Vierzehn
Wir unterhalten uns noch eine Weile über das Theaterstück, das ihn ebenso zu interessieren scheint wie mich. Er willigt ein, am Samstag mit uns Schlittschuh-fahren zu gehen. Dann kehren Kerstin und Paul irgendwann heim, geben mir meine Bezahlung und ich verabschiede mich mit einem „Gute Nacht", von den dreien. Da es nach Mitternacht ist, beschließe ich, mich bei Darren ein zu quattieren. Ich habe eine zweite Garnitur Kleidung bei ihm und meinen Schulrucksack sowieso dabei. Erst als ich vor seinem Haus stehe, fällt mir auf, dass ich Khans Shirt trage. Das Shirt, das auch nach ihm riecht.
Ehe ich überlegen kann, ob ich nicht doch lieber an der Bushaltestelle schlafen soll, öffnet sich die Haustür. Darren, der nicht mehr krank aussieht, steht vor mir. Sein Blick wird weich, als er mich erblickt. Schweigend stehen wir einander gegenüber. Der Streit hängt uns beiden nach und irgendwie kann sich keiner dazu überwinden, sich zu entschuldigen. Insbesondere weil jeder findet, dass er selbst recht hat. So läuft das bei uns immer.
Irgendwann drückt Darren mich einfach an sich. So liegen wir uns gefühlte zehn Stunden in den Armen. Dann zieht er mich wortlos ins Haus, schließt die Tür hinter mir, nicht ohne einen Blick nach draußen zu werfen und schleust mich nach oben in sein Zimmer. Dort fackelt er nicht lange. Sein T-Shirt liegt auf dem Boden, ehe ich über die Türschwelle getreten bin. Die Zimmertür fliegt hinter mir zu.
Nichts ist zwischen uns geklärt. Will er jetzt ernsthaft...? Anscheinend schon. Als nächstes liegt das T-Shirt, das ich mir von Khan geliehen habe, zu unseren Füßen. Darren scheint gar nicht zu registrieren, dass es mir viel zu groß ist und auch nicht nach mir riecht oder aussieht. Er will nur eins und das geht mir gerade gehörig gegen den Strich.
„Darren", sage ich, als er mich küssen will. Was er dann auch tut. Wir küssen uns und ich kann natürlich nicht widerstehen. Dann lässt er mich kurz los, was ich nutze, um ihn zu stoppen.
„Darren." Diesmal bestimmter. Ich seufze, laufe zum Lichtschalter und knipse das grelle Licht an. Endlich reagiert er.
„Stew", setzt er an, stockt. Seine Bauchmuskeln bewegen sich mit, während er sich durch die goldenen Haare fährt. Zerknirscht. An seiner Stelle wäre ich womöglich auch zerknirscht. Genau darum geht es schließlich. Ich verschränke die Arme vor meinem halbnackten Oberkörper. Klar, er weiß wie ich nackt aussehe, aber unwohl fühle ich mich trotzdem.
„Wir können nicht einfach so weiter machen, als wäre nichts gewesen. Das ist nicht richtig." Ich setze mich auf seine Bettkante. Nur im BH wird mir allmählich kalt, also suche ich den Boden nach meinem oder besser gesagt Khans T-Shirt ab. Es liegt neben Darrens Füßen. Ich deute mit dem Finger darauf und er folgt meiner wortlosen Anweisung ebenso wortlos.
„Ich möchte nicht, dass das zwischen uns steht", flüstere ich, obwohl ich das Gefühl habe, dass er es gar nicht realisiert. Er steht bloß stumm neben mir. Ich ziehe mir das T-Shirt über und versuche nicht in Khans Duft zu versinken. In gewisser Weise schenkt es mir Wärme.
„Woher kommt das Shirt?", will Darren auch schon wissen. Klar, dass ihn das als erstes interessiert.
„Ich hab mir ein Glas Wasser über gegossen, also war Khan so lieb mir eines von seinen zu leihen", sage ich ehrlich. Darren hebt eine Augenbraue.
„Du warst wieder bei Khan?"
„Ich babysitte seinen kleinen Bruder, Darren." Er weiß das. Ich habe ihm Sonntag erzählt, dass ich heute wieder babysitten würde. Und in seiner SMS hat er mich noch gebeten, Khan etwas zu fragen... Was ist nur los mit Darren?
„Und Khan ist währenddessen anwesend", sagt er, seine Stimme bitter. Ja gut.
„Er ist gerade gekommen, als es passiert ist", lüge ich – zu unserer beider Sicherheit.
„Er steht auf dich."
„Er hat mir nur sein T-Shirt geliehen."
„Er steht auf dich."
„Er steht nicht auf mich."
„Stehst du auf ihn?" Diese Frage erwischt mich so eiskalt, dass ich die Augen aufreiße.
„Was? Nein!" Mein Herz krampft sich zusammen. Ich mag Khan, das ja, aber ich stehe nicht auf ihn. Ich mag es mit ihm zusammen zu sein, er lenkt mich ab und er... Nein, ich stehe nicht auf ihn. Jedenfalls rede ich mir das ein.
„Stew." Darren holt rasselnd Luft. Sein Adamsapfel hüpft auf und ab.
„Vielleicht sollten wir eine Pause einlegen", schlägt er leise vor. Ich glaube mich verhört zu haben. Mein Herz bleibt stehen. Wortwörtlich.
„Eine Pause?" Meine Stimme zittert. Das kann er unmöglich ernst meinen. Ich halte die Luft an und mir wird schwarz vor Augen.
„Eine Pause in unserer Beziehung." Oh mein Gott.
„Du willst mich doch verarschen." Meine Stimme ist rau. Ich klinge viel zu gefasst dafür, dass ich innerlich gerade zerbreche. Dass mein Herz bricht. In einem Moment zieht er sich aus, im nächsten will er Schluss machen. Ich habe das Gefühl auf dem Bett eines Fremden zu sitzen.
„Du willst mit mir Schluss machen, weil ich Khans kleinen Bruder babysitte? Oder weil ich eben keine Lust hatte mit dir zu schlafen? Ist es das, Darren? Geht es dir eigentlich immer nur um Sex? Ich verstehe ja, dass du ein pubertierender Kerl bist, aber so schwanzgesteuert kannst du doch gar nicht sein!" Ich schreie fast.
„Stew." Seine Stimme ist ruhig. Zu ruhig. Zu leise.
„Warum möchtest du mit mir Schluss machen?" Letzte Woche war noch alles gut. Wir waren glücklich miteinander. Er hat selbst gesagt, dieses Jahr würde verdammt perfekt werden. Himmel, wir waren drei Jahre zusammen! Bin ich schuld, dass unsere Beziehung nicht mehr das ist, was sie mal war? Weil ich mich nicht entschuldigt habe? Vielleicht hätte ich das Babysitten sein lassen sollen, dann wäre ich am Freitag auf der Party gewesen und wir hätten es nie zu einem Streit kommen lassen. Und...
„Ich möchte nicht mit dir Schluss machen. Nur eine Pause. Dann kannst du dir deiner Gefühle klar werd..." Schnaubend unterbreche ich ihn. Nein. Verdammt. Ich bin nicht schuld.
„Ich soll mir meiner Gefühle klar werden? Du willst das allen Ernstes auf mich schieben. Ach ja, ich bin ja die Frau in dieser Beziehung, die ist immer Schuld." Jetzt stehe ich auf, ich ertrage es nicht länger in diesem Raum mit ihm zu sein. Wie konnte innerhalb der letzten neun Tage alles schief laufen? Mit wackeligen Beinen steuere ich auf die Tür zu. Mir ist schlecht.
„Stew, warte." Darren erreicht seine Zimmertür vor mir.
„Es tut mir leid. Ich weiß nicht, warum ich das vorgeschlagen habe."
„Ich glaube, du weißt genau, warum du es vorgeschlagen hast", erwidere ich, spucke es ihm fast ins Gesicht. Meine Wut wandelt sich in Abscheu.
„Was ist es? Bin ich dir nicht mehr genug? Hast du eine andere kennengelernt? Himmel, rede einfach mit mir. Aber schieb mich nicht weg, bevor du mir nicht erklärt hast, was mit dir los ist."
„Es tut mir leid, Stew. Ich-", doch ehe er ein weiteres Wort sagen kann, bin ich nach draußen gestürmt. Und er lässt mich gehen, versucht nicht, mich bei sich zu behalten. Dass ihm so wenig an mir liegt, hätte ich nicht geglaubt. Er kann doch nicht... während ich die Treppe runter poltere, spüre ich eine dicke fette Träne über meine Wange kullern.
Nach allem, was wir zusammen erlebt haben, schreibt er mich einfach ab. Wegen einem doofen Streit. Sind wir jetzt nicht mehr zusammen? Machen wir eine Pause? Was ist das zwischen uns? Wo bleibt die Kommunikation, die ich an unserer Beziehung immer so geschätzt habe... Ich stürme aus dem Haus und lasse die Tür einfach offen stehen. Als würde er mir doch noch hinterhergerannt kommen. Was er nicht tut.
Unkontrollierbare Tränen verlassen meine Wangen. Ich sehe kaum, wo ich hinlaufe, erkenne nur, dass es die Bushaltestelle ist, weil die wenigen Autos, die um die Uhrzeit durch die Straßen düsen, so stark leuchten. Würde ich heute von einem Auto angefahren werden, es wäre mir ehrlich egal. Ich weiß schon, was ihr jetzt denkt. Ein paar Autofahrer hupen sogar, weil ich die Straße überquere, ohne auf die Ampel zu achten.
Dass ich wegen Darren so einen Aufriss mache, ist unter aller Sau. Er ist nur ein Typ. Ein Typ, mit dem ich zufällig drei Jahre lang zusammen war. Aber unsere Beziehung hat mich glücklich gemacht. Und Glück war genau das, was ich die letzten Jahre gebraucht habe. Was ich jetzt gerade brauche.
Ich lasse mich im Bushaltehäuschen auf einen der drei Sitze fallen. Drei Jahre. Drei Jahre. Wir haben viel schlimmeres überstanden als das hier. Ich weiß nicht mal, was das hier überhaupt sein soll. Er muss doch einen gescheiten Grund dafür haben.
Ich sitze eine gefühlte Ewigkeit heulend an der Haltestelle und es ist mir sogar egal, dass ich nicht alleine bin. Es ist mir einfach alles egal. In dem Moment, in dem Darren die Pause vorschlug, hat sich dieser Schalter vor meine Gefühle gelegt. Gleichgültigkeit hat dann, sobald ich das Haus verließ, meine Seele aufgefressen. Gleichzeitig hat er irgendwie meine Tränendrüse kaputt gemacht, denn die funktioniert nicht mehr – die Tränen laufen und laufen und nehmen gar kein Ende. Sie sind das einzige, was ich im Augenblick fühle.
„Stew!" Darrens Stimme. Ich schnaube leise. Jetzt bilde ich mir schon ein, er wäre mir doch noch gefolgt.
„Stew." Nochmal. Diesmal näher. Eine Gestalt steht vor mir. Ich blicke nicht auf.
„Du kannst mich mal." Halluzination hin oder her. Er kann mir gestohlen bleiben.
„Stew, es tut mir leid." Darren kniet sich zu mir runter, er trägt tatsächlich wieder ein Shirt und nimmt mein Gesicht in seine Hände. Ich schlage seine Hände weg, kurz davor ihm eine ohrfeige zu geben.
„Fass mich nicht an." Wie kann man überhaupt vom Rummachen zum Schlussmachen switchen? So innerhalb weniger Minuten? Total absurd. Darren ist total absurd.
„Es tut mir leid. Ich bin ein Arschloch. Ich möchte keine Pause." Er kniet weiterhin vor mir, aber ich sehe ihn nicht an. Man sagt, man realisiert erst, was man hatte, wenn man es nicht mehr hat. Sein Pech.
„Es geht ja auch immer um das, was du möchtest, richtig?" Gott, ich habe es so satt.
„Ob es dein dämliches Sportstipendium ist, dass du doch sowieso bekommst und eigentlich gar nicht brauchst. Oder der Ablenkungssex, wenn du ausnahmsweise ein Spiel verloren hast. Hauptsache, du bist glücklich und bekommst, was du willst." Gegen Ende wird meine Stimme leiser, sie ist fast weg, weil ich so viel geschrien habe. Er runzelt die Stirn.
„So siehst du das mit meinem Stipendium also?" Er schüttelt den Kopf und lacht ironisch auf. Genau. Jetzt bin ich wieder die Böse. Er soll gehen. Oder will er mich ein zweites Mal zerbrechen?
„Und tu nicht so, als hätte dir der Sex keinen Spaß gemacht."
„Gott, darum geht es doch gar nicht", krächze ich. Wieso muss er alles so drehen und biegen, wie er will. Es geht nicht um den verdammten Sex.
„Du bist derjenige, der eine Pause will." Oder sie nicht will. Whatever. Ich weiß nur, dass mich das gerade verdammt kaputt macht. Und ich möchte nicht kaputt sein. Nie wieder.
„Stew", jetzt klingt er wieder sanfter, so weich, fast schon versöhnlich. Diese Situation ist so surreal. Ich hätte nicht zu ihm gehen sollen. Ich hätte einfach direkt zur Bushaltestelle gehen sollen. Dann wären wir noch zusammen. Aus brennenden Augen blicke ich zu ihm auf. Die Tränen kleben mittlerweile trocken auf meinen Wangen. Igitt. Ich sehe ihn nur verschleiert.
„Geh", wispere ich, blinzle dreimal. Und in dem Augenblick, in dem er endgültig verschwindet, ohne noch etwas zu sagen, ohne es ein weiteres mal zu versuchen, da geht auch mein Herz. Oder nein, es löst sich viel mehr in Luft auf.
// kommt mir gerade voll schnell vor, der ganze Break-Up kram, ups...
mal gucken was nach der Überarbeitung daraus wird xxx
Bạn đang đọc truyện trên: Truyen247.Pro