Neun
Am Freitagabend steht Khan pünktlich um vier in seinem Wolfskostüm vor meiner Haustür.
„Du siehst... wow", sagt er. Da wir den Tag schulfrei hatten, weil alle Lehrer ein Seminar zum Thema Gewaltverhinderung hatten, habe ich den Vormittag mit meiner Mutter verbracht. Richtig, mit meiner Mutter. Sie hat sich für den anstehenden Umzug entschuldigt und mir erklärt, dass sie und Dad erst nach Weihnachten umziehen werden.
Daraufhin hat sie ein paar Tränen verdrückt, wir haben uns umarmt und schlürften schließlich für zwei Stunden unsere Kaffees(sie hat wieder angefangen, Kaffee zu trinken, auch wenn es sich nicht gut mit ihren Tabletten vereinbart). Es fühlte sich gut an, mit meiner Mutter zu reden. Zeit mit ihr zu verbringen. Dann ist mir aufgefallen, dass ich noch kein komplettes Kostüm für den Abend hatte, ich habe Mariah angerufen und gemeinsam haben mir die beiden geholfen, mich in eine Katze zu verwandeln.
„Miau", machte Mariah am Ende und wackelte anzüglich mit den Augenbrauen. Ich habe ihr einen Stoß in die Seite gegeben und mich mehrmals vor dem Spiegel gedreht. Aus den Karnevalsklamotten ihres Vaters, der begeistertes Mitglied einer Karnevalsgruppe ist, hat Mariah mir einen Haarreif mit Katzenohren mitgebracht. Einen Rock, den sie im Schrank hängen hatte, hat sie um einen Katzenschwanz erweitert(der ebenfalls bei den Sachen ihres Dads war, was ich nicht unbedingt kommentarlos lassen konnte).
Darüber trage ich ein schwarzes Korsett unter einem langärmligen Netz-Shirt, das meine Mum im Schrank hatte – was mich beinahe noch mehr verwundert hat. Es sieht aber auch nicht so aufreizend aus, wie es klingt. Ich fühle mich sogar wohl und das obwohl man ausnahmsweise viel Haut sieht.
Dennoch verzichte ich auf den schwarzen Punkt und die Schnurrhaare, die mir Mariah auf die Nase malen wollte und lasse sie mich stattdessen etwas stärker schminken als ich es gewohnt bin. Ein paar golden glänzende Highheels, die meinen bronzefarbenen Lippenstift perfekt ergänzen, bilden den Abschluss, allerdings stecke ich vorsichtshalber schwarze FlipFlops in meine Clutch. Dann bin ich fertig. Genau in dem Moment, in dem es klingelt. Und da wären wir wieder im gegenwärtigen Moment, in dem Khan mit offenem Mund vor meiner Haustür steht.
„Mund zu, sonst fliegt Ungeziefer rein", lache ich, kann aber nicht anders als ihn mit derselben Bewunderung anzustarren. Er trägt doch tatsächlich einen falschen Wolfskopf auf dem Kopf. Sein Hemd hat keine Ärmel – es erinnert mich etwas an sein Halloweenkostüm, wenn ich ehrlich bin, doch ich werde mich nicht beschweren, weil es seine Arme perfekt zur Geltung bringt – und lediglich die kleinen Härchen, die aufrecht stehen, weisen darauf hin, dass ihm kalt ist. Darunter eine Jeans mit riesigen Löchern. Hoffentlich hat er eine Jacke dabei, für den Fall, dass wir den Großteil des Abends draußen verbringen. Nicht dass er wegen mir krank wird...
„Ich hoffe, du hast die Hose nicht selbst zerschnitten?", frage ich, nachdem ich Mum und Mariah, die aufgeregt hinter mir quietschten und sich freuten wie Bolle, auf Wiedersehen gesagt habe. Zwar habe ich Mum gesagt, ich würde später entweder bei Ana übernachten oder nach Hause kommen, aber sie weiß vermutlich genauso gut wie ich, dass ich die Nacht weder hier noch dort verbringen werde. Khans Wolfskopf ist das Indiz.
„Nö. Ich hab Aiden die Schere gegeben." Demonstrativ fährt er über das größte Loch, an seinem rechten Oberschenkel.
„Aiden durfte deine Hose zerschneiden?", lache ich. Er hält mir die Tür des Autos auf.
„Er hat gefragt?"
„Wow. Und du frierst auch nur ein bisschen? Sei froh, dass die Fete größtenteils drinnen stattfindet." In einer Scheune nicht weit entfernt von Miss Nadines Therapiezentrum, aber ich werde mich hüten, diese Info laut auszusprechen.
„Das musst du ja gerade sagen." Er schüttelt belustigt den Kopf. Dann wird er plötzlich ernst und sieht mich genau an. Seine Augen wandern über meinen Körper und meine Kehle ist prompt staubtrocken. Ich erröte und stelle peinlich berührt fest, dass das Licht im Wagen noch nicht aus ist. Zu dieser Zeit ist es draußen schließlich bereits dunkel.
„Du siehst wirklich atemberaubend aus, Kitty." Und obwohl ich dabei noch röter werde, schnaube ich leise.
„Du siehst auch nicht schlecht aus, Mr. Werwolf. Aber wenn wir irgendwann ankommen wollen, solltest du losfahren." Ich öffne mein Handy und stelle das Navi an. Eine Stunde Fahrt liegt vor uns. Ich bin mir noch unsicher, ob ich ihn auf all die Leute vorbereiten soll oder ihn ins kalte Wasser werfe. Beides schlechte Ideen, wenn ich es mir recht überlege.
Khan startet den Motor und fährt los. Für fünf Minuten lauschen wir dem Radio, das irgendwann keinen Empfang mehr hat und anfängt zu rauschen. Seufzend stelle ich es aus und drehe mich in seine Richtung.
„Schätze, ich gebe dir ein paar Insider-Infos?"
„Wäre nicht schlecht." Er wirft einen Blick in den Seitenspiegel, runzelt die Stirn und blickt zurück auf die Straße. Seine Finger trommeln auf das Lenkrad – ein gleichzeitig angenehmes und beunruhigendes Geräusch.
„Nervös?", frage ich.
„Ist das so offensichtlich?", fragt er zurück.
„Eigentlich nicht." Khan ist nie nervös.
„Du brauchst nicht nervös sein, Charming. Nicht, dass es wichtig ist, aber sie werden dich lieben. Dich und deine Arme." Ich werde die Finger vom Alkohol lassen. Wer weiß, was ich ansonsten noch schönes ausplaudere heute Abend. Nämlich, dass ich mir vorstelle, wie es sich anfühlen würde, diese beinahe kaputte Hose zu zerreißen und-
„Ich weiß. Aber das sind deine... Leute? Ich will nicht, dass sie was schlechtes denken oder so." Dann lacht er.
„Jeder liebt mich und meine Arme."
„Ouuu shut it", sage ich. Dann kommt mir auf einmal ein Gedanke.
„Hast du eigentlich auch Freunde?", will ich wissen. Erst im Nachhinein fällt mir auf, wie gemein meine Worte klingen. Er sieht mich mit einem belustigten aber verwirrten Blick an. Da sind wir ja schon zu zweit.
„So wollte ich das jetzt nicht fragen...", entschuldige ich mich.
„Ich weiß, was du meinst." Er hält an einer Ampel und legt den Kopf schief.
„Und ja, habe ich."
„Du redest nie über sie."
„Sollte ich das?" Eine gehobene Augenbraue.
„Gut, ich tue es auch nie. Aber die Leute, die wir gleich treffen, sind auch nicht mehr wirklich meine Freunde." Gedankenverloren fahren meine Finger über den Bezug des Autositzes, der im Licht einer Laterne silbern glitzert. Jemand hupt. Abrupt fährt Khan wieder los.
„Keine Ahnung, was ich von ihnen erzählen sollte", meint Khan.
„Die meisten Leute, mit denen ich an der Dragon befreundet war, mochten mich vermutlich nur, weil ich Football gespielt habe. Ich hab auch kaum noch Kontakt zu ihnen. Mein bester Freund Rich ist im Ausland. Seit einem Jahr. Macht dort seinen Abschluss. Frankreich oder Deutschland. Der Typ ist unglaublich begabt, was Sprachen angeht." Sein bester Freund Rich. Ein Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus.
„Telefoniert ihr oft, oder so?" Ob Jungs da genauso sind wie Mädchen?
„Wir face-timen mindestens einmal die Woche." Er nickt.
„Das ist so... cool", sage ich. Und es stimmt. Sein bester Freund geht im Ausland zur Schule. Wahnsinn. Wir kennen uns jetzt wie lange? Er hat ihn nie erwähnt.
„Du kannst ihn dir wie Aidens Freund Nolan in erwachsen vorstellen. Und mit roten Haaren", erwähnt Khan. Laut, selbstbewusst und rechthaberisch? Warum überrascht mich das wohl kein Stück?
„Jetzt bist du dran." Er überholt einen hässlichen silbrigen BMW, grinst und lehnt sich dann zurück.
„Was willst du wissen?"
„Gossip? Vielleicht zuerst Oberflächlichkeiten und Namen, damit ich mich etwas zurecht finden kann", schmunzelt er.
„Hätte dich nie für jemanden gehalten, der auf Gossip steht." Innerhalb der letzten halben Stunde habe ich vermutlich sowieso mehr neue Informationen über ihn erhalten als mein verzwicktes Hirn verarbeiten kann.
Also beginne ich langsam, nenne ihm die Namen meiner ehemaligen Cheerleader Kolleginnen. Natürlich Ana und meine ehemaligen besten Freundinnen. Dan und die Footballtruppe. Die Basketballtruppe. Die Schlägertypen. Als ich fertig bin, öffnet Khan seinen Mund und schließt ihn sofort wieder.
„Dafür, dass du nie über sie redest, bist du ganz schön informiert." Wir nähern uns inzwischen der Ausfahrt, die in meinen Geburtsort führt. Mein Herz fängt sofort an, heftig zu schlagen. Plötzlich juckt mein Netz-Oberteil. Das Korsett kommt mir zu eng vor. Mein Rock zu kurz. Ich bin kurz davor, Khan zu bitten, umzukehren. Ich überspiele meine Nervösität, indem ich weiter rede. Schnell. Und ohne nachzudenken. Weil jeder Gedanke mich aus dem Gleichgewicht bringen könnte.
„Ich hab mich vor ein paar Wochen mal wieder mit Ana getroffen. Sie hat mich auf den neusten Stand gebracht. Ich könnte dir noch viel mehr erzählen – wer im Knast war, wer gestorben ist... Aber mit den Namen könntest du ja doch nichts anfangen." Irrelevant. Wir passieren die Middle-School, die ich besucht habe. Die altbekannte Tankstelle nicht weit entfernt. Alles sieht so... gewohnt, normal aus. Ich ziehe die Schultern hoch.
„Es war das erste Mal, seit ich gegangen sind", gebe ich etwas leiser zu, weil ich das Gefühl habe, dass ich ihm diese kleine Info nicht vorenthalten sollte.
„Ihr habt euch erst vor ein paar Wochen wieder getroffen? Davor Funkstille?" Khan zoomt auf dem Navi näher heran. Wir biegen ab und ich erkenne in der Ferne Miss Nadines Therapiezentrum.
„Ich bin gegangen, ohne mich zu verabschieden", flüstere ich, selbst verblüfft, weil ich so ehrlich zu ihm bin. Als er daraufhin nichts erwidert, fahre ich fort.
„Im Endeffekt denke ich, war unsere Freundschaft nie wirklich beste Freundschaft, wenn du verstehst, was ich meine. In der Mittelstufe ist das doch immer so. Wir sind mit Menschen befreundet, aber kennen sie gar nicht richtig."
„Warum?", fragt Khan. Seine Stimme neutral. Kein Urteil in seinem Gesicht. Nur diese Frage.
„Warum was?"
„Warum bist du gegangen, ohne dich zu verabschieden?" Ich lächle ihn traurig durch den Spiegel an. Ich bin nicht bereit, ihm hier und jetzt von meiner kompletten Vergangenheit zu erzählen. Vor allem nicht, seit ich mir Andreas Worte zu Herzen genommen habe. Ich kann mich nicht ewig mit den Dingen aufhalten, die in der Vergangenheit schief gelaufen sind, die vergangen sind, wenn ich in der Zukunft glücklich sein will. Dennoch, finde ich, verdient er eine ehrliche Antwort.
„Vermutlich aus verschiedenen Gründen. Ich war... verletzt. Beschämt. Enttäuscht? Alles drei. Und wahrscheinlich, wie ich eben gesagt habe, auch einfach, weil sie mir nicht wichtig genug waren." Traurig, aber wahr. Wir passieren Miss Nadines Therapiezentrum und ich kann nicht anders als die Burg anzustarren, deren Fenster hell leuchten. Hinter einem der Fenster sitzt ein Schatten. Ich grinse in mich hinein.
„Und jetzt gehst du zu ihrem Geburtstag, weil...?", er runzelt die Stirn und versucht auf dem Navi etwas zu entziffern. Ich seufze. Lang und laut.
„Nenn mich bescheuert, aber eigentlich gehe ich nur hin, weil sie mich eingeladen hat und weil ich mich schlecht fühle, für die Art und Weise, wie ich sie... ja behandelt habe?", gebe ich zu. Ich streiche meinen Rock glatt und sorge dafür, dass ich nicht länger auf dem Katzenschwanz sitze, damit dieser nicht abfällt.
„Naja und weil du unbedingt mitkommen wolltest", scherze ich, um die Stimmung etwas anzuheben. Für eine Weile scheint es, als habe er meine letzten Worte gar nicht gehört. Ich sehe und spüre förmlich, wie sich die Rädchen in seinem Kopf drehen. Weil mich das nervös macht, beginne ich wieder zu reden.
„Ich weiß schon, dass das nicht unbedingt über mich aussagt „Hey, ich bin eine gute Person!". Das ist jetzt auch nicht mein Ziel. Diese Leute, manche von ihnen würde ich am liebsten verkehrt herum in die Toilette stecken und zehn Mal die Spülung betätigen. Ich bin nicht gewalttätig oder so, aber bei Gott, du solltest darauf vorbereitet sein, dass es vielen von denen heute Abend nicht um Ana oder ihren 17. Geburtstag geht, sondern darum, wie sehr sie sich abfüllen und mit wem sie in diesem Zustand noch schlafen können. Und wen sie auf dem Weg dorthin verletzen oder aus Versehen die Toilette runter spülen, das interessiert sie null die Bohne." Ich ziehe die Schultern hoch und schüttle angewidert den Kopf.
„Ich betrinke mich auch ganz gerne... aber mit denen will ich echt nichts zu tun haben und-", ich weiß nicht, was ich ihm überhaupt mitteilen will. Abwartend sieht er mich an.
„Ich hab den Faden verloren", sage ich. Hauptsache, du hörst auf, so nachdenklich dreinzuschauen. Das ist schließlich die Sache, vor der ich am meisten Angst habe. Dass er mich anders anschaut. Wenn er von meinem Problem weiß. Wenn er von meiner Vergangenheit weiß. Ich liebe es, wie er mich jetzt anschaut und- Meine Augen werden glasig.
„Das war eine interessante Geschichtsstunde zu Stews Leben", bemerkt er schließlich.
„Ich finde, jetzt könnten wir anfangen, die Stimmung etwas zu heben", schlage ich zaghaft vor und reibe mir unauffällig über die Augen. Nicht dass das Make-Up verschmiert.
„Ich fasse das jetzt nochmal zusammen? Am besten ich halte mich von den Schlägertypen fern und von den Footballspielern auch. Und von den Basketballern. Und von den Cheerleadern. Weil die alle irgendwie arschig sind und mich nur ins Bett schleppen wollen?" Ich lache. Er biegt rechts ab und wir fahren über einen einsamen Feldweg in den Wald. In der Ferne kann ich bunte Lichter erkennen. Die Scheune ist nicht mehr weit. Schon früher hat Ana hier immer ihren Geburtstag gefeiert. Ich meinen auch. Einmal.
„Bleib einfach bei mir, dann will dich auch niemand ins Bett schleppen", sage ich, natürlich kein bisschen egoistisch. Immerhin wäre ich, wenn er mich verließe, allein und verloren in diesem Meer aus Menschen, die ich längst nicht mehr kenne(oder viel zu gut kenne, wie man es nimmt).
„Niemand?", grinst er, ehe der Wagen zum Stehen kommt. Ich sehe ihn an, mein Herz schlägt einen Hüpfer. Dann werde ich rot. Und wie ich rot werde.
„Wie gesagt, halt dich an mich", befehle ich, bevor ich ihm einen Kuss auf die Wange gebe und aussteige, um das Geschenk für Ana aus dem Kofferraum zu holen. Es handelt sich um eine schwarze Ledertasche mit Jeans-teilen, die eingenäht wurden. Sie hat mir ein Bild von genau dieser Tasche geschickt, als ich sie fragte, was sie sich wünsche und hier bin ich nun, samt Tasche in passendem schwarzen Karton und blauer Schleife oben drauf, direkt vor der Tür der Scheune, wo schon mehrere Leute stehen und trinken, tanzen, sogar rummachen.
„Sieht aus wie eine von Matts Partys", bemerkt Khan.
„Oohja", stimme ich zu.
„Nur, dass das hier noch schlimmer wird." Wir erklimmen die Stufen, die in das innere der riesigen Scheune führen, die ebenfalls gerappelte voll ist. Ich voran, Khan jedes Mal nur einen Schritt hinter mir. Mit unseren Kostümen fallen wir kaum auf. Es gibt tausend Wölfe und bestimmt noch mehr Katzen.
„Da dachte ich, wir wären was besonderes. Einzigartig", schnieft Khan gespielt beleidigt. Ich gebe ihm einen Knuff in die Seite.
„Sei nicht traurig, Charming, für mich bist du einzigartig." Ich strecke ihm die Zunge raus und als ich seinen Blick sehe, fange ich an zu lachen.
„Du solltest dein Gesicht sehen!" Ich nehme seine Hand und durchquere die Scheune.
„Jetzt benutzt du schon meine Anmach-Sprüche", sagt er kopfschüttelnd, immer noch gespielt beleidigt. Ich drücke seine Hand.
♤♤♤
Im not ashamed for being really into that whole khan-wolfskostüm-thingy WHO IS WITH ME???
yikes sorry, ich hab mich mit dem Kapitel angefreundet aber wie gesagt, ist die total rohe Rohfassung
xxx
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