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Vierunddreißig

„Wie geht es dir heute, Stew?" Ich sitze in Nadines Therapieraum, an der selben Stelle wie letzte Woche. Fast schon als wäre mein Leben nie weiter gegangen, als hätte ich diesen Raum nie verlassen. Doch das habe ich.

„Ganz gut, schätze ich", antworte ich ehrlich. Ausnahmsweise will ich ehrlich sein. Zu viel beschäftigt mich im Moment, als dass ich die ganzen Dinge auch noch in mir sammeln könnte.

„Schätzt du?" Sie rückt ihre Brille zurecht, während sie mir erneut einen vollen Kaffee mit Milch und Zucker vor die Nase stellt, ohne zu realisieren, dass ich erneut nie um einen gebeten habe – schon gar nicht um einen, der nicht schwarz ist.

Seufzend weiche ich ihrem Blick aus und mustere stattdessen die Bilder, die diese Woche ihre Wand zieren. So viel zum ehrlich sein.

Ein paar Monster-Bilder sind noch übrig, anstelle der anderen entdecke ich Karikaturen von Miss Nadine. Puh, schmaler Grad.

Miss Nadine mag keine Abbildungen von sich selbst, schon gar keine Karikaturen.

„Hast du dich deinen Freunden etwas geöffnet?"

„Nein." Zwar reagiert sie mit einem missbilligen Stirnrunzeln, geht aber nicht weiterhin darauf ein.

„Hast du den Menschen offen gesagt, dass dich etwas an ihnen stört, wenn das der Fall war?" Ich überlege. Einerseits bin ich erleichtert, dass sie nicht weiter auf meinen Freunden herumhackt, andererseits fühle ich mich schlecht, weil ich ihre Hausaufgabe nicht ganz so erledigt habe, wie sie sich das vermutlich gewünscht hat.

„Stew?", drängt sie. Ich stöhne.

„Ich glaube nicht."

„Was hast du nur heute mit diesen wagen Formulierungen?" Geistesgegenwärtig deutet sie auf ihr Language-Schild. Ich unterdrücke ein Gähnen. Obwohl ich gestern Abend auf wundersame Weise in meinem Bett gelandet bin – ich will mir gar nicht vorstellen, wie es dazu kam – habe ich heute morgen verschlafen und musste das Haus ohne meinen Kaffee verlassen.

In der Cafeteria hat die Kaffeemaschine ausgesetzt und auch wenn mir Mariah versicherte, dass mir eine Banane genügend Energie geben würde, fühle ich mich immer noch hundemüde.

„Wenigstens sind es keine Schimpfwörter", entgegne ich nur und beäuge nun den Kaffee, ein Gähnen unterdrückend. Wie viel Milch sie wohl hinzugegeben hat? Und Zucker?

„Hast du nun deine Hausaufgabe erledigt?", will sie erneut wissen, kritzelt etwas auf ihren Block. Ihr wissender Blick zeigt mir, dass sie bemerkt hat, wie ich mit dem Kaffee liebäugele.

„Nein", gebe ich zu.

„Ich kann doch den Leuten nicht ins Gesicht sagen, dass ich sie für Arschlö-"

„Ausdruck, Stew, Ausdruck." Language-Schild, die zweite.

„Dass ich sie für... Es gibt aber kein Synonym für Arschloch", ich hebe beide Augenbrauen und schüttle nur den Kopf. Ein weiteres Deuten auf das Language-Schild.

„Du musst die Leute ja nicht gleich beleidigen. Wer hat dich in den letzten beiden Tagen aufgeregt, ohne dass du ihm oder ihr das mitgeteilt hast?" Sie steckt sich ihren Kugelschreiber hinter das linke Ohr und lehnt sich zurück. Seufzend mache ich es ihr gleich.

„Meine Mum", schlüpft es mir heraus, ehe ich es zurück halten kann. Das ist ein Thema, das Miss Nadine absichtlich nie angeschnitten hat. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass Mum ebenfalls mal ihre Patientin war oder dass selbst sie ahnt, wann sie bei mir eine Grenze erreicht. Wahrscheinlich ersteres.

„Aha." Sie macht eine Handbewegung, die mich auffordert weiter zu reden, ein weiteres Wort findet den Weg auf ihren Block. Jetzt kann ich auch das Gähnen nicht mehr unterdrücken. Durch das Gähnen werden meine Augen ganz glasig, vielleicht aber auch, weil es mich irgendwie traurig stimmt, wie die Situation mit meiner Mutter verläuft. Nach unserer Auseinandersetzung, die man nicht mal eine solche nennen kann, habe ich sie nicht mehr gesehen.

„Sie hat herausgefunden, warum Darren und ich kein Paar mehr sind." Schweigen. Ich starre an die Decke.

„Und sie findet, ich soll ihm verzeihen."

„Du siehst das anders?" Das ist eine Eigenschaft, die ich an Miss Nadine echt leiden kann. Sie bindet mir nie ihre eigene Meinung auf.

„Natürlich!" Meine Stimme ist lauter als beabsichtigt.

„Tut mir leid, gefährliches Thema." Ich ziehe die Schultern hoch und beiße mir auf die Lippe.

„Warum denkst du, du solltest ihm nicht verzeihen?", fragt sie, ohne auf meinen Ausbruch einzugehen.

„Weil er mich betrogen hat. Mit einer meiner Freundinnen. Das macht man nicht."

„Warum?" Warum? Mir wird heiß und ich spüre, wie es in mir brodelt.

„Das meinen sie nicht ernst! Eine Beziehung hat doch was mit Liebe zu tun! Wenn er dazu fähig ist mich zu betrügen, dann ist er nicht fähig mich zu lieben. Ganz einfach." Und genauso empfinde ich das auch. Mal all die Dinge beiseite, die mich ihn immer noch irgendwo lieben lassen – wenn er mich nicht liebt, dann kann ich keine Beziehung mit ihm führen.

„Was macht es dir so sicher, dass er dich betrogen hat, weil er dich nicht mehr liebt?" Ich atme tief durch.

„Da gibt es tausende Gründe", schnaube ich. Meine Stimme trieft vor Spott, die Gründe sind schließlich offensichtlich. Gleichzeitig verkrampft sich mein Herz; aus Scham, aus Enttäuschung, aus Selbstpeinigung.

„Und die wären?" Wow. So viele Fragen hat mir Miss Nadine noch nie am Stück gestellt.

„Er... Wieso sollte er mich denn lieben? Ich meine, wir waren drei Jahre zusammen, ja, aber das macht Darren nicht blind. Im Vergleich zu anderen Mädchen bin ich eben nichts besonderes. Es war voraussehbar, dass er sich irgendwann eine andere suchen würde."

Was ich nicht laut ausspreche, sind allerdings die Gründe, die ich noch plausibler finde. Gegen Ende unserer Beziehung war ich bloß noch seine Ablenkung. Er will dieses Stipendium – ich war die Komponente, die ihm dahingehend im Weg stand. Ich gebe es ja zu, ich kam nicht damit klar, dass das Football-Spielen für ihn an oberster Stelle stand. Ich wäre gerne an erster Stelle gekommen. Ganz egal, wie egoistisch mich das jetzt wirken lässt.

„Hausaufgabe: Finde heraus, was dich besonders macht." Diesmal schreibt sie mehr als ein Wort auf ihren Block. Ich bin dazu geneigt, rüber zu schauen, lasse es aber doch sein. Wahrscheinlich will ich sowieso nicht wissen, was sie gerade von mir denkt. Findet sie mich lächerlich? Macht sie sich über mich lustig?

„Was mich besonders macht?", wiederhole ich.

„Ja, Stew. Jeder Mensch ist auf seine Art und Weise besonders."

„Das klingt wie einer dieser Sprüche, die hinten auf Teeverpackungen drauf stehen." Ich rümpfe die Nase, werde wieder an den Kaffee erinnert, der unmittelbar vor mir steht. Naja. Dann fällt mein Blick auf die Uhr und ich rufe mir ins Gedächtnis, dass ich in weniger als einer Stunde meinen eigenen schwarzen Kaffee bekommen werde, wenn ich mich mit Ana treffe.

Ana.

Unsere Verabredung erfüllt mich mit... Unbehagen. Nervosität vielleicht auch.

„Aber es stimmt. All die Menschen, die du für gewöhnlich hältst, auch sie sind auf ihre eigene Weise irgendwie anders. Besonders. Du auch." Ich zucke mit den Achseln. Besonders hin oder her, Darren sah das bestimmt anders. Er hat sich Anne ausgesucht. Anne, die mir so unfassbar ähnlich ist. Wir könnten mit unseren blonden Haaren und blauen Augen Schwestern sein. Nur dass sie viel hübscher ist als ich. Sie ist lauter, selbstbewusster, sie hat etwas an sich, das manche Köpfe verdreht. Anscheinend eben auch Darrens Kopf. Vielleicht wird sie sogar meine Rolle, pardon, Cinderellas Rolle in unserem Theaterstück spielen.

Miss Nadine schnappt sich den Kaffee, den ich kurzzeitig wieder fixiert habe und trinkt ein gutes Stück ab. Die Tasse ist nun halb leer.

„Was siehst du?", fragt sie, stellt die Tasse zurück an ihren Platz direkt vor meine Nase.

„Eine halb-volle Tasse", antworte ich. Ich weiß genau, was sie hören will. Dieses Spiel haben wir schon vor drei Jahren jeden Tag gespielt.

„Stell dir vor, du wärst die Tasse, Stew."

„Ich soll die Tasse sein?" Das ist neu.

„No offense, aber das ist schon sehr absurd-", sie unterbricht mich mit einem Tzzz.

„Stell dir einfach vor, du wärst sie." Meine Augen schweifen verzweifelt Richtung Uhr. Es dauert noch bis ich gehen kann. Also füge ich mich. Eine Tasse. Ironisch, dass ich automatisch an die Scherben denken muss, die ich letztens samstags herstellte, als ich erfuhr, dass ich wieder hier her kommen müsste.

„Der Kaffee ist jetzt zur Hälfte weg. Deine Lebensfreude ist zur Hälfte weg." Meine Lebensfreude. Okayy.

„Wartest du darauf, dass auch der Rest Kaffee von mir ausgetrunken wird? Wartest du darauf, dass du ihn selbst austrinkst?" Sie legt eine theatralische Pause ein und sieht mich über den Rand ihre Brille hinweg auffordernd an.

„Oder sorgst du dafür, dass die Tasse wieder voll ist? Stehst du auf, betätigst die Kaffeemaschine, deine Glücksgefühle, deine Lebensfreude, die Dinge, die dir Spaß machen, um den Kaffee wieder aufzufüllen?" Alle Farbe verlässt mein Gesicht. Ihre Worte passen zu den Dingen, die ich gestern zu Aiden gesagt habe. Ich verdammte Heuchlerin.

„Also Stew, was wirst du tun?" Die nächsten Sekunden scheinen in Zeitlupe zu verlaufen. Ihre Hand wandert langsam in Richtung Tasse, ich verfolge jede Bewegung. Dann hält sie inne, beobachtet mich. Irgendwann berührt sie den Henkel.

Ich weiß, dass es sich hierbei lediglich um eine Übung handelt. Sie würde nicht auch meine Lebensfreude austrinken. Glaube ich. Dennoch richte ich mich auf, schalte die Kaffeemaschine an und nehme ihr die Tasse ab.

Ein zufriedenes Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus, während die Tasse sich bis zum Rand mit Kaffee füllt. Kaffee, den ich dann, benebelt wie ich in diesem Moment bin, tatsächlich trinke. Für diesen kurzen Moment denke ich nicht an die Milch, an den Zucker oder daran, dass ich sowieso bald einen neuen Kaffee bekomme. Ich denke stattdessen an Miss Nadines Worte.

Vielleicht ist es wirklich so. Ab und zu trinkt man seine Lebensfreude halb aus und um sie zurück zu erlangen, muss man aufstehen und einen Knopf betätigen, sich selbst zurück zu ihr führen.

Zwei Schlucke, dann kehre ich zurück in die Gegenwart. Miss Nadines Lächeln verschwindet nicht mehr. Sie fährt fort mir einige Fragen zu stellen, mich ab und zu zurecht zu weisen oder mir das Language-Schild zu zeigen. Und ich beginne zu verstehen, warum mein Bruder mich wieder hierher bringt.

Sie tut mir gut. Ihre Worte tun mir gut. Vielleicht tut mir sogar ihr Kaffee tut.

Wir reden noch eine Weile über meine bevorstehende Verabredung mit Ana, was ich dabei empfinde – das übliche eben. Ich erzähle ihr nicht, dass Ana nicht der einzige Geist meiner Vergangenheit ist, der mich scheinbar verfolgt. Sie muss nichts von meinem Cheerleading-Revival hören, immerhin werde ich Tallys und Briannas Angebot nicht annehmen. Die Sache ist es nicht wert, erwähnt zu werden.

Irgendwann schlägt die Uhr fünf, unsere Stunde ist vorbei. Genau wie letzte Woche finde ich Mikael im Wartezimmer vor, der mit seinem Handy beschäftigt ist. Wir verlassen wortlos das Therapiezentrum, steigen in sein Auto. Dann lässt er mich an Anas und meinem Treffpunkt raus(hier haben wir uns schon früher getroffen, um gemeinsam zur Schule zu laufen).

Es handelt sich um den Eingang zu einem kleinen Park, den das Wort klein nicht mal annähernd treffsicher beschreibt. Einsam würde eher passen. Der einzige Spaziergänger ist ein bärtiger Mann mit seinem Dackel.

Ich stelle mich unter eine Laterne, die direkt neben dem riesigen schwarzen Tor steht. Wir nähern uns dem Herbst, weswegen es allmählich früher dunkel wird. Mikael schenkt mir ein Lächeln, zwar etwas gezwungen, aber trotzdem nimmt es mir etwas von meiner Nervosität.

„Danke", sage ich. Immerhin muss er sich jetzt ebenfalls für eine Stunde beschäftigen, um später als meine Mitfahrgelegenheit zu fungieren.

„Kein Problem. Wenn irgendwas ist, ruf mich an." Er macht eine Geste, die an ein Telefon erinnert, dann fährt er davon. Ich atme tief durch, checke die Uhrzeit. Pünktlich. Also ich. Ana nicht.

Fünf Minuten später biegt sie in demselben Wagen um die Ecke, mit dem sie auch letzte Woche an der Tankstelle war.

Unbehagen erfüllt mich. Ich dachte, wir würden gemeinsam laufen... Wie in alten Zeiten. Töricht von mir, sowas anzunehmen. Sie hält neben mir und öffnet umständlich die Beifahrertür.

„Ich dachte mir, so ginge es etwas schneller." Sie grinst, Grübchen zeigen sich. Anders als letzte Woche trägt sie nicht ihre Uniform sondern hochgeschlossene super-enge Jeans, hohe Stiefel mit Lederriemen und ein schwarzes Hemd, das an einigen Stellen durchsichtig ist und ihren BH durchscheinen lässt. Darüber eine Lederjacke. Ihr Stil hat sich... verändert, schätze ich.

Ich selbst kleide mich genau wie früher. Mit Ausnahme der Highheels, die ich damals nicht tragen durfte. Eine gewöhnliche Highwaist-Jeans mit vereinzelten Löchern an den Knien, pinkfarbene Pumps, ein einfarbiges weißes Shirt und einen schwarzen Blazer, den ich aus der untersten meiner Schubladen gekramt habe.

„Da hast du vermutlich recht." Ich lächle zaghaft zurück und schnalle mich an. Das ist seltsam. Sie spürt das bestimmt auch. Dennoch beginnt sie ein recht oberflächliches Gespräch. Wir reden über unsere alte Middle School. Sie bringt mich auf den neusten Stand – wer ist mit wem zusammen, wer ist schwul, wer wurde suspendiert, wer kam in den Knast(ehrlich, das hat mich selbst am meisten schockiert)und so weiter.

Sie hört auch nicht auf zu reden, als wir St. Daniels betreten. Es sieht aus wie damals. Urig. Fast schon wie eine Kneipe. Natürlich setzen wir uns an die Theke, die von neongrünen Lichtern beschienen wird. Außer uns vergnügen sich noch andere Jugendliche in meinem Alter hier und scheinen bei Anas Auftreten kurz zu stocken.

„Haben die Angst vor dir?", frage ich, halb im Scherz, halb in Neugier. Ein Mädchen wirft automatisch ihr langes Haar über die Schulter und bedeckt damit ihr Gesicht. Ana zuckt mit den Achseln und es ist das erste Mal, dass sie heute etwas unbehaglich wirkt. Kurz meine ich zu sehen, wie ihre so schon riesigen Augen sich weiten.

„Die meisten respektieren mich einfach." Als wir sitzen, werden wir sofort von der Bedienung nach unserer Bestellung gefragt. Ana bestellt einen Capuccino, ich nehme den schwarzen Kaffee, den mir Miss Nadine nicht geben wollte.

„Du gehörst jetzt also zu den coolen Kids?" Ich wähle meine Worte bewusst und lasse es so klingen, als würde ich in Erinnerungen schwelgen. Früher wollte Ana nicht nur Dan, sie stand auf seine ganze Clique. Einer der Gründe, warum sie Cheerleaderin wurde, war der, den coolen Kids, wie wir sie damals tauften, näher zu sein.

Wieder ein Achselzucken, als sei es ihr peinlich.

„Könnte man so sagen." Interessant. Wir haben uns zwar seit vier Jahren nicht gesehen, aber unsere Leben scheinen sich irgendwo geähnelt zu haben.

„Cool", sage ich, nehme dankbar meinen Kaffee entgegen, den die Bedienung mir über den Tresen hinweg reicht. Prompt muss ich an den Bieber denken und wie Khan und ich von diesem Jungen bedient wurden, der uns für ein datendes Pärchen hielt. Wie war sein Name? Ich beiße mir auf die Lippe, um ein Grinsen zu unterdrücken.

„Und bei dir? Was hast du so erlebt? Die ganze Zeit habe ich geredet und du hast zugehört. Das muss anstrengend gewesen sein. Jetzt möchte ich auch was hören." Sie rührt in ihrem Capuccino und füllt ihn mit drei Teelöffel Zucker. Ich mustere sie. Ihre zierliche Figur ist unübersehbar.

„Du hast dich übrigens kein bisschen verändert, Stew. Hier und da vielleicht ein Pfund mehr, aber du sieht noch genauso aus wie früher!" Mein Herz macht einen Satz. Hat sie das gerade wirklich gesagt? Im ersten Augenblick blicke ich an mir hinunter. Hat sie Recht? Habe ich zugenommen? Halt... sie hat mich seit vier Jahren nicht gesehen.

Natürlich bin ich in die Breite und Höhe gegangen!

Dennoch klopft mein Herz auf einmal schneller. Ihre Worte wiederholen sich in meinem Kopf, während ich ein leichtes Lächeln aufsetze und beginne ihr etwas vorzuspielen. Zu unserer beider besten.

Ich erzähle ihr nicht, dass ich Freshman-Year privat in Miss Nadines Therapiezentrum unterrichtet wurde, dass ich ein ganzes Jahr in ihrer Nähe war, ohne dass sie es wusste. Das wird sie, genauso wie alle meine anderen Freunde, nie erfahren.

Stattdessen rede ich von den schönen Dingen, die passiert sind, seit wir umgezogen sind. Ein paar Abänderungen hier und da, über Darren möchte ich nämlich wirklich nicht schon wieder reden.

„Du gehörst auch zu den coolen Kids", bemerkt sie irgendwann und schüttelt kichernd den Kopf. Ihr Kichern erinnert mich an früher. Keine Ahnung, das alles erinnert mich an früher. Vielleicht können wir einander häufiger sehen. Unsere Freundschaft wiederaufbauen. Hoffnung wallt in mir auf. Eine Hoffnung, die ich so seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr empfunden habe.

„Sieht so aus", erwidere ich, obwohl ich mir gar nicht so sicher bin, zu wem ich gehöre. Nach der Sache mit Anne und Darren, ist auch Rina mir aus dem Weg gegangen. Zwar hatte sie selbst keine Ahnung von Annes Techtelmechtel, aber Anne ist nun mal ihre beste Freundin. Sie war vor mir da. Sowas nennt man Zusammenhalt.

Die beiden und Darren waren allerdings diejenigen, die mich in den Kreis der coolen Kids aufgenommen haben. Übrig geblieben sind Khan, Mariah und ich(vielleicht noch Andrea und deren Freundinnen, bei denen wir meistens die Mittagspause verbringen). Und ehrlich, ich finde das gar nicht mal so schlecht. Bloß bin ich mir nicht sicher, wie Ana auf diese Geschichte reagieren würde.

„Wir hätten das hier viel früher machen sollen", meint Ana plötzlich. Ich bekomme eine Gänsehaut und ziehe gedankenverloren Kreise in meinem Kaffee. Vielleicht hat sie recht. Vielleicht auch nicht. Ich habe die Zeit, den Abstand von diesem Ort, gebraucht. Dementsprechend gehe ich nicht darauf ein.

Danach unterhalten wir uns noch ein bisschen über dies und das, auch hier fühle ich mich zurückversetzt in alte Zeiten. Wie einfach es war, sich mit Ana zu unterhalten. Sie mag knapp zwei Jahre jünger sein als ich, aber das merkt man ihr in keinster Weise an.

Sie fragt mich auch nach Jungs und ob ich die Liebe meines Lebens gefunden habe, und einmal bin ich kurz davor, ihr von Darren zu erzählen. Doch dann weise ich mich selbst zurecht. Kein Darren. Schon gar nicht als die Liebe meines Lebens. Ich verneine also.

Gegen Ende, als es draußen längst dunkel ist und mein Magen verräterisch knurrt, lädt sie mich zu ihrer Geburtstagsfeier, ein Wochenende nach Thanksgiving, ein. Also in gut fünf Wochen. Ich willige ein, auch wenn mich wieder diese Nervosität erfasst. Dort werde ich nicht mit ihr allein sein. Dort werden weitere Geister meiner Vergangenheit auftauchen. Weitere Geister, die ich am liebsten ins Jenseits verbannen würde. Kurz erwäge ich den Kopf zu schütteln.

Aber das wäre nicht nur gemein, sondern würde auch den Beginn unserer wieder aufflammenden Freundschaft kappen. Und ich vermisse sie als Freundin. Das habe ich erst heute festgestellt.

Ich vermisse ihre sprudelige Art, ihren Optimismus und die vielen Worte, die alle auf einmal ihren Mund verlassen können.

Unser Abschied mag auf Außenstehende sehr kühl wirken. Wir wissen beide nicht, ob wir uns umarmen, weinen oder lachen sollen. Also tun wir ersteres und kratzen uns beide verlegen am Hinterkopf. Dann tauschen wir unsere Handynummern aus.

Mikael fährt pünktlich zu unserer vereinbarten Uhrzeit vor. Sobald ich im Auto sitze, drehe ich mich um und winke noch mal zurück. Sie grinst nur. Mikael fährt davon. Ich atme erst wieder richtig aus, als wir auf die Autobahn fahren.

Gleichzeitig seltsam und erfrischend, war dieses Treffen doch eine ziemlich gute Idee. Dennoch muss ich an ihre Worte denken.

Hier und da vielleicht ein Pfund mehr.

Wie ein Teufelskreis wiederholen sich diese Worte in meinem Kopf. Sie konnte ja nicht ahnen, dass diese einfach wirkende Bemerkung mich in Panik versetzen würde. Erst Mikael, der an der nächsten Tankstelle hält, reißt mich aus meiner Gedankenstarre.

Er tankt nämlich nicht, nein, er besorgt mir ein Brötchen, das ich sofort essen soll. Anscheinend hat mein Magen-knurren ihn auf diese komische Idee gebracht. Er hält daran fest und beobachtet fast schon zu notorisch, wie ich einen Bissen nach dem anderen nehme.

Hier und da vielleicht ein Pfund mehr.

Die Bisse fühlen sich wie Zement in meinem Mund an. Zwar hat er mir kein großes Sandwich geholt, aber der Käse klebt doch zwischen meinen Zähnen, die Salatblätter schmecken nach Plastik. Ich schlucke schwer, meine Augen tränen vor Anstrengung. Ich muss doch den Schein bewahren. Muss doch so wirken, als würde es mir nichts ausmachen.

Als würden sich in meinem Kopf keine Rädchen drehen.

Hier und da vielleicht ein Pfund mehr.

Als würden mich Anas Worte nicht weiter beunruhigen. Als wäre ich in Ordnung.

Denn ich muss doch in Ordnung sein.

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