Vierundvierzig
Am nächsten Tag gehe ich meiner sogenannten Familie bestmöglich aus dem Weg. Ich schließe mich in meinem Zimmer ein und komme nur einmal raus, um Mikael darum zu bitten, meinen Termin bei Miss Nadine auf den Mittwoch zu verschieben.
„Dann wirst du den Bus nehmen müssen", sagt er, woraufhin ich leise stöhne.
„Es geht nicht anders." Schließlich willigt er ein und verspricht, Miss Nadine gleich am nächsten Morgen anzurufen. Die wird sich freuen. Die nächsten Tage verlaufen gleichsam monoton und einsam. Unsere erste Probe und die Euphorie, die damit einher geht, wird von all dem Klatsch und Tratsch überschattet.
Darren und ich haben Freitagabend anscheinend eine ganz schön heftige Szene geboten. Die meisten meiner Mitschüler werfen mir gleichzeitig mitleidige und neugierige Blicke zu, die ich gekonnt ignoriere. Wir sind zu ihrer persönlichen Seifenoper geworden. Darren besitzt nicht mal den Anstand zur Schule zu erscheinen. Anne übrigens auch nicht. Sie sehe ich nach unserer Probe am Montag nicht mehr.
Naja und wenn ich nicht gerade dabei bin, Blicke zu ignorieren und so zu tun, als würde ich die Theorien der Leute zu Darrens und meiner Beziehung nicht hören, weiche ich Khans Fragen aus – zugegeben, vielleicht gehe ich ihm sogar ein bisschen aus dem Weg. Er fängt mich dann Mittwoch nach dem Nachmittagsunterricht trotzdem ab.
„Schluss mit Trübsal blasen!", sagt er bestimmend. Er hat leicht reden. Seine Eltern wollen ihn schließlich nicht alleine lassen.
„Wir machen einen Ausflug", behauptet er und lotst mich zu seinem Wagen. Ich seufze und halte ihn auf.
„Ich kann nicht." Heute nicht. Heute muss ich zu Miss Nadine. Er hebt beide Augenbrauen und wartet. Auf eine Antwort? Mir wird schlecht. Er darf unter keinen Umständen erfahren, wo ich hin muss.
„Ich treffe mich mit einer alten Freundin", lüge ich.
„Und vorher muss ich zum Arzt." Zumindest keine riesige Lüge. Miss Nadine könnte als Arzt durchgehen. Ich weiche seinem Blick aus und mache einen Bogen um ihn herum. Wieder ist da sein Arm, der mich zurück hält. Unter seiner Berührung bekomme ich eine Gänsehaut.
„Aber ich bin pünktlich wieder hier, um auf Aiden aufzupassen. Dann könnt ihr ganz normal ins Training gehen." Dass ich mich dazu extrem beeilen muss und ehrlich gesagt befürchte, doch nicht ganz so pünktlich zu kommen, erwähne ich nicht. Er fasst mir unter das Kinn und hebt meinen Kopf an, sodass ich ihm in die Augen sehen muss. Mein Herz macht einen kleinen Hüpfer.
„Soll ich dich zum Arzt fahren? Etwas Gesellschaft tut dir bestimmt gut." Unsere Gesichter sind sich jetzt unglaublich nah. Unauffällig betrachte ich seine vollen roten Lippen. Seine Berührung ist komisch nebensächlich, als wäre es selbstverständlich, dass er mein Gesicht in seinen Händen hält.
„Khan", seufze ich, mache mich los. Nicht nur die Tatsache, dass ich nicht verstehe, was ich in seiner Gegenwart im Moment fühle. Ich will auch nicht, dass er sich ständig Sorgen macht und sich wie ein zweiter großer Bruder verhält. Dafür steht zu vieles unausgesprochen zwischen uns. Und vielleicht will ich auch gar nicht, dass er wie ein Bruder für mich ist...
„Ich kann dich fahren", beharrt er stirnrunzelnd.
„Zu weit weg", antworte ich und presse die Lippen auf einander. Das stimmt sogar. Ich drehe mich um und werfe demonstrativ meine Haare über die Schulter. Diese Geste habe ich nicht mehr gemacht, seit ich das Cheerleading aufgegeben habe. Seine nächsten Worte lassen mich erstarren.
„Du kannst mich nicht ewig von dir wegstoßen, Stew." In seiner Stimme liegt so ein Ton, eine Mischung aus Schmerz und... etwas undefinierbarem.
„Ich mache mir Sorgen um dich." Etwas bricht in mir.
„Ich hab schon einen großen Bruder, der sich um mich sorgt. Einen zweiten kann ich nicht gebrauchen."
Während ich davon laufe, höre ich ihn leise sagen: „Du weißt genau, dass ich nicht dein Bruder sein will." Very charming, Prinz Charming. Schweren Herzens ignoriere ich seine Worte und sehe von diesem komischen Drang ab, der sich in meinem Körper regt, zu ihm zurück zu laufen und doch tatsächlich meine Lippen auf seine zu legen, ihm zu sagen, dass ich auch nicht will, dass er wie ein Bruder für mich ist.
In der Therapiestunde fragt mich Miss Nadine gute fünf Mal, ob es mir gut geht, wie ich mich fühle und ob sie mir wieder Tabletten verschreiben soll. Anscheinend mache ich wirklich keinen guten Eindruck auf meine Mitmenschen. Schließlich gebe ich nach und erzähle ihr vom Umzug – oder sollte ich besser sagen, Auszug – meiner Eltern. Auf die Frage, was ich dabei empfinde, fange ich an zu weinen.
Unsere Sitzung endet in einem Chaos. Ich leere ihre Taschentuchpackung, verpasse meinen Zug und komme ganze 15 Minuten zu spät zu den Mayfields. Khan und sein Dad sind bereits weg, als mich Kerstin in die Küche führt, wo Aiden(Deja Vu) sein Nutellabrot verdrückt. Der Anblick der braunen Masse verschafft mir auch nicht unbedingt eine bessere Stimmung.
„Es geht mich nichts an, Stew, aber geht es dir gut?" Kerstin knöpft sich ihre Schwesternkluft zu und sieht mich über den Rand ihrer Lesebrille hinweg besorgt an. Ich hole rasselnd Luft. Vom Weinen brennen meine Augen. Wahrscheinlich sieht man mir an, dass ich geheult habe. Gott, das ist so verdammt peinlich.
„Khan hat dich drum gebeten zu fragen, oder?", hake ich nach, ohne auf ihre Frage einzugehen. Sie hebt beide Augenbrauen, dann schüttelt sie den Kopf. Ich bin ehrlich überrascht.
„Nimm es mir nicht übel, aber die letzten Male, die ich dich gesehen habe, wirktest du... niedergeschlagen." Kerstin mustert Aiden, der von unserer Unterhaltung nichts mitzubekommen scheint.
„Meine Eltern wollen mich mit meinem Bruder alleine lassen", platzt es aus mir heraus, ehe ich mich zurück halten kann. Kerstin runzelt die Stirn. Sie ist die erste Person, der ich wirklich freiwillig davon erzähle. Keine Ahnung, warum ich ehrlich ihr gegenüber bin, aber nicht den Mut aufbringen kann mit ihrem Sohn zu reden.
„Mit meinem großen Bruder", verbessere ich.
„Ich...", ich ziehe die Schultern hoch.
„Das belastet mich einfach."
„Du weißt, dass du hier immer willkommen bist? Auch, wenn du nicht auf Aiden aufpasst. Ich habe eigentlich immer ein offenes Ohr." Ich atme tief durch, weil ich spüre, wie mir die Tränen wieder in die Augen steigen.
„Ich kann nicht für deine Eltern sprechen, weil ich sie nicht kenne. Aber ich denke, dass sie einen sehr guten Grund haben müssen, um euch allein zu lassen." Ich bin dankbar für ihren Optimismus, glaube ihren Worten allerdings kein bisschen. Dad könnte Mum einfach für eine Weile einweisen lassen, sie einmal die Woche besuchen und ansonsten bei uns bleiben. Nach der Behandlung würde Mum zu uns zurück kehren. So wie sie es damals bei mir getan haben. Mit dem Unterschied, dass Dad nach einer Weile aufhörte mich zu besuchen und Mikael alleine vor meiner Zimmertür auftauchte.
Es wäre grausam, ich gebe es zu, aber-
„Es gäbe sicher bessere Optionen", wende ich ein und reibe mir über die Arme, die in einem dicken Pullover stecken. Trotzdem friere ich.
„Hast du mit ihnen darüber geredet?", fragt sie. Ich beiße mir auf die Lippe. Nein. Eigentlich habe ich seit Sonntagnacht weder mit ihm noch mit ihr gesprochen. Nicht mal mit Mikael, obwohl der ja nichts dafür kann.
„Sie hören mir nicht zu." Dads Vorschlag, ich könnte mitkommen, beweist das nur noch mal.
„Das glaube ich nicht. Eltern wollen immer, dass es ihren Kindern gut geht."
„In vermutlich 50 Prozent aller Fälle", halte ich dagegen. Es gab eine Zeit, in der hätte ich ihr zugestimmt. Aber diese Zeit ist lange vorbei. Manchmal frage ich mich, ob sich Dad überhaupt an meinen Geburtstag erinnert, ob er weiß, warum mein Leben damals den Bach runter ging, ob er einen Gedanken daran verschwendet, dass ich bald ebenfalls meinen verdammten Abschluss mache und dass weder er noch Mum vermutlich dort sein wird, um mir zu gratulieren, um mich in die Arme zu nehmen und um mir zu sagen, wie stolz sie sind – Mums Krankheit hat Dad kaputt gemacht, meine Krankheit hat ihn getötet.
„Mum?" Es ist Aiden, der uns unterbricht und mich vor einem weiteren Heulkrampf bewahrt.
„Rede mit ihnen. Sie müssen zumindest versuchen dich zu verstehen, Stew." Ich kann lediglich nicken. Zehn Minuten später lässt Kerstin mich mit Aiden alleine. Wie gewöhnlich macht er sich bettfertig, schaut Spongebob und lässt sich dann von mir ins Bett bringen.
„Weißt du, wann dein Bruder heim kommt?", frage ich. Hoffentlich nicht allzu spät. Ich weiß nämlich nicht, ob ich mich bei ihm entschuldigen soll, ob ich ihm aus dem Weg gehen soll oder ob zwischen uns alles ist wie zuvor.
„Er übernachtet bei einem Freund", gähnt Aiden. Bei einem Freund? Wusste nicht, dass er abgesehen von Mariah und mir überhaupt jemanden kennt, geschweige denn mag. Ob der Freund ein Mädchen ist? Nein. Oder? Ich räuspere mich und wünsche dem Kleinen eine gute Nacht.
Macht Khan das extra? Geht jetzt er mir aus dem Weg? Ich habe ihn also aus seinem eigenen Haus vertrieben. Klingt nach mir. Scheinbar kann ich nicht mal eine einfache Freundschaft pflegen.
Er sagte, ich könnte ihn nicht immer wegstoßen. Vielleicht war das meine letzte Chance ihn zu halten. Ich lasse mich auf die Couch fallen und blicke eine ganze Weile starr in die Luft. Habe ich Khan verloren? Womöglich bin ich auch einfach Fatalistin und male mir das schlimmste aus, wenn er einfach nur einen Abend weg von zu Hause verbringen will. Womöglich geht er mir nicht aus dem Weg. Er muss mich ja nicht jeden Tag sehen wollen.
Dennoch wünschte ich, er wäre jetzt hier. Irgendwie möchte ich mich ja doch entschuldigen. Ich kann zwar nicht dafür, dass ich ihn hingehend meinem Arzttermin heute Mittag angelogen habe, aber zumindest meine Abweisung in den letzten Tagen hat er nicht verdient. Wenn jemand etwas nicht verdient, dann wohl Khan. Khan, der sich ständig um mich sorgt, mir hilft und sich um mich kümmert – wo er das eigentlich nicht sollte. Nein, er verdient es wirklich nicht, wie ich ihn behandelt habe.
♤♤♤
Es wird jetzt bisschen sitcom-ish glaub ich, aber ich hab mittlerweile gelernt, dass geschichten/Romane nicht unbedingt immer soooo realitätsgetreu sein müssen bzw es auch nicht sollen hahah xxx
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