»Liebt Elion dich?«
Die Frage kam so unvermittelt, dass ich ihre Bedeutung zuerst gar nicht verstand. Wie kam sie darauf, dass Elion ... Natürlich, Lay hatte den Kuss zwischen uns beobachtet und zog nun falsche Schlüsse. Waren Elions Gefühle für mich etwa eine weitere Variable, die sie für ihre Berechnungen brauchte?
»Nein«, sagte ich fest. »Man kann nicht jemanden lieben, den man erst seit drei Tagen kennt.« Zugegeben, ganz sicher war ich mir damit nicht: Liebe war kein Konzept, das in den letzten fünfzehn Jahren Platz in meinem Leben gefunden hatte. Das Höchste meiner Gefühle hatte ich Herbert, meiner unglückseligen Kröte, entgegengebracht. Aber das war eher eine Art Zuneigung gewesen, weil Herbert der Einzige gewesen war, der mich nicht wie einen Sack Müll behandelt hatte.
Lay gab sich nicht zufrieden. »Warum hat er dich dann geküsst?«
Ich dachte daran, wie eilig Elion es gehabt hatte, den Kuss zu beenden, sobald er sich sicher gewesen war, dass Lay ihn gesehen hatte. Ein Muskel unterhalb meines linken Schlüsselbeins ziepte stechend. »Er wollte mich loswerden.«
»Klingt plausibel.« Die Seherin nickte knapp. Sie wirkte erleichtert.
Klar, dachte ich bitter. Plausibler als die Annahme, jemand sei in mich verliebt. Dann erinnerte ich mich an den eisigen Blick, mit dem Lay Elion und mich bedacht hatte. An die unausstehliche Art, mit der sie mich von Anfang an behandelt hatte, während sie Elion bedingungslos in all seinen Plänen und Befehlen gefolgt war. Konnte es sein, dass Lay in Elion verliebt war? Aber hätte sie ihn dann ohne Widerworte zurückgelassen? Hätte sie nicht zumindest versucht, ihn umzustimmen?
Lays Gesicht oberhalb des Tuches war ausdruckslos, ihre blauen Augen verrieten nichts als strenge Fokussierung auf ihre Aufgabe. Vielleicht war das ja Liebe: Nicht zu kämpfen, sondern sich ins Unvermeidliche zu fügen.
Ich hatte schon längst die Orientierung verloren – in jedweder Hinsicht – doch Lay schien zu wissen, in welche Richtung wir gehen mussten. Als wir schließlich aus dem Sturm heraustraten, geschah dies so jäh und ohne Vorwarnung, dass ich mich ungläubig umdrehte. Hinter uns erhob sich die rotierende dunkle Sturmwand bis in den Himmel, der jenseits des Sturms in ein tiefes Abendrot getränkt war. In meinen Ohren sauste es weiterhin, doch ansonsten war es gespenstisch still.
»Warum bleibst du ständig stehen?!«, fuhr Lay mich gereizt an.
Langsam legte ich den Kopf in den Nacken, sah nach links und dann nach rechts und versuchte, die Ausmaße des Sturms zu erfassen. Als hätte ein gewaltiges Messer ihn fein säuberlich durchschnitten, zog sich die Sturmwand in beide Richtungen, aber in der Ferne glaubte ich zu erkennen, dass er sich nach innen wölbte, als beschriebe er eine Kurve. »Das ist kein natürlicher Sturm«, sprach ich aus, was ich von Anfang an vermutet hatte. »Den hat jemand geschickt, um uns aufzuhalten.«
Lay schnaubte. »Jemand hat ihn geschickt?«
Unwirsch wedelte ich mit der Hand. »Oder heraufbeschworen, mir egal, wie du es nennen willst.«
»Niemand kann einen Sturm heraufbeschwören. Auch keine Idrin«, ergänzte Lay ungeduldig. »Elemente können nicht kontrolliert werden.«
»Sag das den Menschen, die wegen mir ertrunken sind«, entgegnete ich tonlos. Ich streckte die rechte Hand aus und berührte den Rand des Sturms. Auf meinen Fingerspitzen spürte ich den kalten Wind, während die Ascheflocken vor der Wand träge und beinahe waagerecht vom Himmel auf meinen Handrücken schwebten.
Ich zuckte erschrocken zurück, als etwas meine Fingerkuppen streifte. Kein Wind, sondern etwas Festes. Vermutlich ein aufgewirbeltes Blatt. Dann drehte ich mich zu Lay um.
Ihren eigenen selbstsicheren Worten zum Trotz sah ich, dass ihre Augenbrauen sich zweifelnd kräuselten. Sie musste ebenfalls erkennen, dass dieser Sturm kein normales Phänomen war, selbst nicht in diesen waldlosen Weiten ungezügelter Landwirtschaft, die nun unter Asche erstickte.
»Lay«, versuchte ich es erneut, »wir können die anderen nicht in diesem Sturm zurücklassen. Elion und ich sind dadrin beinahe draufgegangen.« Ich war wütend auf Elion und mir sicher, die Klinge eines stumpfen Messers in meinem Herzen zu spüren, sobald ich nur an seine warmen Lippen dachte. Das bedeutete aber nicht, dass mir sein Schicksal vollkommen gleichgültig war. Ich würde ihm einfach nie wieder in Augen schauen. Oder ein Wort mit ihm wechseln. Aber das war egal, so lange er diesen unsäglichen Tag überlebte. Dass ich einem einzigen kalkulierten Kuss so viel Bedeutung zugemessen hatte, war am Ende mein Problem, nicht Elions, und schon gar nicht das der anderen Nephilim.
Das Tuch wölbte sich, als wollte Lay etwas sagen. Dann packte sie erneut meinen Oberarm und zog mich vom Sturm fort. »Mein Befehl lautet, dich in Sicherheit zu bringen. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass du mit dem Sturm recht haben solltest, bedeutet das um so mehr, dich von hier fortzubringen.«
Ich stöhnte gequält auf, versuchte aber nicht, gegen Lay anzukämpfen. Wozu auch? Der Ausgang war selbst ohne Lays seherische Fähigkeiten leicht vorherzusagen.
Wir kamen nur langsam voran. Schon vor dem Sturm war ich am Ende meiner Kräfte gewesen. Nun kam auch noch die Wunde an meiner Wade hinzu, die mich wie ein Pirat mit Holzbein durch die Aschewüste humpeln ließ. Immer wieder sah ich zurück, hielt Ausschau nach Elion, Salma und Simon, die uns womöglich doch noch folgten. Oder Idrin, die unsere Spur aufgenommen hatten.
Doch niemand kam.
Hastig wischte ich über meine Wange, als ich etwas Feuchtes auf ihr spürte.
Je weiter wir uns von dem Sturm entfernten, desto offensichtlicher wurde sein unnatürliches Wesen. Wie ein dunkelgrauer Vorhang zerteilte er die Landschaft, bis er an beiden Enden jäh einknickte. Jenseits des Sturms regte sich nicht einmal ein Lüftchen, als brauchte der Wind all seine Energie, um im Sturm größtmögliches Unheil anzurichten. Wenn Lay meinte, niemand könnte solch einen Sturm heraufbeschwören, belog sie sich eindeutig selbst.
Mein einziger Trost bestand darin, dass sich die knochenzerschmetternden Fallböen gelegt hatten und Elion sich auf eigenen Beinen hatte halten können, als wir ihn zurückließen. Er war ein Halbgott, der Primus, und alles andere als wehrlos. Er konnte es schaffen ...
Rasch wich das Abendrot einer stumpfen blauen Dämmerung und es dauerte nicht lange, bis der Sturm in unserem Rücken eins mit der einbrechenden tiefschwarzen Nacht wurde, in der man die Hand vorm Auge nicht sehen konnte.
Nachdem ich zum wiederholten Male über Steine, Wurzeln und Erdhügel gestolpert und Lay mit mir gerissen hatte, sah sie endlich ein, dass es zwecklos war, weiterzugehen. »In knapp fünfzig Metern Entfernung befindet sich ein Toteiskessel, nach drei Tagen Ascheregen wahrscheinlich trocken gelegt. Wenn wir es bis dahin schaffen, haben wir für die Nacht Deckung.«
Automatisch setzte ich mich wieder in Bewegung und ließ mich von Lays Hand führen. Wut, Zorn, Ekel vor mir selbst und meiner Naivität, Angst und Hilflosigkeit waren einer dumpfen Erschöpfung gewichen, sowohl einer körperlichen als auch geistigen. Ich kam nicht einmal auf den Gedanken zu fragen, was zur Hölle ein Toteiskessel sein sollte.
Zwischen dem Morgen und dem Abend dieses verfluchten Tages schien die Welt sich gegen uns verschworen zu haben: Elion war unverhofft zurückgekehrt, mit einer Tüte voller Burger für mich, für die er kilometerweit durchs Niemandsland gefahren war. Dann war der Bumvee explodiert und wir hatten unsere Flucht zu Fuß fortsetzen müssen – eine Flucht vor Wesen, die gottverdammte Flügel hatten, mit denen sie uns einfach hinterherfliegen konnten. Mir war es von Anfang an aussichtslos vorgekommen, solch eine Flucht überhaupt zu wagen. Und da ich nicht gerade die vernünftigste Person auf Erden war, konnte ich mir kaum vorstellen, dass einer der Nephilim optimistischer an die Sache herangegangen war. Sie mussten alle gewusst haben, wie hoffnungslos unser Unterfangen gewesen war, nachdem wir kein Fortbewegungsmittel mehr hatten. Deshalb hatte Elion so sehr darauf gedrängt, ein Dorf zu erreichen und einen Wagen zu beschlagnahmen: Es wäre die einzige Möglichkeit gewesen, am Ende doch noch zu entkommen. Ohne mich hätten sie es bestimmt geschafft. Die Halbgötter waren von jahrelangem Training gestählt und ausdauernd, während ich mich mit der quälenden Langsamkeit eines nutzlosen Fleischhaufens dahingeschleppt hatte. Keiner von ihnen hatte seinen Unmut darüber an mir ausgelassen. Keiner hatte mich angeschnauzt, ich würde sie alle aufhalten. Selbst jetzt noch drängte Lay mich zwar, einen Fuß vor den anderen zu setzen, schien aber dabei meine körperlichen Grenzen zu berücksichtigen. Wären wir schneller gewesen, hätten wir das Dorf erreichen können, bevor die Idrin uns fanden. Und dann säßen weder Elion, noch Salma oder Simon in diesem Sturm fest und warteten darauf, ob der Orden oder die Zombiegötter sie zuerst fanden. Meine mangelnde Kondition hatte alles zunichtegemacht.
Hatte Elion geahnt, dass wir das Dorf nicht rechtzeitig erreichen würden und deshalb angefangen, zu flirten und anzügliche Anmerkungen über Schildkröten zu machen, um herauszufinden, wie zugänglich ich einer möglichen emotionalen Manipulation war? Es erschien nicht nur nicht undenkbar, sondern plausibel: Elion konnte meine Reaktionen an meiner Aura ablesen und hatte sich mit jeder Bemerkung, jeder noch so winzigen Berührung vorgetastet, bis er sich sicher sein konnte, mich da zu haben, wo er es wollte. Und ich Idiotin hatte ihm vertraut, statt daran zu denken, dass er ein Soldat war, dessen Schritte einer festgelegten Strategie folgten.
Als der Boden unter meinen Füßen abfiel, fasste Lay mit beiden Händen nach meinen Schultern und dirigierte mich durch träge raschelndes Schilf bis zum Grund einer Senke. Das musste ein ausgetrockneter Tümpel sein, ein Toteiskessel, wie Lay ihn genannt hatte.
»Ich brauche eine Minute Stille, um meine Berechnungen durchzuführen«, sagte sie. »Schaffst es, so lange den Mund zu halten?«
Ich nickte müde, statt darauf hinzuweisen, dass ich kein einziges Wort verloren hatte, seitdem wir den Sturm hinter uns gelassen hatten. Möglichst flach und leise sog ich Luft ein, als ich mich zwischen dem Schilf niederließ und mein pochendes Bein ausstreckte. Nur ein Streifschuss, hatte Elion gesagt. Ich hörte, wie Lay sich neben mich setzte. Wie war es Elion möglich gewesen, inmitten des finsteren Sturms zu erkennen, dass die Kugel keine ernsthaften Verletzungen an meinem Bein hinterlassen hatte? Wie häufig hatte er wohl schon bewaffnete Konflikte erlebt, um so etwas mit nur einem Blick erfassen zu können? Ich wusste es nicht. Im Grunde wusste ich gar nichts über ihn. Und ich hatte mir auch nicht gerade Mühe gegeben, ihn kennenzulernen. Oder einen der anderen Nephilim. Denn ich hatte von Anfang an abhauen wollen, statt mit ihnen zu kooperieren. Dass ich Elions Plan nicht durchschaut hatte, musste ich also meiner eigenen Ignoranz zuschreiben.
Meine Hände zitterten und ich hauchte lautlos meinen warmen Atem auf die klammen Finger meiner rechten Hand, die meine linke vorsichtig umschlossen hielt.
»Sie leben noch«, sagte Lay schließlich. »Alle drei.«
»Und wie stehen ihre Chancen?«, fragte ich mit hohler Stimme. »Besser oder schlechter als bei eurem Absturz über Kanada?«
»Etwa gleich hoch. Wenn ich wüsste, welche Teams der Orden geschickt hat, wären meine Berechnungen präziser.« Ihre Worte klangen fast wie eine Entschuldigung und weckten meinen müden Verstand.
»Würde das für sie einen Unterschied machen?«
»Einen erheblichen. Es gibt Teams, die weniger dominante Captains haben. Mit ihnen sollte Elion keine Schwierigkeiten haben. Aber wenn der Orden das Theta-Zwei-Team aus China abgezogen und auf uns angesetzt hat ...«
»Was ist mit diesem Theta-Zwei-Team?«, hakte ich nach. »Ist es voller Alpha-Arschlöcher oder was?«
»James Sullivan ist ihr Captain. Es gab eine Zeit, in der galt er statt Elion als Anwärter auf den Posten des Primus nach Nabors Tod. Er ist sehr mächtig.«
»Dann kann er auch mit dem Lebenslicht anderer Leute herumspielen?«
»Elion spielt damit nicht herum«, wies Lay mich zurecht. »Und nein, Sullivan kann nichts dergleichen. Er ist ein Mentalist. Seine Stärke ist der Schmerz.«
»Na wunderbar.« Ich rieb mir mit dem Andrücken über die Augen. »Will ich wissen, was er anstellt, wenn Elion es nicht schafft, ihm Befehle aufzuzwingen?«
»Nein«, sagte Lay ausdruckslos, »das willst du nicht wissen.«
Fröstelnd zog ich die Knie an die Brust, meine Arme vor der Kälte schützend zwischen ihnen und meine Brust gedrückt. Bisher hatten wir kein Glück gehabt, und wenn doch, dann war es nur von kurzer Dauer gewesen. Ganz bestimmt hatte der Orden das Theta-Zwei-Team geschickt.
»Es tut mir leid«, sagte ich in die Stille hinein.
Lay schwieg und ich ahnte, ich konnte mich noch so oft entschuldigen, es würde bei ihr auf taube Ohren stoßen. Ich konnte es ihr nicht einmal verdenken. Wegen mir saßen wir in der apokalyptischen Scheiße. Mal wieder. Ich wusste nicht einmal, ob ich mir am Ende selbst verzeihen konnte.
Wieder dachte ich daran, dass Lay womöglich mehr Gefühle für Elion hegte, als man ihr ansah, aber ich traute mich nicht, sie zu fragen. Nicht, dass ich davon ausgegangen wäre, überhaupt eine Antwort zu erhalten. Sie mochte mich verachten. Wenn Elion starb, würde diese Verachtung in Hass umschlagen, während sie gleichzeitig gezwungen war, mich zu beschützen. Ich schüttelte über mich selbst den Kopf, weil ich in Selbstmitleid versank wegen eines einzigen Kusses von dem Mann, der für Lay mehr zu sein schien als ihr Kommandant. Ich führte mich auf wie eine nervige selbstsüchtige Teenagerin.
Ich riss michzusammen und räusperte mich. »Wie oft wirst du den Gefahrenkoeffizient berechnen?«
»Sobald die Zeit des alten Werts abgelaufen ist.«
Also etwa alle vier Minuten, wenn ich mich richtig erinnerte. »Sagst du mir Bescheid, wenn er sich ändert?«
Ich hörte Lay neben mir tief durchatmen. Dann schwieg sie erneut.
Ich bettete meinen Kopf auf meinen Knien, starrte blicklos in die Dunkelheit und rechnete nicht mehr mit einer Antwort, als sie sagte: »Ich werde dich informieren.«
»Danke«, murmelte ich leise, um sie nicht zu stören. Dann begann ich, die Sekunden zu zählen.
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