Elf
Wir verbringen bestimmt die nächste Stunde mit Tanzen. Überrascht stelle ich fest, dass Khan zu denen gehört, die nicht nur komisch rumstehen und ein bisschen die Hüfte schwingen. Khan kann tanzen. Als ich ihn scherzhaft mal wieder frage, was er eigentlich nicht kann, lacht er leise, gibt mir aber keine Antwort. Hah, er weiß es selbst nicht.
Anas Musikgeschmack hat sich kein bisschen verändert, lautstark dröhnt Hip-Hop und Rap durch die Boxen. Mir ist unglaublich warm und von den Leuten, die um uns herum stehen, geht dieser ekelhafte Schweißgeruch aus, der mich normalerweise dazu veranlasst, die Tanzfläche zu meiden. Irgendwann raunt mir Khan ins Ohr: „Willst du was trinken?", woraufhin ich erleichtert nicke und mich von ihm nach drinnen ziehen lasse.
Dort ist es weitaus kühler und auch der Geruch ist angenehmer. Ich krämpel die Ärmel meines Netzoberteils ein Stück nach oben und streiche meinen Rock glatt. Meine Füße schmerzen wie sie noch nie zuvor geschmerzt haben, aber ich unterstehe mich, die Highheels jetzt schon gegen FlipFlops zu tauschen. Wir sind höchstens anderthalb Stunden hier.
Khan nimmt zwei blaue Plastikbecher, sieht mich fragend an und füllt den einen dann mit Wasser. Ich nicke nur, sodass er den zweiten ebenfalls füllt. Im Vergleich zu draußen scheinen die Leute hier drinnen auf entspannte Musik zu stehen. Einige Leute sitzen auf den vielen weißen Couches, andere sitzen auf den Leuten, die auf den Couches sitzen. Überall stehen Plastikbecher. Ich entdecke drei Mädchen, die damals mit mir im Cheerleading-Squad waren. Daneben zwei Jungs, die mir ebenfalls wage bekannt vorkommen.
Unsicher nehme ich Khan meinen Becher ab und trinke ihn halb aus.
„Und du willst dir wirklich nicht diesen Pavillon ansehen?", fragt Khan, der meine Reaktion vorhin anscheinend richtig gedeutet hat.
„Du möchtest mich doch bloß in diesem schrecklich sexistischen Kostüm sehen", sage ich und versuche mich scherzhaft aus der Misere zu reden. Und ich möchte nur, dass er die 13-Jährige Stew niemals kennenlernt.
„Obwohl das durchaus seinen Reiz hätte", er grinst und wackelt anzüglich mit den Augenbrauen, ehe er binnen Sekunden das Grinsen durch ein vorsichtiges Lächeln und die hochgezogenen Augenbrauen durch einen ernsten Blick der Augen ersetzt.
„Muss ich sagen, interessieren mich hauptsächlich die Fotos selbst und nicht, wie knapp dein Rock ist. So gut müsstest du mich mittlerweile kennen", fügt er hinzu. Seine Augen sind so ehrlich und so ernst, ich schaffe es nicht, seinem Blick stand zu halten und konzentriere mich stattdessen auf den restlichen Inhalt meines Bechers. Wenn er diese Fotos sieht... Dann sieht er das kleine kaputte Mädchen.
Khan macht einen vorsichtigen Schritt auf mich zu und hebt mein Kinn an, sodass ich doch wieder gezwungen bin, ihm in die Augen zu sehen. Mein Herz macht einen Satz, und noch einen. Es schlägt so heftig, dass ich das Gefühl habe, es könne gleich explodieren. Ich verliere mich in diesem Saphir-Blau. Dieses Blau, das mich immer wieder auffängt, in dem ich mich wohlfühle, dem ich vertraue.
Ich vertraue Khan. Und er vertraut mir? Er vertraut mir so viel mehr als ich ihm vertraue. Vielleicht... Einer Eingebung folgend kralle ich meine Hand in seinen Hemdkragen und ziehe ihn näher an mich.
„Okay", flüstere ich nur, bevor ich die Lippen auf seine lege. Es ist mir egal, dass wir mitten in einem Raum voller Leute stehen, die ich von früher kenne und nicht ausstehen kann. Es ist mir egal, was sie denken. Als Khan die Hand an meine Wange legt und mich enger an sich zieht, spüre ich, dass es auch ihm egal ist.
Feuerwerk. Überall Feuerwerk. In meinem Magen krampft sich alles zusammen, aber ehe ich entscheiden kann, ob ich mich von ihm lösen soll, weil das ganze allmählich ausartet, oder ob wir weiter machen und verschwinden sollen, werden wir von einem lauten Schnauben unterbrochen.
Mit hochrotem Kopf löse ich mich von Khan, der blinzelt und verwirrt den Kopf schüttelt. Wenigstens ist sein Gesicht nicht rot. Mein Herz schlägt heftig gegen meine Rippen.
„Ihr versperrt die Getränkeausgabe." Melania. Wer auch sonst. Sie erinnert mich zunehmend an Anne.
„Wenn ihr weitermachen wollt, nehmt euch eine Couch oder ein Zimmer", säuselt sie mit einem giftigen Lächeln. Dann greift sie zwischen uns hindurch nach einem leeren Plastikbecher. Beide weichen Khan und ich zur Seite. Ich warte mit angehaltenem Atem darauf, dass sie wieder geht, doch Melania lässt sich Zeit dabei, ihren Becher erst mit Orangensaft und dann mit Wodka zu füllen. Als sie fertig ist, nippt sie eine Weile an ihrem Getränk und sieht dann mich an, direkt in die Augen.
„Jetzt noch mal genau, Stew. Warum bist du hier?", fragt sie mich, ihre Stimme trieft nur so vor Hohn. Sie steht nah bei mir, sodass ich ihre Alkoholfahne riechen kann. Naserümpfend blicke ich über sie hinweg zu Khan. Er zuckt die Achseln, ist aber nicht der einzige, der seine Aufmerksamkeit auf uns gerichtet hat. Meine drei früheren Cheerleader-Kolleginnen blicken ebenfalls in unsere Richtung, genauso die beiden Jungs und eigentlich jeder in der Scheune, der die Zeit nicht damit verbringt, wild rumzumachen.
„Ich hab dir schon mal gesagt, dass Ana mich eingeladen hat." Anders als sie, versuche ich gar nicht erst, nett zu klingen.
„Hast du dich bei ihr eingeschleimt, damit sie das macht? Weil, glaub mir, von alleine wäre Ana nie auf die Idee gekommen, dich einzuladen." Sie spricht das Wort dich mit so viel Hass aus, dass ich schlagartig einen Schritt rückwärts mache. Eiseskälte breitet sich in meiner Magengegend aus.
„Richtig, Stew. Ana hasst dich. Nachdem du ohne Worte gegangen bist, ist sie kaputt gegangen. Sie hat dir das mit Sicherheit nie verziehen." Ich presse so fest die Zähne zusammen, dass ich meine, sie knirschen zu hören.
„Ich-", beginne ich schließlich, aber Melania unterbricht mich erneut.
„Armes Stewilein, du warst immer so zu bemitleiden. Mit deiner kranken Mutter und dem Alkoholiker-Vater. Das einzig gute an dir war dein Bruder – wie hieß er noch gleich? Michael? Der war heiß." Melanie klimpert mit ihren Nägeln an den Becher in ihrer Hand. Ich spüre, wie mir die Magensäure hoch kommt. Was soll das? Was versucht sie hier zu tun? Mich beleidigen? Darin war sie schon immer gut. Hat sie echt nichts besseres zu tun, als all ihren angestauten Frust, Neid, was auch immer, sie zu so einem Menschen macht, an mir auszulassen?
„Aber der war ja grundsätzlich zu beschäftigt mit dir, als Augen für mich oder sonst wen zu haben." Mikael und Augen für Melania haben? Er war doch viel zu alt für sie! Ich beiße mir auf die Lippe und stelle meinen Becher ab.
„Melania", sage ich warnend. Wenn sie nicht bald den Mund schließt, kann ich für nichts mehr garantieren. Khan hinter ihr sieht vorsichtig zwischen uns hin und her. Eine der Cheerleaderinnen auf der Couch steht auf. Lizzy.
„Mel, ich glaube, du hast genug getrunken." Sie kommt auf uns zu, schenkt mir ein vorsichtiges, aber neugieriges Lächeln und packt ihre, anscheinend, Freundin am Arm.
„Ich habe noch lange nicht genug getrunken. Oder gesagt." Melania schlägt Lizzys Hand weg und wendet sich wieder an mich, die ich dabei war, mich aus dem Staub zu machen. Ich stehe noch immer neben ihr, habe allerdings eine Armlänge Abstand zwischen uns gebracht.
„Dass du es überhaupt wagst, hier einfach aufzutauchen, als ob nichts gewesen wäre!", Melania stellt ihren Becher neben sich ab, dabei erkenne ich deutlich, wie ihre Hand zittert. Oh, sie hat sehr offensichtlich genug getrunken. Lizzy beobachtet sie von hinten, ihre Hände schweben in der Luft, als wäre sie kurz davor, Melania ohne deren Zustimmung wegzutragen.
„Als ob nichts gewesen wäre", wiederhole ich ungläubig, gefährlich ruhig.
„Willst du mich eigentlich verarschen?" Ich hole tief Luft.
„Denkst du echt, ich wollte Ana verletzen? Denkst du wirklich, ich wollte die einzige Person verletzen, die immer zu mir gehalten hat? Egal, welche Scheiße ihr anderen verzapft habt?" Mit einem zufriedenen Grinsen nimmt sie einen riesigen Schluck von ihrem Getränk.
„Weiß nicht. Wer weiß schon, was in deinem Köpfchen so abläuft", säuselt sie dann. Sie zuckt mit den Achseln.
„Wenn du auch nur ein Stückchen nach deiner Mutter kommst, wird da ja nicht vieles richtig laufen", schiebt sie hinterher, grinsend. Eine Sicherung in mir brennt durch. Mir rutscht die Hand aus. Der ging unter die Gürtellinie. Ein lautes Geräusch ertönt, als Haut auf Haut trifft. Ungläubig hält sie sich die Wange, die sofort rot wird. Ich spüre meine Hand nicht, nicht den Schmerz, nicht den Aufprall, nichts. Stattdessen spüre ich, wie mein kompletter Körper zu vibrieren beginnt. Ich bin sauer.
„Sag, was du willst, Melania. Ich bin nicht mehr das Mädchen von damals. Das solltest du wissen. Es interessiert mich nicht, was du oder einer von deinen Bimbos von mir hält. Aber meine Mutter lässt du aus dem Spiel. Du hast keine Ahnung, was sie durchmacht." Ich habe ja selbst nicht mal eine Ahnung, was sie durchmacht. Das einzige, das ich weiß, ist, dass meine Mutter nicht verrückt ist. Sie hat eine Krankheit. Melanie reibt sich immer noch die Wange, kann aber die Klappe nicht halten.
Im Hintergrund höre ich jemanden „Bitchfight", rufen. Wäre ich ein Außenstehender in dieser Situation, wäre ich längst gegangen. Khan steht immer noch hinter Melania und sieht aus, als ob er gleich eingreifen würde. Ich schüttle den Kopf. Das ist mein Kampf. Ich muss ein für alle Mal mit Melania abschließen. Und das kann ich nicht, wenn Khan den Ritter in eiserner Rüstung spielt und mir hilft.
„Ich weiß nicht, was sie durchmacht? Nein. Aber es ist doch immer dasselbe mit euch. Ihr macht das alles, um Aufmerksamkeit zu bekommen. So wie du damals auch." Mein Herz bleibt stehen. Wortwörtlich. Um Aufmerksamkeit zu bekommen?
„Um Aufmerksamkeit zu bekommen, Melania? Wirklich? Ich habe mein Leben zerstört, weil ich Aufmerksamkeit wollte?" Eine Träne rinnt mir über die Wange und die Worte sprudeln aus mir heraus, ohne dass ich es verhindern kann.
„Ich habe mich runter gehungert, weil ich eure Aufmerksamkeit wollte? Ich lag abends mit schmerzendem Magen im Bett, weil ich beliebt sein wollte? Ich habe meiner Familie solche Sorgen bereitet, weil ich wollte, dass mich ein Haufen Idioten mit offenen Armen begrüßt? Hör mir zu, und hör genau zu. Ich war krank. Ich... ich habe nichts gespielt oder so getan als ob, und schon gar nicht wollte ich eure vorgegaukelte Freundschaft. Verdammt, was ist bloß los mit dieser Welt?" Mit brennenden Augen sehe ich mich in der Scheune um. Einige verdrehen die Augen, andere haben wenigstens den Anstand peinlich berührt wegzusehen. Mein kompletter Körper zittert, als mir bewusst wird, was ich soeben preisgegeben habe.
„Bist du zufrieden, Melania?", frage ich leise.
„Dank dir habe ich mal wieder meine Aufmerksamkeit bekommen." Ich schenke ihr ein falsches Lächeln, erkenne ihre Gesichtszüge aber gar nicht mehr, weil mir die Tränen die Sicht verschleiern. Kopfschüttelnd eile ich an Khan vorbei, der versucht, mich am Arm festzuhalten. Bloß nicht. Oh Gott. Ich habe den Pavillon gar nicht gebraucht. Ich hab die Bombe selbst platzen lassen. Wie konnte ich mich nur so provozieren lassen?
// its da bomb... okay, schätze das hatte hier sowieso so schon jeder erwartet, dass es irgendwann passiert, aber ja. i love it. im really proud of that scene even though its got stuff to improve on... im not crying you are - wobei, das schreiben war schon emotional(und ich hab mich seit anfang der story auf den moment gefreut, dont blame me) was jetzt folgt, liegt mir noch mehr am herzen, so dont be mean
nachtrag: die geschichte ist nach dieser offenbarung dann auch noch nicht vorbei, wollts nur gesagt haben
xxx
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