie nennt."
„Besitzergreifend much?", murmelt Rich vor sich her, aber ich höre die Belustigung in seiner Stimme.
„Oh... Ja, könnte man so sagen", stimme ich ihm zu, woraufhin ein Lachen ertönt. Sobald mein Koffer in seinem Auto liegt, verlangt Khan sein Handy zurück, doch ich werfe nur einen Blick auf meine eigene imaginäre Uhr und schüttle dann den Kopf, bedeute ihm, es sich auf dem Fahrersitz gemütlich zu machen.
„Ich lerne gerade Rich kennen", erkläre ich, während ich neben ihn ins Auto rutsche. Khan fährt mit quietschenden Reifen los, weil wir beide wissen, dass wir spät dran sind.
„Übrigens, Khan", sagt Rich, woraufhin ich den Lautsprecher anstelle. Khan macht ein: „Hm?"
„Ich finde es sehr aufmerksam von dir, dass du nicht mal weißt, in welchem Land ich mich gerade befinde. Weißt du überhaupt, auf welchem Kontinent ich bin?" Khan läuft prompt rot an. Ich lache. Wenn hier einer sofort zum Punkt kommt, dann ja wohl Rich.
„Natürlich weiß ich, wo du deinen Abschluss machst!", protestiert Khan.
„Wo denn?", das Grinsen in Richs Stimme lässt darauf schließen, dass er ihn nur auf den Arm nimmt. Die beiden sind sich gleichzeitig so ähnlich und doch so verschieden, ich finde sie adorable.
„Eh..." Khan kratzt sich am Kinn. Der Dreitagebart ist immer noch allgegenwärtig und langsam gewöhne ich mich an ihn. Ich lache leise.
„Costa Rica", sagt Khan schließlich, verdreht die Augen und biegt dann scharf rechts ab. Ich reiße die Augen auf.
„Sehr witzig", Richs Stimme wird kurz leiser und er sagt etwas auf einer Sprache, die mir unbekannt ist.
„Ich weiß. Deswegen habe ich es ja gesagt. Natürlich weiß ich, dass du in Deutschland bist." Diesmal verdrehe ich die Augen. Mit dem Mund forme ich die Worte: „Ernsthaft?" Khan grinst und legt eine Hand auf meinen Oberschenkel. Sofort wird mir warm.
„Das sagst du auch nur, weil du gehört hast, wie ich gerade auf deutsch geredet habe", lacht Rich.
„Wie dem auch sei, Leute, war mir eine Ehre, dich endlich kennengelernt zu haben, Stew." Er betont meinen Namen absichtlich und ich gebe Khan einen spielerischen Knuff in die Seite, woraufhin dieser eine Schnute zieht.
„Ich muss jetzt aber leider los." Ich runzle die Stirn.
„Müsste es bei euch nicht spät am Abend sein", will ich wissen. Khan lacht.
„Es ist neun", antwortet Rich, als wäre das nichts verqueres.
„Was hast du um neun Uhr abends großes vor?" Bevor Rich antworten kann, hat Khan das Wort ergriffen.
„Feiern. Ladys aufreißen. Drogen nehmen. Das sind Richs Hobbys."
„Pscht, Khan! Das FBI hört mit, verdammt!" Beide lachen sie, während ich vollkommen verdutzt mitten drin sitze. Khan hält an einer Ampel und ich stelle fest, dass wir die Schule beinahe erreicht haben.
„Nein, Rich kellnert."
„In einem Restaurant."
„Bis spät in die Nacht."
„Genau."
„Erst danach geht er feiern und reißt die Ladys auf."
„Gena- Hey, was?"
Khan grinst.
„Bis bald, alter Freund", sagt er und bedeutet mir, aufzulegen. Was ich tue. Nicht aber bevor ich Richs „Idiot" gehört habe. Ich lache, schließe sein Handy und lege es in das Fach zwischen uns.
„Ihr seid süß", spreche ich meine Gedanken laut aus.
„Du bist süß!", spricht er seine Gedanken laut aus, parkt das Auto auf dem beinahe leeren Schulparkplatz und gibt mir einen innigen verspäteten Begrüßungskuss. Ich laufe knallrot an.
„Charming", flüstere ich, als der Begrüßungskuss droht, auszuarten. Ehe das allerdings passieren kann, klopft es an mein Fenster. Wir springen auseinander, als hätte der Teufel geklopft. Khan lässt das Fenster runter und zum Vorschein kommt: Duck.
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