Vierzehn
„Ich wollte nicht, dass du es so erfährst. Eigentlich wollte ich überhaupt nicht, dass du es erfährst." Khans Hand auf meinem Rücken gerät ins Stocken. Bestimmt fünf Minuten lang habe ich in sein Hemd geschluchzt, das jetzt voll mit Mascara und Rotz sein müsste.
„Warum?", fragt er. Ich bringe etwas Abstand zwischen uns, spiele mit dem Kragen seines Hemdes.
„Ich...", meine Kehle brennt, genauso wie meine Augen. Ich möchte es ihm nicht erklären. Es hört sich dumm und idiotisch an und ich habe schon viel zu viel erzählt.
„Du solltest mich gut genug kennen, um zu wissen, dass ich dich niemals verurteilen würde." Seine Stimme klingt sanft und weiterhin beruhigend, aber es schwingt auch ein Unterton mit, den ich von ihm nicht gewöhnt bin. Verletzlichkeit. Er ist verletzt. Weil ich ihm nicht vorher davon erzählt habe? Weil ich nicht komplett ehrlich mit ihm war? Weil ich dachte, es würde unsere Beziehung, unsere Freundschaft kaputt machen? Ich kneife die Augen zu.
„Ich weiß das. Sehr gut sogar. Du bist vermutlich der einzige Mensch auf diesem Planeten, der mich nicht verurteilen würde, wenn ich ihm offenbaren würde, dass ich eine Bank ausgeraubt habe." So tickt Khan.
„Ich weiß aber auch, dass du vermutlich nach meinem Bruder der Mensch bist, der sich auf diesem Planeten die größten Sorgen machen kann – ob jetzt um mich oder um... sonst wen", seufze ich, in Gedanken gleichzeitig bei seinem Dad.
„Und ich... ich hasse es, wenn man in mir nicht mich sondern meine Krankheit sieht." Er runzelt die Stirn und ich muss mich davon abhalten, ihm zu sagen, dass es nicht so wirkt, als würde er das tun. Dennoch.
„So lief das auf der Dragon. Ich war nur einen Monat auf Probe da, aber traf eine Freundin aus dem Therapiezentrum, die offen mit ihrer Krankheit umgegangen ist, wieder. Irgendwann ist sie auch offen mit meinem Problem umgegangen und die ganze Schule schien praktisch über uns zu reden. Ich bin..." Was ich bin ich? Mir liegen die Worte auf der Zunge, aber ich weiß nicht, wie ich sie verpacken soll.
„Du bist kein offener Mensch. Dafür braucht man kein Genie sein." Einer seiner Mundwinkel zuckt und ich lächle zaghaft und müde zurück.
„Du redest von Macy Anders. Sie ist... speziell. Stand mal auf Rich und ist ihm wie ein Hündchen hinterher gelaufen. Als er ihr eine Abfuhr erteilte, hätte sie sich fast vor ein fahrendes Auto geworfen." Ich presse die Lippen zusammen.
„Macy ist keine schlechte Person", verteidige ich sie. Sie war die einzige, mit der ich mich damals im Therapiezentrum anfreunden konnte. Und während sie, genau wie er sagt, speziell war, war sie nett und offen und so unvoreingenommen, dass ich sie ins Herz schloss. Bis sie der Schule erzählte, wir seien „die kaputten Schwestern" oder sowas in der Art. „Beste Freundinnen, die sich gegenseitig von ihren psychischen Erkrankungen befreien", meinte sie einmal und ihr könnt euch denken, wie ich darauf reagiert habe, als zwei Typen an uns vorbei gingen und über diese Bemerkung nur lachen konnten. Richtig, ich verschwand heulend auf dem Klo.
„Sie hat selbst mit tausend Dämonen in ihrem Kopf zu kämpfen, die ich mir nicht mal ausmalen kann." Die Sache mit dem Vors-Auto-Werfen hat mir Macy damals nämlich anders erzählt. Ein Suizidversuch, der schief lief. Nicht wegen Rich oder wegen einem anderen Menschen. Macy war – sie ist vermutlich immer noch – depressiv, schwer bipolar.
„Wie dem auch sei...", ich atme einen Schwall kalter Luft aus. Er bildet eine Wolke vor meinem Mund. Kalt. Eiskalt. Khans Hände reiben mir über die Arme und ich lächle leicht.
„Deshalb war ich damals dort und als Mum es dir gegenüber erwähnt hat, hatte ich Angst."
„Angst, ich könnte dich wiedererkennen?" Khan hebt eine Augenbraue. Ich nicke.
„Stew", raunt er.
„Ich hatte dich noch nie gesehen, bevor ich dich damals auf dem Flur aufgefangen habe. Du warst ein neues Gesicht und selbst wenn ich dich auf der Dragon einmal gesehen haben sollte, ich hätte mich nicht an dich erinnert. Dort gibt es zu viele Menschen und vor drei Jahren war ich grundsätzlich nicht der Khan, den du heute kennst. Selbst, wenn ich mich an dich erinnert hätte, ich bin nicht Macy. Ich gehe nicht auf dich zu und posaune deine tiefsten Geheimnisse heraus. Ich... Für gewöhnlich warte ich bis du dich mir öffnest." Oder bis ich die Bombe platzen lasse und ihn brauche, um zu heulen.
„Bis du es selbst willst." Er gibt mir einen Kuss auf die Schläfe.
„Ich kann nicht fassen, was du alles in deinem kurzen Leben schon durchstehen musstest", flüstert er.
„Khan...", setze ich an, möchte ihn stoppen. Was ich habe durchstehen müssen? Ich trage selbst meine Schuld daran, das würde Grandma Dexter jetzt sagen. Ich...
„Nein." Seine Stimme ist jetzt fest und er hält mich ein Stück von sich weg.
„Es ist nicht fair, egal, was manche Menschen zu dir sagen. Mein ganzes Leben lang hab ich Essen für selbstverständlich genommen, für etwas, das man braucht, das man will. Ich dachte, das ginge ungefähr jedem so. Menschlicher Trieb eben, kennst du Freud?" Er beißt sich auf die Lippe. Als ich den Mund öffne, unterbricht er mich.
„Das war eine rhetorische Frage. Was ich sagen will, du bist nicht deine Krankheit, Stew. Du bist nicht deine Vergangenheit. Du bist die Person, die da drin ist." Er tippt mir gegen die linke Brust, dorthin, wo mein Herz anfängt, stärker zu klopfen. Ich schlucke.
„Trotzdem." Er zieht mich noch enger an sich, sodass ich seinen Herzschlag spüren kann – und er meinen.
„Was du durchmachst, ist real." Was ich durchmache? Ich mache gar nichts durch. Das gehört der Vergangenheit-
„Und wenn wir uns deswegen um dich sorgen, dann ist das nichts schlechtes. Ich will nicht mal darüber nachdenken, wie es sich anfühlen würde, dich zu verlieren." Ein dich auch noch schwingt in seinen Worten mit. Meine Augen brennen wieder. Es fühlt sich an wie Feuer.
„Weißt du, warum du mir damals aufgefallen bist? Nicht nur wegen den Highheels oder den FlipFlops, oder weil du dir ausgerechnet meine Arme ausgesucht hast, um dich aufzufangen. Nein. Du wirktest so unglaublich kontrolliert, voller Optimismus. Gleichzeitig lag in deinen Augen manchmal dieser Blick. Als ob du mehr wüsstest als wir anderen Sterblichen. Stellt sich heraus, dass du das tust. Ich habe mich nicht in dich verliebt, weil du krank bist oder weil du auf mich gewirkt hast, als könntest du Hilfe gebrauchen, ich hab mich in dich verliebt, weil du stark bist, weil du ein unglaubliches Herz hast, das auch dann noch für andere schlägt, wenn es längst aufgehört hat für dich selbst zu schlagen. Deshalb finde ich, solltest du mich das tun lassen. Lass mich für dich da sein, lass mich mich um dich sorgen."
Er holt rasselnd Luft, sein Blick flackert kurz, wandert an meinem Gesicht vorbei und zurück. Fest sieht er mir in die Augen.
„Lass mich dich lieben." Mir stockt der Atem. Meine Augen brennen, in meinem rechten Bein zuckt es und ich fühle mich, als würde ich gleich in die Luft empor steigen und in tausend kleine Einzelteile zerspringen. Ich habe genug Tränen für einen Abend geweint, und weil ich nicht weiß, wie ich auf diese Worte reagieren soll, seufze ich leise und lehne mich dann an ihn, lege mein Kinn auf seiner Schulter ab. Seine Arme legen sich um mich und für eine Weile umarmen wir uns. Lass mich dich lieben.
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