Sechzehn
Am nächsten Morgen kommen wir zum ersten Mal, seit er mir damals von seinem Traum erzählt hat, auf den Broadway zu sprechen. Ich habe die Nacht bei Khan verbracht, trage mittlerweile ein weiteres seiner Shirts und eine Hose, die ich extra eingepackt habe. Wir sitzen mit Aiden am Frühstückstisch. Paul liegt im Wohnzimmer auf der Couch und blättert in einer Zeitschrift. Immer mal wieder hört man ihn husten – oder versuchen das Husten zu vertuschen, wodurch es nur noch lauter wird. Khan zuckt jedes Mal zusammen, woraufhin ich ihm unter dem Tisch eine Hand aufs Bein lege. Daraufhin blickt er mich jedes Mal voller Wärme an, die nur ein bisschen durch das trübe, traurige in seinen sonst so strahlenden blauen Augen erschüttert wird. Unsere Art einander zu sagen, dass wir da sind. Schätze ich.
Meine kleine Offenbarung gestern Abend – oder Nacht, wie man es will – hat uns nicht entzweit. Wenn möglich, hat es uns einander näher gebracht. Mein Herz schmerzt, weil ich mich von Ana losgerissen habe, auch wenn ich weiß, dass es das richtige war. Dass es notwendig war. Es schmerzt auch, wenn ich an Melania denke, wenn ich an all das denke, was ich gestern zum ersten Mal in drei Jahren laut ausgesprochen habe. Aber es schmerzt nicht, wenn ich zu Khan hinüber blinzle und feststelle, dass er mich genauso ansieht wie zuvor.
Dass nächste Mal, als Paul hustet und Khan zusammen zuckt, drücke ich sein Bein noch fester. Wir lächeln einander an. Vielleicht etwas zu lange. Ein Räuspern lässt uns mit geröteten Wangen zum Türrahmen blicken. Paul hält die Zeitung in einer Hand und lehnt sich mit der anderen an den Türrahmen.
„Wenn ihr zwei mich nicht an Kerstin und mich erinnern würdet, hätte ich Stew längst nach Hause geschickt. Am besten gestern Abend." Er schüttelt belustigt den Kopf und geht an uns vorbei zum Wasserkocher, um sich einen Tee zu machen. Khan gibt einen gespielt empörten Laut von sich. Meine Wangen laufen tiefrot an und ich nehme die Hand von seinem Bein, um sie mir ins Gesicht zu legen – das schlimmste zu bedecken. Aiden schmatzt genüsslich weiter.
„Wir erinnern dich an euch beide – igitt. Bitte sag das nie wieder." Aber die Art und Weise, wie Khan seinen Dad von hinten betrachtet, besagt das Gegenteil. Er bewundert ihn. Während der Wasserkocher zu dampfen anfängt und wilde Geräusche von sich gibt, legt Paul die Zeitung auf dem Esstisch ab – neben unseren leeren Tellern. Für einen Moment scheint er zu zögern, dann deutet er darauf.
„Hast du vom neusten Broadway Musical gehört? Klingt echt cool." War das ein Annäherungsversuch? Ich grinse in mich hinein und beobachte Khan, der sich sofort aufrichtet und die Zeitung in die Hand nimmt.
„Stimmt", ein leichtes Lächeln stiehlt sich auf seine Lippen.
„Können wir hinfahren?", will Aiden sofort wissen, der natürlich keine Ahnung hat, wovon wir reden. Das Wort Musical fällt und der Kleine ist Feuer und Flamme. Khan zerwuschelt ihm die Haare und schüttelt dann den Kopf.
„Warum eigentlich nicht?", fragt Paul.
„Dad." In Khans Stimme schwingt eine Warnung mit. Versprich nichts, was du nicht auch halten kannst.
„Was spricht dagegen, mal eben nach New York zu fliegen?"
„Du hast es soeben ausgesprochen: New York. Fliegen." Khan runzelt die Stirn und lässt seinen Blick über den Körper seines Dads fahren, der heute ausnahmsweise etwas Farbe an sich hat und nicht ganz so müde wirkt wie an manchen anderen Tagen in letzter Zeit.
„Wir sind lange nicht geflogen", bemerkt Aiden, der den Ernst der Lage nicht versteht. In seiner Verfassung kann Paul nicht fliegen. Schon gar nicht in naher Zukunft.
„Da hat er recht." Paul nimmt Khan die Zeitung ab und legt sie beiseite. Der Wasserkocher piept, woraufhin er sich eine Tasse einlaufen lässt und eine Teepackung aus dem Schrank holt.
„Und es wäre auch nur ein einstündiger Flug in etwa." Er nippt an seinem Tee. Ich beobachte die drei besorgt. Pauls Vorschlag... Er regt mich zum Nachdenken an. Natürlich stellt er, jetzt, wo er Angst vor seinem Tod hat, fest, dass seine Träume für Khan sich von dessen eigenen Träumen unterscheiden. Natürlich will er ihm zeigen, dass er sich darauf einlassen kann, dass er ihn unterstützt. Ich lächle. Das ist so verdammt lieb.
„Dad", sagt Khan wieder. Die beiden haben es in letzter Zeit nicht einfach mit einander gehabt. Auch wenn Khan zu dem Schluss kam, dass nichts auf der Welt ihm seinen gesunden Dad zurück geben wird und dass es ihn nur noch trauriger machen wird, wenn er sich daran festhält, dass Paul ihn belogen hat, er bewegt sich in Pauls Gegenwart wie auf Eierschalen. Und Paul selbst hat ja auch keine Ahnung, wie er ihr Verhältnis zurück bekommt. Dieses erheiternde Verhältnis, sorgenfrei und liebend, das ich immer beneiden werde.
„Come on, Khan. Das ist doch bestimmt, was du schon immer tun wolltest. Seit ihr damals auf diesem Schultrip dort wart, redest du von nichts anderem mehr. Es hat eine Weile gedauert bis ich es realisiert habe, aber-", Khan unterbricht seinen Vater, seine Wangen sind jetzt auch gerötet. Aber nicht vor Scham, sondern vor Wut. Wut auf sich selbst? Auf die Welt? Auf das Leben?
„Wir werden nicht nach New York fliegen." In seinen Augen stehen Tränen, als er aufspringt.
„Wir fliegen nirgendwo hin!" Aiden zieht eine Schnute.
„Du bist doch wichtiger als dieser beschissene Traum." Mit diesen Worten verlässt er den Raum. Ich möchte ihm folgen, aber er hält nur eine Hand hoch, um mich abzuwehren. Eine Träne rinnt ihm über die Wange. Dann kehre ich zurück in die Küche und sehe Paul an. Dieser seufzt.
„Immer mache ich alles falsch", flüstert er. Aiden reibt sich die Nutella vom Gesicht, verschmiert sie sich allerdings nur noch mehr. Kopfschüttelnd holt Paul ein Tuch und wäscht seinem kleinen Sohn das Gesicht.
„Du machst nicht alles falsch. Deine Idee, die war ja gut. Sehr rührend. Aber Khan hat ohnehin damit zu kämpfen, dass du nicht mehr gesund bist, dass-", Paul unterbricht mich, indem er einen sarkastischen Kommentar abgibt.
„Dass über meinem Kopf eine Sense hängt, ich versteh schon."
„Nein, das tust du nicht." Ich staple unsere leeren Teller über einander.
„Geh mit ihm hier ins Theater. Oder schau dir unser Schul-Theaterstück an. Zeig ihm irgendwie hier, dass dir wichtig ist, was ihm wichtig ist. Dafür brauchst du weder New York noch ein Flugzeug. Khan will nicht, dass du dein Leben für ihn gefährdest. Er will nicht, dass es dir schlecht geht." Für eine Weile starrt er mich schweigend an. Dann löst sich ein tiefes Seufzen aus seiner Kehle.
„Du hast Recht." Er schmeißt das Nutella-verschmierte Tuch in einen Korb neben der Tür. Kurz wirft er Aiden einen Blick zu, seine sonst angespannte Stirn glättet sich.
„Natürlich habe ich Recht", sage ich zwinkernd. Paul lacht. Ehe ich mich umdrehen kann, um nach oben zu gehen und meinen Freund zu beruhigen, räuspert sich Paul nochmal.
„Ich weiß nicht, ob ich dir das schon gesagt habe, aber danke." Automatisch ziehe ich die Schultern hoch.
„Danke?", frage ich.
„Ohne dich würde ich vermutlich immer noch allein zu meinen Arztterminen gehen und so betrunken nach Hause kommen, dass Kerstin mich an den Kindern vorbei ins Bett schmuggeln muss. Ich danke dir. Du hast... einen sehr guten Einfluss auf diese Familie und manchmal habe ich das Gefühl, du wurdest uns aus einem bestimmten Grund geschickt." Ich bin gerührt.
„Khans persönlicher Schutzengel", murmelt Paul und grinst. Mein Herz macht einen Hüpfer und in meinen Hals bildet sich doch tatsächlich so etwas wie ein Kloß.
„Ich denke... Ihr werdet das hinkriegen. Ich habe noch nie eine so harmonische Familie gesehen wie euch. Voller Liebe. Und wie sagt man so schön, mit Liebe ist alles zu schaffen", gebe ich zurück. Erneut zwinkere ich, dann verbeuge ich mich leicht und verlasse den Raum, nicht ohne Aiden noch mal anzugrinsen, versteht sich.
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Und weil ich eigentlich eine sehr schadenfrohe Person bin, postet ich das jetzt und warte gespannt, ob irgendwer checkt, dass es existiert hrhr have a nice day xxx
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