Drei
Ich lehne mich mit verschränkten Armen an den Türrahmen und spiele mit einem Ärmel meines Kleides. Die Scheinwerfer gehen aus, eine schwarze Gestalt steigt aus dem Wagen. In seinen Armen befindet sich etwas, das ich im Dunkeln nicht identifizieren kann. Erst als er näher kommt, atme ich erstaunt aus.
„Wunderschön", hauche ich, den Blick auf den Blumenstrauß in seinen Armen gerichtet. Alle Arten von Blumen. Ein paar rote Rosen. Alles andere bunt. Deswegen haben sie ihn verloren, wie Aiden es ausgedrückt hat. Weil er Blumen gekauft hat.
„Danke. Du siehst aber auch nicht schlecht aus", gibt er zurück, sobald er die Treppe erklimmt. Ich verdrehe die Augen, nehme den Blumenstrauß aber glücklich entgegen.
„Charming." Ich stecke meine Nase in die Blumen und genieße den Duft. Irgendwo steckt da Minze drin.
„Du bist zu spät", sage ich, gespielt pingelig.
„Ich konnte es mir nicht nehmen lassen, dir... ich meine natürlich... deiner Familie Blumen zu kaufen." Er zwinkert mir zu. Dann beugt er sich zu mir runter und gibt mir einen innigen Kuss auf den Mund. Für einen Moment vergesse ich alles um mich herum. Einen Moment zu lange.
„Stew, was machst du noch da draußen?" Glücklicherweise ist es Mum, die uns erwischt, wie wir so im Türrahmen stehen und knutschen.
„I see", sagt sie. Ich laufe knallrot an und bin froh, dass das Licht über der Haustür nur spärlich ist und Khan es deswegen kaum sehen kann. Sein Lachen erklingt glockenhell.
„Kommt rein, es wird sonst kalt", sie schüttelt den Kopf, schenkt mir allerdings ein zögerliches Lächeln. Und dieses Lächeln bedeutet mir die Welt.
„Miss Dexter", sagt Khan und streckt ihr die Hand hin.
„Schön, sie mal wieder zu sehen." Er lächelt. Ich wiege immer noch die Blumen im Arm, während ich beobachte, wie Mum seinen Mantel nimmt und an die Gaderobe hängt.
„Ich würde sagen, dass es mir genauso geht", schmunzelt sie.
„Aber ich erinnere mich nicht wirklich an unsere letzte Begegnung." Ich reiße die Augen auf. Sie muss ein wenig benebelt von den Medikamenten gewesen sein, die sie nimmt. Khan nimmt es gelassen.
„Deswegen bin ich ja hier", bemerkt er, gibt mir einen Kuss auf die Wange und wandert dann an uns vorbei, schnurstracks in die Küche. Wir haben die verschiebbare Wand, die zwischen unserem winzigen Wohnzimmer und der noch kleineren Küche liegt, zur Seite geschoben und den Esstisch herausgezogen, damit auch ja alle elf Leute einen Platz haben.
Alle anderen sitzen schon am Esstisch, Grandma Dexter unterhält sich mit Kerstin und – au weiha – sie lächelt doch tatsächlich. Aiden sitzt neben Mikael und lässt sich gerade etwas über dessen Job als Feuerwehrmann erzählen. Ich grinse und zucke zusammen, als Grandpas dumpfe Stimme ertönt.
„Du bist dann wohl Khan!", sagt er. Khan reicht ihm ohne weiteres die Hand, die unmerklich zittert. Doch nicht so locker wie er tut.
„Freut mich, sie kennenzulernen, Sir. Sie beide", fügt er an meine Großmutter gewandt hinzu. Ich zucke ein weiteres Mal zusammen, als Grandma Dexter ganz direkt die Frage in den Raum wirft, die ich nicht wollte, dass sie sie vor allen anderen stellt.
„Was ist eigentlich mit Darren passiert?"
„Mum", Dad legt ihr warnend eine Hand auf die Schulter.
„Das war sehr dreist, Frederika", sagt auch mein Großvater. Mit großen Augen starre ich zwischen den beiden hin und her. Khan, der noch neben mir steht, lacht leise und raunt mir ein: „Mund zu, sonst fliegt was rein", zu. Ich strecke ihm unauffällig die Zunge raus.
„Ein berechtigte Frage, würde ich meinen", entgegnet meine Großmutter.
„Also? Frederika?" Automatisch krampfe ich mich zusammen. Atme tief durch. Die Mayfields runzeln die Stirn.
„Wir haben uns getrennt." Betont gleichgültig biete ich Khan den Platz neben seinem Bruder an. Doch bevor er sich setzt, zieht er meinen Stuhl nach draußen, ganz der Gentleman, und ich setze mich. Er hat also wirklich vor, meinen Großeltern zu gefallen. Beinahe verdrehe ich die Augen.
„Bitte. Ich habe nicht angenommen, du würdest es auf einmal mit zwei Männern gleichzeitig treiben." Claude, die soeben einen Schluck Wasser nehmen wollte, hustet leise.
„Du kennst echt keine Grenzen", murrt mein Vater und trinkt sein Weinglas in einem Zug leer.
„Wollen wir nicht einfach anfangen zu essen?", frage ich. Mikael wirft mir einen seltsamen Blick zu und am liebsten würde ich geradeheraus sagen: „Was denn, bei dieser Familie ist es kein Wunder, dass die Essgestörte vorschlägt endlich zu essen?!" Natürlich tue ich das nicht. Unter dem Tisch greift Khan nach meiner Hand.
Überraschenderweise verläuft das Essen vergleichsweise entspannt – jedenfalls gesprächsmäßig. Ich kriege nur ein kleines Bein des Truthahns in meinen Magen und würge beinahe, als mir Mikael mit einem bestimmenden Blick eine zweite Portion Kartoffelbrei auf den Teller patscht. Grandma Dexter schafft es nur zwei weitere Male, irgendwen in Verlegenheit zu bringen und zum Glück bin es beide Male nicht ich. Mikael auch nicht, er war schon immer ihr Liebling. Eigentlich ist er jedermanns Liebling.
„Warum nennen sie Stew eigentlich Frederika?", will Kerstin irgendwann wissen, als das Tischgespräch zu sterben droht. Mein Großvater lacht leise.
„Herrman!", warnt meine Großmutter. Eine bestimmende Falte breitet sich auf ihrer Stirn aus.
„Du musst zugeben, dass es eine amüsante Geschichte ist", meint mein Opa nur achselzuckend.
„Die Geschichte meiner Geburt", flüstere ich Khan zu. Selbst Mum lächelt plötzlich, obwohl sie den Rest des Abends sehr schweigsam gewesen ist.
„Stews Zweitname lautet Frederika", erklärt sie dann.
„Ted und Meredith waren sehr... sentimental, als sie das Neugeborene in den Händen hielten und gaben dem armen Ding den Namen Stew, weil die Hebamme, die geholfen hatte, sie zur Welt zu bringen, Stew hieß." Meine Großmutter rümpft die Nase.
„Die Hebamme war ein Kerl, aber das interessierte die beiden nicht." Neben mir grinst Khan nur vor sich hin. Ich boxe ihn in die Seite.
„Ich mag meinen Namen", versicherte ich Kerstin, als diese die Augenbrauen hebt.
„Das würdest du auch sagen, wenn es nicht so wäre", meint Grandma und schnalzt mit der Zunge. Stirnrunzelnd sehe ich Grandpa an. Habe ich was falsches gesagt?
„Und Frederika? Woher kommt der Name?", will Paul wissen, der offenbar bemerkt hat, dass dieses Gespräch in die falsche Richtung geht.
„Eine verstorbene Verwandte?", möchte nun auch Claude wissen. Ihre Lippen sind zu diesem verschmitzten Grinsen verzogen, das auch Khan so gut beherrscht.
„Ich heiße Frederika", erklärt meine Großmutter.
„Ich habe Ted vorgeschlagen, das Kind nach mir zu benennen, damit es zumindest einen anständigen Namen hat." Über den Tisch hinweg, lache ich meinen lautlos Bruder aus. Spaß halber haben wir schon mal darum gewettet, allerdings nie eine Antwort bekommen. Bis jetzt. Damit muss ich wohl nicht mehr wetten. Er grinst zurück und schüttelt den Kopf. Ich strecke ihm die Zunge raus, weil ich die Wette damit gewonnen hätte. Er behauptete nämlich, Dad sei im Wahn gewesen und hätte den Namen Stew später bereut, mich deswegen als Entschuldigung nach seiner Mutter benannt. Hah!
„Stew ist doch ein anständiger Name?", funkt da Aiden dazwischen. Grandma Dexter verdreht die Augen, verkneift sich aber jeglichen Kommentar. Zum Glück. Als ich in Aidens Alter war, wurde ich nicht verschont. Sie hatte an allem, was ich sagte, etwas auszusetzen. Und ich werde nicht zulassen, dass sie Aiden genauso behandelt. Der Rest des Gespräches geht in dieselbe Richtung. Gegen Ende beten wir dann – so wie sich meine Großeltern das wünschen – und bedanken uns für all das Gute in unserem Leben und im letzten Jahr. Während die anderen die Augen geschlossen halten, mustere ich Khan. Er hält noch immer meine Hand, hat sie nicht losgelassen, seit wir uns gesetzt haben. Ihm bin ich jedenfalls dankbarer als Gott oder irgendeiner überirdischen Macht.
„Wir können einen kleinen Spaziergang machen", schlägt Kerstin vor, als das Gebet vorbei ist.
„So machen wir das jedes Jahr. Und danach gibt es Tiramisu." Mein Magen protestiert leise und ich bin froh darüber, dass Grandma das nicht hören kann. Khan dagegen schon. Er löst seine Hand aus meiner und legt sie mir auf den Rücken. Kurz verkrampfe ich.
„Alles gut?", fragt er dann leise und ich nicke dumpf.
„Nachts im Dunkeln. In der Novemberkälte. Da erkältet man sich ja nur. Nein, danke", antwortet Grandma Dexter. Partypooperin.
„Ich gehe mit", verkündet Mum. Dad nickt. Selbst mein Großvater begleitet uns. Doch bevor auch ich aufstehen kann, hält mich Grandma zurück.
„Frederika, was hältst du davon, wenn du mir beim Aufräumen hilfst?" Ihr Lächeln ist kalt. Findet sie es eigentlich nie seltsam, mich mit ihrem eigenen Namen anzusprechen? Ich jedenfalls finde es mehr als seltsam. Geschlagen seufze ich. Also kein Spaziergang im Dunkeln unter dem wunderschönen Sternenhimmel mit Khans Hand in meiner... Ein Mädchen darf ja wohl träumen... Ich wünsche den anderen viel Spaß und nehme dann die Teller vom Tisch, um sie in die Spülmaschine zu stecken.
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