Einunddreißig
„Kommt doch rein. Hast du deinen Schlüssel vergessen, Stew?", sagt sie, ihre Stimme schnurrend und hoch. Ich nehme die Hand aus der Tasche. Sie wartet keine Antwort ab, verschwindet wieder, wie mir ihre Schritte verraten, die auf unserem Fußboden widerhallen. Vermutlich geht sie in die Küche, um Dad seinen Scotch aufzufüllen oder um sich selbst einen Tee aufzusetzen. Kaffee verträgt sich nicht gut mit ihren Medikamenten, sagt sie immer.
Ich drehe mich in Zeitlupe um. Die Haustür steht jetzt weit offen. Sie hat noch nie die Tür geöffnet. Noch nie.
„Du lieber Himmel", sage ich. Khan scheint sehr viel besser mit der Situation umgehen zu können – er weiß ja auch nicht, dass er eben einem Weltwunder zuteil geworden ist. Er geht an mir vorbei ins Haus, ganz selbstverständlich, dabei berühren sich unsere Arme wie aus Versehen, sieht mich grinsend an und zwinkert. Im Flur zieht er seine Schuhe aus und hängt die Jeansjacke(genau, die Jeansjacke, die ich an jenem Abend anhatte)an einen freien Harken, während ich immer noch wie benommen auf dem Treppenabsatz stehe.
„Kommst du, Blondie?" Er legt den Kopf schief. Die komische Stimmung von eben ist vergessen. Hoffentlich kommt er nachher nicht darauf zurück. So gerne ich ihn meinen richtigen Namen höre, ich mag die Situationen nicht, in denen er es tut. Langsam folge ich ihm ins Haus und schließe die Tür hinter mir.
Tatsächlich kocht Mum weder Tee noch bereitet sie ein Glas Scotch oder sonstigem Alkohol für meinen Vater vor. Die Kaffeemaschine piept laut. Sie braucht frisches Wasser. Vor meinem inneren Auge sehe ich die Scherben der beiden Tassen, die ich vor einer Woche hier fallen gelassen habe. Ich bleibe wie erstarrt im Türrahmen steht. Sie lehnt am Waschbecken, eine Hand am Wandschrank neben ihr, wo die Kaffeepads stehen.
„Dein Vater möchte einen Kaffee. Ich wusste nicht, dass er wieder Kaffee trinkt, aber du kennst seine Launen ja."
Mum steht mit dem Rücken zu uns und dreht sich dann um, um den Wasserbehälter aufzufüllen.
„Oh, hallo." Anscheinend bemerkt sie erst jetzt, dass Khan mit im Haus ist.
„Hi", sagt er und streckt dann die Hand aus. Mum reicht ihm langsam die Hand.
„Das ist Khan, Mum."
„Freut mich, sie kennenzulernen", entgegnet dieser, ganz der geborene Gentleman.
„Khan Mayfield." Mum sieht mich eine Weile schweigend an. Ich komme nicht umhin, unter ihrem Blick zu schrumpfen. Grandma und Grandpa sagen immer, ich sehe ihrem Teenager-Ich zum Verwechseln ähnlich. Auch heute weist sie dieselben blonden langen Haare auf wie ich, allerdings ziehen sich bereits hellere weiße Strähnen hindurch und lassen einige Partien grau wirken.
Ich richte mich auf und erwache aus meiner Starre.
Ihr Gesicht ist ausnahmsweise geschminkt – ab und zu schminkt sie sich, ich bin mir nicht sicher, warum, immerhin verlässt sie das Haus so ziemlich nie. Sie hat dieselben dunkelblauen Augen, die auch ich habe. Bloß dass mich ihre schon immer beängstigt haben. In ihnen steht so viel Wissen geschrieben. Kennt ihr die Menschen, die einfach reif und alt wirken, deren Seele von Theoretikern als alte Seele beschrieben wird? Meine Mum hat solche Augen. Sie hat eine verdammt alte Seele.
Einer der Gründe, warum ich nicht verstehe, wie sie sich in diesem Haus verkriechen und die Welt um sie herum vergessen kann...
„Was ist mit Darren?", fragt sie mich, kein bisschen dreist.
Ah, jetzt weiß ich wieder, warum sie es kann.
Sie fährt sich über die geblümte Jeans und das ordentlich gebügelte weiße Hemd. Insgesamt scheint sie heute den Look der vorbildlichen vernünftigen Mutter vermitteln zu wollen. Ich unterdrücke ein Schnauben.
„Darren ist... Darren", sage ich und hole drei Tassen aus dem Schrank, ordentlich darauf bedacht, sie nicht fallen zu lassen. Ich werfe Khan einen fragenden Blick zu, forme mit dem Mund das Wort: Kaffee? Ein Nicken. Dann lässt er sich geschmeidig auf einen der Stühle am Esstisch fallen. Für einen Moment beobachte ich, wie er unsere Küche beobachtet. Interessiert. Ehrlich interessiert. Dabei gibt es nicht viel zu sehen. Unsere Küche ist die langweiligste Küche, die er je gesehen haben wird. Insbesondere im Vergleich zu seiner eigenen Küche.
„Ich mochte Darren", erklingt da Mums Stimme. Ich unterdrücke ein weiteres Stöhnen, nehme ihr stattdessen den Wasserkanister aus den Händen und fülle ihn auf. Die Worte: „Du hast ihn kaum gekannt", liegen mir förmlich auf der Zunge. Aber weil Khan auch hier ist und jedes Wort hört, bleibe ich ruhig. Schweigend lasse ich den ersten Kaffee in eine Tasse laufen.
„Und du Khan? Wo kommst du her?" Sie lehnt sich an den Tresen, ihr Interesse plötzlich geweckt. „Ach, von hier und da." Er beginnt zu erzählen, als sie keine weitere Frage stellt.
„Ursprünglich wurde ich in Irland geboren. Dads Mutter wohnte allerdings hier, also sind wir nach Amerika gekommen, als ich etwa fünf war." Schlagartig interessiert auch mich diese Geschichte. Das wusste ich nämlich nicht, habe ich mich doch die ganze Zeit gefragt, woher der irische Akzent kommt. Mit gehobenen Augenbrauen reiche ich ihm den ersten Kaffee und vergesse fast, nach Milch und Zucker zu fragen.
„Schwarz, danke." Er nimmt einen Schluck.
„Aber du bist neu hier? Stew hat mir nie von dir erzählt." Wow. Danke, Mum. Das war jetzt echt nett. Khan lacht nur, dabei kann er nicht wissen, dass ich ihr praktisch gar nichts erzähle. Nicht mal von den Elternabenden an unserer Schule.
„Vor einem Jahr hatte meine Oma einen Anfall. Sie musste ins Krankenhaus und danach ins Altersheim. Wir haben in etwa zwei Stunden von hier gewohnt, aber das jeden Tag zu fahren, gefiel meinen Eltern nicht. Um bei ihr sein zu können, haben Mum und Dad beschlossen, dass wir hier her ziehen. Jetzt wohnen wir seit einem halben Jahr etwa hier – in Gmas Haus." Er zuckt mit den Achseln. Ich hingegen zittere unmerklich, als ich erneut auf den Knopf an der Kaffeemaschine drücke. Vor einem Jahr bin ich Paul zum ersten Mal begegnet. Er sagte, er habe einen Herzinfarkt gehabt, sah aus wie ein Obdachloser. Ob es etwas mit Khans Großmutter zu tun gehabt hat?
„Und was war vorher?" Mums Interesse geht mir allmählich auf die Nerven. Sie ist fast schon zu neugierig. Obwohl, ehrlich gesagt, ich will es auch wissen – vermutlich geht sie mir deshalb auf die Nerven, weil wir uns zu ähnlich sind. Das sind Dinge, über die Khan und ich noch nie geredet haben. Schätze, wir sind einfach immer zu beschäftigt damit, meine Psyche zu analysieren. Beinahe hätte ich laut aufgelacht.
„Wir haben im Nebenort gewohnt."
„Du warst auf der Dragon-High", bemerke ich, das erste Football-Spiel der Saison im Kopf, als er den Pullover seiner alten Mannschaft trug.
„Stimmt." Überraschung in seinem Blick. Ich beobachte eben gerne.
„Dein Sweatshirt", erkläre ich das Offensichtliche.
„Das ist aber ein Zufall." Mum blickt zwischen uns hin und her. Ich weiß genau, was sie denkt. Bitte, lass sie es nicht laut aussprechen. Eilig drücke ich ihr die zweite Tasse Kaffee in die Hand.
„Richte Dad meine Grüße aus", sage ich, in der Hoffnung sie loszuwerden. Glück habe ich keines. Sie bleibt stehen.
„Habt ihr euch dort schon kennengelernt?", fragt Mum und weiß gar nicht, was sie damit anrichtet. Am liebsten würde ich ihr ebenfalls eine Ohrfeige geben. Aber ich halte mich zurück.
„Ob wir uns...?" Khan steht auf und gesellt sich zu mir, als ich den dritten Kaffee einlaufen lasse. Ich habe das Gefühl, eine Wärme von seinem Körper ausgehen zu spüren, als er neben mir steht.
„Was meinen sie damit?" Doch die Frage gilt nicht meiner Mutter sondern mir. Ich seufze theatralisch, vor allem um Mum zu zeigen, wie unpassend ich das jetzt fand.
„Bevor wir beschlossen, dass ich auf unsere jetzige Highschool komme, hatte ich einen Probemonat bei euch." Ich mache eine wegwerfende Handbewegung und weiche seinem Blick aus.
„Aber du bist nicht geblieben", sagt er und pickt damit genau das heraus, was ich eben nicht laut ausgesprochen habe. Ich verziehe das Gesicht.
„Nein, ich habe mich gegen die Dragon High entschieden." Aus guten Gründen. Gründen, die er, wenn es nach mir geht, niemals erfahren wird. Wir blicken uns eine Weile stumm in die Augen, beide zu stur, um nachzugeben. In dem Moment räuspert sich Mum.
„Übrigens, Stew. Mikael hat mir von eurem Theaterstück erzählt. Viel Glück beim Vorsprechen nächste Woche." Damit verlässt sie die Küche. Sie sieht nicht, dass mich ihre Worte treffen. Ihre Aufmerksamkeitsspanne ist ungefähr die eines kleinen Kindes. Stattdessen verlässt sie unwissend lächelnd den Raum, um meinem Vater seinen Kaffee zu trinken – er wird doch nicht etwa Alkohol hinzugeben? Fassungslos, dass sie sich nicht mal merken konnte, wann das Vorsprechen ist, umklammere ich meine volle Kaffeetasse.
„Immerhin ist sie nicht die Art Mutter, die dir peinliche Babyfotos zeigt", frötzel ich, sobald die Tür zu Dads Arbeitszimmer zuschlägt. Obwohl mir das vermutlich sogar lieber gewesen wäre als die total absurde Situation gerade eben.
„Warum hast du dich gegen die Dragon High entschieden?", will Khan wissen und übergeht meinen Kommentar. Während er auf meine Antwort wartet, geht er aus der Küche in den winzigen Flur und sieht sich die wenigen Gemälde an den Wänden an. Mit seinen breiten Schultern füllt er den gesamten Flur aus. Ich habe keine Klaustrophobie, aber mit ihm auf diesem engen Raum, da wird mir komisch heiß und schwindelig.
„Die Gemälde stammen noch aus der Zeit, in der mein Dad die Bestsellerlisten stürmte. Hat er damals einfach mir nichts dir nichts auf so Aktionen ersteigert. Du willst nicht wissen, wie viel sie gekostet haben." Ich folge ihm und laufe prompt in ihn hinein, als er am Ende des Flures stehen bleibt. Vor meiner geöffneten Zimmertür. Schnell trete ich einen Schritt zurück und ignoriere, wie intensiv sein Duft meine Sinne umnebelt, jetzt wo ich meine Nase eben in seinem Rücken hatte.
„Darf ich?", fragt er, sieht über die Schulter hinweg zu mir zurück. Ich zucke die Achseln.
„Wäre nur fair, findest du nicht?" Immerhin war ich schon mehrmals in seinem Zimmer. In Sachen Ordnung geben wir uns vermutlich nichts.
Er grinst, betritt mein Zimmer, als ich sage: „Übrigens sollte dir aufgefallen sein, dass ich mein Zimmer nicht mein Reich nenne."
„Ich darf das... Wegen der königlichen Gene, du weißt schon." Er zwinkert mir zu und lässt sich auf den riesigen Ball fallen, der in meinem Zimmer herum rollt. Peinlich berührt merke ich, dass ich seit Tagen nicht richtig aufgeräumt habe. Seit der Sache mit Darren. Ich schließe die Tür hinter mir. Wenigstens habe ich gelüftet.
„Ach so ist das, Prinz Charming." Ich schüttle nur den Kopf und setze mich auf meinen Schreibtischstuhl.
Ich habe das kleinste Zimmer im Haus. Hier passen gerade so mein Bett, der Ball und ein Schreibtisch plus Stuhl rein. Dennoch fühle ich mich hier wohl. Die beiden Fenster, die hinter Khan in die Wand eingelassen wurden, spenden genügend Licht, um meine Stimmung aufzuhellen, wenn sie mal wieder absolut am Tiefpunkt angelangt ist.
Froh darüber, dass er das Thema Dragon High fallen gelassen hat, seufze ich. Während er auf dem knarzenden Ball hin und her hüpft, begutachtet er die Wände und die Bilderrahmen, die auf meinem Nachtkästchen und dem Schreibtisch stehen.
„Ich hätte nicht gedacht, dass du der Selfie-Typ bist", gibt er zu und nimmt das ihm nächste Bild in die Hand. Es zeigt Mariah und mich bei einem von Darrens Spielen. Vielleicht vor zwei Jahren? Wir sehen jünger aus als heute. Das spärliche Licht des herannahenden Sonnenuntergangs lässt Schatten auf unseren Gesichtern entstehen.
„Ich war mal Cheerleaderin, was erwartest du denn?" Die Worte verlassen meinen Mund, ehe ich mich zurück halten kann. Aber es stimmt. In den Augen der Menschheit sind Cheerleader doch super eitel.
Er sieht die restlichen Bilder an und ich weiß genau, wonach er sucht.
„Es ist keines dabei", sage ich.
„Was?" Schnaubend drehe ich mich einmal um die eigene Achse, gehe seinem neugierigen Blick aus dem Weg.
„Ich habe die Bilder von mir als Cheerleaderin weggeworfen." Das ist es doch, wonach er gesucht hat?
„Schade. Hätte dich gerne in einem dieser knappen Röcke gesehen, Blondie." Er zwinkert, gibt mir zu verstehen, dass er bloß scherzt – dass er bloß mit mir flirtet. Mein Herz setzt kurz aus. Als es wieder einsetzt, überspiele ich meine Scham mit einem Lachen.
„Wusste ja nicht, dass du pädophile Neigungen hast, Charming." Seine Antwort ist die altbekannte gehobene Augenbraue.
„Wenn du auf dreizehnjährige Mädchen in knappen Röcken stehst." Achselzuckend lehne ich mich zurück.
„Dreizehn?" Das Fragezeichen schwebt förmlich über seinem Kopf.
„Warum hast du aufgehört?" Ich zucke unmerklich zusammen. Dann setze ich mein Pokerface auf.
„Wir sind umgezogen."
„Aber du bist 17." Hat er sich ernsthaft gemerkt, dass ich behauptet habe, vor drei Jahren umgezogen zu sein? Offensichtlich.
„Ich habe mit vierzehn aufgehört." Lüge. Der Lügendetektor würde laut piepen.
„Irgendwann kommst du als Mädchen an dem Punkt an, an dem deine Barbie-träume platzen", erkläre ich. Wortwörtlich. Wenn ich recht drüber nachdenke, dann wollte ich immer wie Barbie sein. Begehrenswert, blond, hübsch, schlank. Vielleicht sogar perfekt.
Khan schweigt und stellt das Foto von Mariah und mir zurück zu den anderen.
„Warst du hier auch vierzehn?", will er wissen und hält ein weiteres Bild hoch. Ich kneife die Augen zusammen, um etwas zu erkennen. Langsam wird es draußen dunkel. Oh Gott.
„Heilige Scheiße", entfährt es mir. Mikaels Abschluss seiner Feuerwehrausbildung. Wir hatten uns alle versammelt. Mum war seit langem mal wieder in der Öffentlichkeit, es war das erste Mal, seit sie ihren Job aufgegeben hatte. Auf diesem Foto stand ich in Jeans und T-Shirt neben Mikael, der so ein typisches Absolventen-Outfit trug, das sie normalerweise nach dem Studium tragen. Mein Lächeln wirkt gezwungen – weil es gezwungen war.
„Ich wusste nicht, dass ich das Foto noch hier habe", sage ich ehrlich. Oder warum ich es aufgestellt habe. Ich war so furchtbar dünn.
„Nein", sage ich nach einer Weile. Khan sieht fragend von dem Bild auf. Ich schlucke.
„Ich war dreizehn." Kurz bevor man mich eingewiesen hat.
Ich erinnere mich an den Abend, als wäre er gestern gewesen. Es war die Woche vor meinem letzten Cheerleading-Training. Ich fühlte mich schrecklich. Ich sah auch schrecklich aus. Die Jeans, die ich trage, hatten längst im Keller bei den Altkleidersachen gelegen, weil sie eigentlich viel zu klein sein sollten. Mein Busen war kaum noch vorhanden, kleiner als heute. Meine Haare waren strähnig, dünn, niemand wusste, dass sie begonnen hatten auszufallen.
Mikael hatte mich am Tag zuvor das erste Mal zu Miss Nadine geschickt. Ich hatte kein Wort mit der Frau gewechselt, die so komisch aussah und mich behandelte wie ein Kind. Was ich, genau genommen, ja auch war.
Und dann Mikaels Abschluss. Vermutlich hatte ich das Bild hierbehalten, weil es eines der wenigen Bilder ist, die in dieser Zeit überhaupt entstanden sind. Ich fühlte mich nicht mehr wohl damit, vor einer Kamera zu stehen.
Ich hatte Mikaels Abschluss zerstört. Er machte sich solche Sorgen um mich, weil ich praktisch kaum geradeaus laufen konnte – ich hatte bestimmt seit zwei Tagen nichts gegessen – dass er den Abend und die ganzen Festivitäten nicht genießen konnte. Er war der erste aus meiner Familie, der mein Problem bemerkte. Und er sollte derjenige sein, der es Mum und Dad sagte, die wiederum alles andere in die Wege leiteten.
Noch heute fühle ich mich wahnsinnig schlecht wegen diesem Abend. Auch wenn ich damals nicht verstand, warum er sich sorgte. Behauptete, mir ginge es gut. Diese Tatsache macht alles nur noch schlimmer. Mikael beteuert, für ihn war es dennoch ein toller Abschluss, ich hätte ihn ihm nicht ruiniert. Aber ich kenne meinen Bruder.
„Das ist lange her", krächze ich, als ich aus meinem Tagtraum erwache. Eine halbe Ewigkeit.
„Ich gehe kurz auf die Toilette", sage ich und verlasse schnell den Raum. Im Badezimmer wasche ich mein Gesicht mit kaltem Wasser ab. Dieses Bild hätte Khan niemals sehen sollen. Ich glaube, nicht mal Mariah hat dem Bild je besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt.
Mein Herz pocht außergewöhnlich schnell und ich brauche eine Weile, ehe ich mich zusammen reiße. Etwa fünf Minuten verkrieche ich mich im Badezimmer. Als ich zurück in mein Zimmer komme, sitzt Khan nicht mehr auf dem Ball sondern auf meinem Schreibtischstuhl. Er scheint mit seinem Handy beschäftigt.
Ich lasse mich nun meinerseits auf den Ball gleiten und hopse hin und her.
„Warum bist du eigentlich vorhin noch dazu gekommen? Du hättest das Vorsprechen bestimmt nachholen können." Themenwechsel sind wirklich meine liebste Form der Ablenkung. Am liebsten würde ich ihn bitten das Bild für immer aus seinem Gedächtnis zu streichen. Ich mag nicht, dass er diese Version von mir kennt. Dass er das zerbrechliche dreizehnjährige Mädchen in der heutigen Stew sieht.
„Ich wollte wohl nicht, dass unsere Proben umsonst waren." Er legt das Handy beiseite und grinst. In seinen Augen liegt eine Ruhe, die mir sagt, dass er mich nicht weiter auf das Bild ansprechen wird. Puh. In diesem Moment scheint es mir in Ordnung, gar sicher, zuzugeben, dass mein Herz für ihn schlägt. Als ich schweige, fährt er leise und mit rauer Stimme fort.
„Außerdem konnte ich dich doch nicht alleine lassen..." Dieses Grinsen. Mir stellen sich die Nackenhaare auf. Einen Moment wirkt es, als wolle er etwas bedeutendes hinzufügen – aber er tut es nicht.
„Obwohl ich sagen würde, dass du das auch allein gemeistert hättest." Und dann fangen wir an, ganz unverfangen über das Theaterstück, die Proben, unsere noch nicht feststehenden Rollen und alles mögliche zu reden. Als es schon mehr als dunkel draußen ist, begleite ich Khan nach draußen und erinnere ihn daran, dass Aiden(und ich, was ich natürlich nicht laut sage)ihm beim Training zuschauen will. Wir einigen uns auf den kommenden Mittwoch.
Daraufhin steigt er nur lachend im Schein der einzigen Straßenlaterne unserer Straße in seinen Wagen und ich bleibe wie festgefroren am Straßenrand stehen bis sein Auto nur noch ein winziger Fleck am Horizont ist.
Bạn đang đọc truyện trên: Truyen247.Pro