Siebenunddreißig
Wir treffen Paul und Kerstin im Bieber, wo die beiden bereits an einem kleinen Tisch sitzen und sich angeregt mit einander unterhalten. Fast schon hoffe ich, er habe ihr von seiner Krankheit erzählt. Aber das Lächeln, das sie ihm schenkt, sagt mir, dass meine Hoffnung irrsinnig ist.
Auch wenn Pauls Lächeln aufgesetzt wirkt, so begrüßen mich die beiden freudestrahlend und keineswegs verstimmt darüber, dass ich ihnen Gesellschaft leisten werde.
Während die Mayfields alle ihr eigenes Büfett bestellen(sogar Kerstin), gebe ich mich mit einem Jogurt zufrieden und bestelle gleich eine ganze Kanne Kaffee. Für die erste Hälfte des Frühstücks beschäftige ich mich mit meinem Jogurt und höre dabei mit einem Ohr der Unterhaltung zu, antworte auch ab und an. Irgendwann kommen sie auf Khans Football-Training von Mittwoch zu sprechen.
„Und Dad hat mir versprochen, heute Nachmittag mit mir aufs Feld zu gehen", sagt Aiden gerade, als ich den letzten Löffel meines Jogurts nehme. Zum ersten Mal nehme ich den Blick von meiner Schüssel. Ich sehe Paul an, der meinem Blick absichtlich ausweicht.
Wie gerne würde ich mehr über seine Krankheit wissen. Schlaucht ihn seine Arbeit? Kann es ihn umbringen? Wird er wirklich bald sterben? Eigentlich sieht er ziemlich gesund aus. Er trägt ein ordentliches Hemd, Cordhosen und seine Haare sind ordentlich zurück gekämmt. Heute kein verzweifeltes Durchfahren, würde ich sagen.
Auch seine Augen sind weder rot noch durchzogen von Augenringen. Er wirkt... normal. Deswegen vermutet auch niemand, er könnte ernsthafte Probleme haben. Ich will sie anschreien. Will ihnen mit Blicken zu verstehen geben, dass etwas nicht stimmt. Aber es geht nicht. Sie sind glücklich. So unglaublich glücklich, dass ich es nicht übers Herz bringe, ihnen die Wahrheit zu sagen und Paul zu hintergehen. Es ist seine Aufgabe. Seine und nicht meine.
„Das habe ich", sagt er in diesem Moment und nimmt einen Schluck seines eigenen Kaffees(obwohl der eher als Milch mit etwas Kaffee durchgehen könnte).
„Du warst übrigens auch sehr gut, Stew." Alle Augen richten sich auf mich.
„Ich?", frage ich, verwirrt. Paul lächelt. Niemand würde annehmen, er sei insgeheim sauer auf mich. Oder verwirrt, was er mit mir machen solle. Bloß ich erkenne dieses Stirnrunzeln für das, was es wirklich ist. Eine Warnung. Eine Bitte. Etwas dazwischen.
„Sie hat es den Cheerleadern ganz schön gezeigt", sagt Aiden zu seiner Mum. Um Kerstins Augen bilden sich Lachfalten, als sie leise lacht.
„Ach das..." Ich kratze mich am Kopf. Ein Schulterzucken.
„Unser Cheerleading-Team ist insgesamt sehr gut", lüge ich, um von mir abzulenken.
„Echt?" Paul bringt tatsächlich die Dreistigkeit auf, darüber zu lachen. Okay, zugegeben, wir wissen beide, wie riesig diese Lüge ist.
„Ist mir noch nicht aufgefallen." Er lehnt sich zurück und legt sein Besteck auf den leeren Teller.
„Willst du vorturnen?", fragt Kerstin. Ihr Interesse wirkt ehrlich. Ich zucke leicht zusammen. Hoffentlich hat das niemand mitbekommen.
„Eigentlich nicht", antworte ich mit einem entschuldigenden Lächeln.
„Ich bin gar nicht so gut. Und außerdem glaube ich nicht, dass meine Eltern... dass sie das so toll fänden." Mikael würde einen Anfall kriegen. Paul und Kerstin wechseln einen Blick.
„Wir könnten mal mit ihnen reden, wenn du es trotzdem machen willst." Kerstin lächelt mich an. Wenn es doch nur so einfach wäre. Ich will es nicht tun. Und gleichzeitig vermisse ich das Adrenalin, das dabei früher durch meinen Körper geströmt ist. Aber nein.
„Danke, aber ich glaube, da muss ich ablehnen." Auf ihren fragenden Blick hin, entscheide ich mich, zumindest etwas ehrlich zu sein.
„Ich war früher Cheerleaderin und sagen wir einfach, dass ich damit keine guten Erinnerungen verbinde."
„Football ist sowieso viel cooler", bemerkt Aiden, dessen Mund schon wieder voll mit Nutella ist. Wir lachen unisono. Ich weiß nicht, welcher Sache mein Lachen gilt. Seinem Kommentar oder seinem Gesicht...
„Das stimmt", sage ich, während ich ihm meine Serviette reiche.
Danach gehen die Unterhaltungen in eine andere Richtung. Sie reden von der Schule, von Kerstins Beruf, Aiden wird wegen Danielle aufgezogen, mit der er sich tatsächlich einmal getroffen hat(ja, ich bin genauso verblüfft) und über Khans nächstes Footballspiel, das ein wichtiger Scout besuchen soll.
„Ich kenne Scott persönlich. Wir könnten einen Termin ausmachen, damit ihr euch kennenlernt", schlägt Paul vor. Ein Scout, der Scott heißt. Darren wäre entzückt. Also nicht wegen des Namen. Er wäre entzückt, wenn ihm jemand ein Gespräch mit einem Scout ermöglichen würde. Darren würde die nächsten Wochen von nichts anderem mehr reden.
Khan hingegen richtet sich zwar mehr auf, scheint aber erst mal darüber nachdenken zu wollen.
„Es wäre eine gute Möglichkeit für dich, Kontakte zu knüpfen."
„Paul." Das ist Kerstin. Ihre Stimme klingt warnend.
„Du weißt, dass der Junge sich noch nicht festlegen möchte." Sie flüstert es zwar, aber ich höre es trotzdem, immerhin sitze ich ihr direkt gegenüber.
„Deswegen nenne ich es ja eine Möglichkeit." Er flüstert nicht. Das ist ein neuer Paul. Einer, den ich bisher nicht kennengelernt habe. Ein ehrgeiziger Vater.
„Schon gut, Mum." Auch Khan legt sein Besteck beiseite.
„Vielleicht solltest du einen Termin ausmachen, Dad." Er nickt, wirkt aber nicht allzu energisch. Wie gerne würde ich ihn fragen, warum er den Scout Scott nicht unbedingt treffen will. Warum er sich noch nicht festlegen möchte. Er ist sportlich, er spielt gut Football. In dieser Hinsicht ähnelt er Darren. Warum also hat er nicht dieselben Ziele?
Ich schaffe es nicht mehr, ihn darauf anzusprechen, bevor wir in sein Auto steigen. Als ich vorschlug mit dem Bus heimzufahren, hat er mich nämlich nur tadelnd angesehen.
„Wir haben dich entführt, also bringen wir dich auch zurück", sagte er und öffnete mir die Autotür.
„So läuft das mit Entführungen aber nicht, glaube ich", erwiderte ich, stieg dennoch ein. Er lachte bloß. Und dann fuhren wir aus seiner Einfahrt. Ich warf unauffällig einen Blick auf Darrens Haus, das so verlassen dalag wie eh und je. Ob er wohl drinnen war? Ob Anne bei ihm war?
Dann wurde mir schwindelig und ich wandte den Blick ab. Und jetzt sitzen wir hier, nähern uns gerade der Autobahn und ich suche nach den richtigen Worten, um meine Frage zu stellen.
Khan kommt mir zuvor und ich habe die Ahnung, dass er wusste, was ich als nächstes fragen wollte und deswegen ein anderes Thema angeschnitten hat. Wir sind uns eben auch ein bisschen ähnlich.
„Morgen werden die Rollen bekannt gegeben." Seine Stimme klingt distanziert, als wäre er auf etwas anderes konzentriert. Ich nicke nur.
„Wäre cool, wenn Cinderella dabei raus springen würde." Okay, das ist die Untertreibung des Jahrhunderts. Ich würde in Tränen ausbrechen, wenn ich diese Rolle nicht bekäme. Sein plötzliches Lächeln sagt mir, dass er das auch weiß.
„Wisch dir das Grinsen vom Gesicht, Charming. Du bekommst die Rolle ja sowieso!" Er war hundert Mal besser als Darren und der andere Prinz-Anwärter zusammen.
„Du auch, Blondie." Kein Schalk in seiner Stimme. Er klingt ernst. Ich wittere meine Chance.
„Warum hast du gezögert, als dein Dad dir den Vorschlag mit Scott gemacht hat?" Er seufzt. Draußen ziehen Wolken über den Himmel, bedecken die Sonne, die eben noch so grell geschienen hat.
„Dad weiß, dass ich mein Leben nicht mit Football verbringen will. Er scheut trotzdem keine Mühe, mir immer wieder seine Kontakte vorzustellen – damit ich im Notfall eben doch irgendwo genommen werde, um College-Football zu spielen."
„Aber wieso?" Ich bin verwirrt.
„Plan B, schätze ich." Ein Schulterzucken.
„Was möchtest du denn stattdessen machen?" Meine Stimme ist leise, klingt fast schüchtern. Das bin ich gar nicht gewohnt von mir selbst. Khan scheint es nicht zu bemerken.
„Du darfst nicht lachen." Er holt tief Luft. Und als wir an einer Ampel halten, sieht er mich abwartend an.
„Warum sollte ich lachen?"
„Ich würde gerne an den Broadway."
Stille. Dann wechselt die Ampel auf grün. Er wendet den Blick ab und lässt mich in meiner Überraschung alleine. Wow. Das hatte ich nicht erwartet. Aber ich lache nicht. Stattdessen bildet sich ein Grinsen auf meinem Gesicht.
„Das ist toll!" Verblüfft fängt er an zu husten.
„Hast du gerade gesagt, dass das toll ist?", fragt er nach.
„Natürlich!" Ich schüttle den Kopf.
„Prinz Charming auf dem Broadway." Faszinierende Vorstellung.
„Dann müsstest du dir aber bestimmt die Haare wachsen lassen", sage ich. Er lacht, klingt erleichtert, sein Adamsapfel hüpft auf und ab. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, es wäre ihm wichtig, dass ich nicht gelacht habe.
„Ehrlich gesagt war das eine Wette." Er berührt seinen Kopf und die Stoppeln.
„Eine Wette?" Dann kommt mir ein Gedanke.
„Du hast sie verloren", spotte ich grinsend. Er nickt.
„So ein Typ auf der Dragon", bei diesem Name zucke ich unauffällig zusammen – keine guten Erinnerungen, „meinte, er würde es schaffen, einen dreifachen Salto vom Zehnmeterbrett zu machen, ohne falsch aufzukommen." Ein Lachen.
„Ich habe dagegen gewettet und... verloren." Ein Schulterzucken. Ich hebe beide Augenbrauen.
„Für so naiv hätte ich dich ja nie gehalten", erwidere ich.
„Mit Naivität hatte das nichts zu tun, Blondie. Bloß eine dämliche Wette unter Freunden."
„Und die Tatsache, dass du jetzt ohne Haare lebst." Es würde mich tierisch interessieren, wie seine Haare vorher aussahen. Ob sie lang waren? Oder fast schon so kurz, dass es keinen Unterschied macht? Beinahe frage ich ihn nach einem Bild. Dann erinnere ich mich daran, wie lächerlich das wirken müsste.
„Ohja, das war ziemlich dämlich." Demonstrativ sieht er in den Fahrerspiegel.
„Aber ich habe mich daran gewöhnt."
„Ich glaube nicht, dass ich mich daran gewöhnen könnte, wenn ich auf einmal keine Haare mehr hätte", gebe ich zu und blicke in den Seitenspiegel. Meine blonden Haare gehören zu mir wie meine Nase oder meine Augen oder... Ihr versteht schon. Ohne sie wäre ich nicht ich. Vielleicht wäre ich sogar noch unscheinbarer als ohnehin schon.
„Ich mag deine Haare." Eine Minute herrscht angespanntes Schweigen. Er mag meine Haare.
„Trotzdem kannst du mir glauben, dass es schnell geht, sich an etwas zu gewöhnen." Ich denke nach. Vielleicht hat er recht. Ich habe mich schnell daran gewöhnt, meinen Kaffee schwarz zu trinken. Meine Hosen eine Größe größer zu kaufen. Keine engen Shirts mehr zu tragen. Mich zu schminken. Highheels zu tragen. Zu lächeln. Wie immer interpretiere ich viel zu viel in seine Worte hinein.
„Wenn du meinst", erwidere ich also und bleibe den Rest der Fahrt bei mir selbst.
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