Fünf
Da Grandma und Grandpa Dexter nicht mehr so gut sehen wie früher, hielt es keiner für eine gute Idee, dass die beiden nachts mit dem Auto die fünfstündige Fahrt nach Hause zurück legen. Außerdem meinten sie, sie müssten uns am Morgen noch eine frohe Nachricht überbringen, die sie allerdings in Anwesenheit der Mayfields überflüssig fanden. Also bitte. Als fände meine Großmutter irgendwas überflüssig, wenn es jemanden tyrannisiert. Deshalb schlummern die beiden jetzt schon seit gut einer Stunde tief in ihren Bettchen, im Gästezimmer direkt neben Mikaels Zimmer. Ein weiteres Mal in meinem Leben bin ich dankbar dafür, das kleinste Zimmer dieses Hauses bekommen zu haben, das nicht neben dem Gästezimmer liegt.
Die Mayfields sitzen noch am Esstisch und unterhalten sich mit meinen Eltern. Aiden schläft auf Kerstins Schoß. Mikael und Claude reden angeregt über die Feuerwehr. Wie sich herausstellt hat auch Khans Großvater früher für die Feuerwehr gearbeitet, bevor er vor fünf Jahren an Alzheimer gestorben ist.
„Du bist so ruhig?", wispert Khan an meiner Seite. Er hat meine Hand wieder in Beschlag genommen und nicht mehr losgelassen, seit ich an den Tisch gekommen bin.
„Meine Großmutter ist anstrengend", sage ich bloß und blicke hinab auf unsere ineinander verschränkten Hände. Mum, die meine Worte mitbekommen hat, da sie neben mir sitzt, nickt zustimmend.
„Worauf hat sie diesmal herum gebohrt? Dein nicht vorhandener Ausschnitt? Die Locken? Oh, sag's nicht. Deine Schuhe." Sie macht einen gespielt schockierten Gesichtsausdruck.
„Wie kannst du nur diese Schuhe tragen, Frederika?", ahmt sie meine Großmutter perfekt nach. Schön zu sehen, dass sie sich in dieser Gesellschaft wohl fühlt. Meine Mum ist sonst nur selten so offen und ausgelassen. Fast nie. Kaum sind meine Großeltern nicht mehr hier... Die anderen lachen und ich ringe mir ein Grinsen ab. Knapp daneben ist auch vorbei. Mikael beobachtet mich. Er nickt Richtung Khan, der mich anstarrt. Ich schlucke. Seine Augen sind so durchdringend. Geistesabwesend streiche ich über sein Handgelenk und verliere mich in seinen Augen.
„Hast du Lust noch mal eine Runde um den Block zu drehen?", will er wissen.
„Jetzt, wo deine Grandma im Bett ist?" Bei dieser Erinnerung atme ich erleichtert aus.
„Liebend gern." Also bekomme ich meinen Mitternachtsspaziergang mit Khan doch noch.
Dreiundzwanzig
„Und, Blondie. Wofür sind wir heute dankbar?" Wir laufen mitten auf der Straße, ungefähr fünf Minuten von meinem Haus entfernt. Es ist stockdunkel, da die Straßenlampen nur spärliches Licht auf ein paar Blumen am Rand werfen. Ich kann Khans Gesicht nicht sehen, aber seinem Tonfall nach vermute ich, dass er seine Worte scherzhaft meint.
„Dafür, dass wir leben?", frage ich, meine Schulter berührt seine leicht. Ich atme tief die frische Nachtluft ein. Obwohl ich bloß einen relativ dünnen Cardigan trage, ist mir nicht kalt. Es gibt wohl für alles ein erstes Mal.
„So schlimm?" Er bleibt stehen, in der Mitte der Straße. Diesmal sehe ich seinen Gesichtsausdruck. Der Mond bescheint sein Gesicht. Ich beiße mir auf die Lippe. Er sieht so wahnsinnig gut aus. Wie im Traum ist das hier. Er ist wie meine Traumerscheinung.
„Weshalb wollte sie dich bei sich behalten, als wir gegangen sind?", will er wissen. Ich zucke mit den Achseln.
„Eigentlich weiß ich das selbst nicht so richtig", gebe ich zu. Vermutlich, um mich zu manipulieren. Aber das sage ich nicht. Er möchte etwas erwidern, doch ich winke ab und blicke ihm stattdessen ernst in die Augen.
„Wofür bist du wirklich dankbar?" Ich verschränke die Arme vor der Brust. Wir stehen keinen ganzen Meter von einander entfernt und dennoch verzehre ich mich praktisch nach seiner Nähe, nach seiner Berührung. Komisch. Das hatte ich mit Darren nicht. Khan macht einen Schritt auf mich zu.
„Ich bin für vieles dankbar, Blondie."
„Obwohl so vieles schief läuft?" Ich kratze mich an der Nase.
„Ich kann ja nicht ändern, dass es schief läuft." Da hat er wohl recht. Ich hingegen... ich könnte es ändern, oder? Ich könnte so vieles unternehmen, um diesem Teufelskreis zu entfliehen. Wie Grandma einst gesagt hat, andere Leute haben schlimmere Probleme. Ich bin selbst verantwortlich für meine Misere.
„Aber vor allem bin ich dankbar, dass ich dich kennen gelernt habe", flüstert er, plötzlich noch näher als zuvor. Prompt laufe ich rot an.
„Charming", hauche ich zurück.
„Das war jetzt kein bisschen cheesy." Aber meine Stimme ist rau. Denn ja, es war cheesy, aber gleichzeitig unglaublich süß.
„Gib zu, dass es dir gefällt", lacht er und gibt mir einen Stupser auf die Nase.
„Soso, denkst du also." Ich lege meine Arme um seinen Hals. Ein Grinsen breitet sich auf seinem Gesicht aus, eines dieser Grinsen, die ich in der letzten Woche vermisst habe. Ein echtes Grinsen. Mir wird warm ums Herz, in meinem Magen überschlägt sich etwas. Für eine Weile sehen wir einander nur an und wieder versinke ich in diesen wunderschönen Augen. Schließlich hole ich leise Luft, sehe weg.
„Ich bin auch dankbar, dass ich dich kennengelernt habe", sage ich schließlich, lauter als er, aber deswegen nicht weniger bedeutsam.
„Ich gebe gerne zu, dass mir das gefällt", grinst Khan. Er nimmt eine Hand von meiner Hüfte und zwirbelt eine Haarsträhne um seine Finger. Bevor ich länger darüber nachdenken kann, habe ich ihn auch schon an mich gezogen. Unsere Lippen berühren sich und ich habe das Gefühl, in einer komplett anderen Dimension zu sein. In meinen Gedanken ist es nicht Thanksgiving sondern Silvester, denn die Funken sprühen nur so. Seine Lippen sind weich, sanft. Er lässt meine Haare los, hält mich um die Taille in seinen Armen und zieht mich enger an sich. So eng, dass kein Blatt mehr zwischen uns gepasst hätte.
Der Kuss ist forsch, langsam fast. Ich habe Khan inzwischen so oft geküsst, man könnte meinen, es würde langweilig werden. Das tut es nicht. Jedes Mal ist es aufs Neue aufregend und... unbekannt. Wie ein Abenteuer, das man so oft wiederholt wie möglich. Ich vergrabe die Hände in seinen mittlerweile etwas längeren Haaren. Als unsere Zungen sich berühren, entfährt mir ein Laut, bei dem ich rot anlaufe. Khan lächelt an meinen Mund, packt mich fester, löst sich kurz von mir.
„Wir gehen aus", sagt er. Es dauert eine Weile bis seine Worte meinen benebelten Verstand erreicht haben.
„Wir gehen aus?"
„Morgen. Ich hab da noch dieses Schlittschuhfahr-Event bei dir offen, von dem du vor einer Ewigkeit geredet hast."
„Das hast du nicht vergessen?", ich bin perplex, halte sein Gesicht ein Stück von mir weg, um ihn besser sehen zu können.
„Hätte ich es vergessen sollen?", fragt er zurück.
„Das ist ewig her."
„Offensichtlich." Er legt den Kopf in den Nacken und lacht. Dieses Lachen. Ein wunderschönes Geräusch.
„Morgen?" Er bleibt beharrlich, binnen weniger Sekunden berührt seine Nase die meine wieder.
„J...ja", murmle ich, immer noch verwirrt.
„Ich muss nur Mariahs Vater schreiben. Seit dem Tod seiner Schwester gehört ihm die Halle. Wenn alles gut läuft, öffnet er für uns", erkläre ich. Wir haben das früher oft getan. Nicht nur Darren und ich. Oft war die ganze Gruppe dabei. Sind heimlich in die Eislaufhalle geschlichen, natürlich nicht ohne Mariahs Dad vorher um den Schlüssel zu bitten. Das sind Erinnerungen, die ich für immer in mir aufbewahren werde.
„Wo bist du gerade?", Khans Finger wandert unter mein Kinn.
„Hier."
„Ich meine, in Gedanken. Woran denkst du?" Seufzend sehe ich von einem seiner Augen in das andere.
„Es ist ewig her, dass ich dort Schlittschuhfahren war", gestehe ich.
„Das letzte Mal war dann wohl mit Darren?" Seine Stimme wird tiefer, seine Augen dunkler. Aber er wirkt nicht wütend, weil ich über Darren nachdenke. Ich zucke die Achseln.
„Schätze schon", flüstere ich.
„Was deine Großmutter vorhin gefragt hat...", er stockt und schüttelt den Kopf.
„Tut mir leid. Ich sollte dich nicht nach Darren fragen." Er murmelt noch etwas, das ich nicht verstehe, aber diesmal bin ich diejenige, die sein Kinn festhält und ihn zwingt mich anzusehen.
„Frag mich ruhig nach Darren." Meine Stimme ist fest.
„Sicher? Ich meine..." Noch mal ein Kopfschütteln. Er sieht niedlich aus, wenn er sich unsicher ist. Ich lache leise.
„Ich bin über Darren hinweg, Khan." Dann reiße ich die Augen auf.
„Gott, du denkst doch nicht, du wärst ein Rebound oder eine Ablenkung, oder? Weil wenn ja, dann müsste ich dich jetzt hier stehen lassen, um den Baseballschläger zu holen, den mir Mikael mal geschenkt hat und dich dann damit zusammen schlagen. Sowas würde ich nämlich niemals irgendwem antun, schon gar nicht dir!" Khan mustert mich, während ich einfach weiter brabble.
„Eine Ablenkung zu sein... Oder die zweite Wahl. Das tut wahnsinnig weh und oh mein Gott, bitte glaub mir. Ich will auf gar keinen Fall, dass du denkst, du wärst das für mich. Die zweite Wahl? Ich bin selbst grundsätzlich immer die zweite Wahl und weiß daher aus Erfahrung - shoot, ich rede dich gerade voll, oder? Tut mir leid."
„Du kannst ruhig weiter reden", erwidert er, gleichzeitig ein neugieriges und amüsiertes Lächeln auf den Lippen.
„Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, ich wäre betrunken", lache ich. Dabei hatte ich bloß zwei Gläschen Wein.
„Nein. Betrunken bist du nicht. Sonst würdest du mich als Prinzen bezeichnen oder meine Arme angaffen, Blondie." Ich verdrehe die Augen.
„Idiot", raune ich leise und boxe ihm gegen genannte Arme.
„Aber deswegen magst du mich doch so sehr!" Er lacht und gibt mir einen Kuss auf die Stirn.
„Wie war das noch mal? Du würdest sowas niemandem antun, schon gar nicht mir?", rezitiert er mich.
„Klar, dass genau diese Stelle die ist, die du im Kopf behältst", spotte ich und strecke ihm die Zunge raus. In diesem Moment erfasst mich ein eiskalter Windstoß. Ich fange leicht an zu zittern.
„Vielleicht sollten wir zurück gehen", schlägt Khan vor. Ich gähne.
„Wir sollten definitiv zurück gehen. Du musst ja ausgeschlafen sein für unser Date morgen." Er zwinkert mir zu, ehe er mich in einer einzigen flüssigen Bewegung auf den Arm nimmt. Ein leiser Schrei entfährt mir. Ich schlage ihm auf den Arm, als er mich mal wieder bridal-style zurück zu mir nach Hause trägt.
„Hast du einen Trag-Fetisch?", scherze ich, erneut gähnend.
„Ich muss doch irgendwie mein Charming-Image aufrecht erhalten", entgegnet er.
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