
3. Kapitel: Wahn und Wirklichkeit
Die Welt war in milchigen Rauch ertränkt, in dem Gegenstände und Geräusche ineinander wuchsen, zerrissen und sich schließlich zu unförmigen Klumpen verdichteten. Die Wirklichkeit war bedeutungslos, ebenso wie Vergangenheit und Gegenwart. So fühlte es sich also an, wenn man den Wahnsinn akzeptierte.
Die kalte Zunge eines riesigen hässlichen Hundes namens Bertram fuhr über mein Gesicht, dann wob mich eine Spinne in ihr gelbes Netz. Ausgerechnet gelb.
»Ich mag Gelb nicht«, erklärte ich benommen und versuchte, mich mit frustrierend trägen Bewegungen aus dem Netz zu befreien, bevor die Spinne mit ihren tausend Augen kommen und mich fressen konnte.
»Wie bitte?«, fragte die Spinne und klackerte unruhig mit ihren Kieferklauen. Die Worte tanzten in meinem Kopf. Ich griff nach ihnen, aber meine Hände packten nur trüben Rauch und dottergelbe Seide.
»Ich mag Gelb nicht!«, wiederholte ich nun mit mehr Nachdruck und konzentrierte mich darauf, das Gespinst von meiner Haut zu reißen. Mein Arm blieb darin stecken, ich zog und zerrte, bis ich spürte, wie das Netz am Ellenbogen riss.
»Herr Copettius, bitte hindern Sie Ihre Mandantin augenblicklich daran, sich auszuziehen!«
Die Spinne biss in meinen Arm. Wieder schrie ich. Aber es waren ja gar nicht die Klauen einer Spinne, sondern Thereses Hand, auf deren Rücken mir zwei lidlose blaue Augen entgegenblickten. Diese war zierlich und warm gewesen, ihr Griff der einer hungrigen Spinne. Ihre neue Hand war größer, angenehm kühl, aber nicht weniger grob zu mir.
»Um Himmels Willen, konzentrieren Sie sich!«, befahl der Schatten am Ende der Hand. »Sie führen sich ja auf wie eine Wahnsinnige!«
Ich brach in schallendes Gelächter aus. Die Spinne hatte Humor. Oder schlicht keine Ahnung, wen sie da gefangen hatte.
Um mich herum wurde es unruhig, ein haushoher Schatten neben mir rief etwas, jemand klopfte auf Holz und im nächsten Moment flogen meine Füße über einen weißen Steinboden.
Eine Tür wurde zugeschlagen. Der Schatten drückte ich in einen Berg aus Watte. Gut so. Spinnen konnten keine Türen öffnen.
Wortfetzen krallten sich in meine Ohren: » ... total zugedröhnt, die verfluchten Schweine!«
»... bleibt uns nichts anderes ...«
Ein Gesicht schob sich durch den Rauch, grüne Augen über flinken Sommersprossen. »Du wirst einen gewaltigen Kater bekommen, aber uns bleibt nichts anderes übrig.«
»Friss die Spinne, gepunkteter Kater!«, erwiderte ich ernst und hielt einen Daumen hoch.
Der Kater fuhr mit einer Kralle über meinen Oberarm und ich zischte, um ihn zu vertreiben. Kater verletzen niemanden, hatte ich behauptet. Von wegen! »Böser Kater!«, schimpfte ich und rieb mir den Arm.
Als Wiedergutmachung schenkte mir der gefleckte Kater einen Korb und stieß ihn mir vor die Brust.
»Versuch, nicht auf dein Kleid zu kotzen. Dein Gesamteindruck ist schon miserabel genug.«
Angestrengt formte meine Zunge das Wort miserabel nach und ich konnte noch feststellen, dass es klang, wie es aussah, da stieß mir jemand ein Messer in den Bauch und riss meine Gedärme heraus.
Was für ein beschissener Tag.
Geräuschvoll erbrach ich mich in den Korb.
*******
Die Erde dreht sich mit einer Geschwindigkeit von über eintausend Kilometern pro Stunde um sich selbst. Unter normalen Umständen bemerken Menschen gar nicht, auf welch irrsinnigem planetarischen Karussell sie sich befinden. Allerdings war ich meilenweit entfernt von normalen Umständen und mir sicher, den intergalaktischen Fahrtwind in meine schweißnasse Haut schneiden zu spüren, während ich mich drehte und drehte und drehte und fest davon überzeugt war, sterben zu müssen.
Zunächst bemerkte ich gar nicht, wie der Rauch sich verzog. Zu sehr war ich damit beschäftigt, mich an den Papierkorb zu klammern, um nicht plötzlich den Anschluss an die unvorstellbare Fliehkraft der Erde zu verlieren und hinaus in die Weiten des Kosmos geschleudert zu werden. Nach und nach setzte sich die Wirklichkeit um mich herum zusammen, formten einen rauen grauen Teppichboden, der beruhigend fest wirkte, dann den Bastrand des erbärmlich stinkenden Papierkorbes und schließlich meinen eigenen Körper, der gefährlich vor und zurück schwankte.
Geblieben war das Gefühl, mit einem stumpfen Messer ausgeweidet worden zu sein, pochende Kopfschmerzen, der Geruch von Erbrochenem in meiner Nase und dem bitteren Geschmack von selbigem in meinem Mund. Kurz gesagt: Ich fühlte mich hundsmiserabel.
»Scheiße ...«, krächzte ich heiser und klammerte mich hilflos zitternd an den ruinierten Papierkorb in meinen Armen.
Ein knallroter Kaugummi wurde mir unter die Nase gehalten. Mit zitternden und kaltschweißigen Händen steckte ich ihn mir in den Mund. Kirschgeschmack. Immerhin.
Vorsichtig, um meinen Kopf nicht explodieren zu lassen, sah ich mich um. Ich saß auf einer weichen weinroten Couch, offensichtlich in einem Büro. Nicht in dem von Dr. Grubert, das durch seine sterile Schlichtheit überzeugt hatte. Die Wände dieses Büros hingegen waren ausgestattet mit dunklen, deckenhohen Regalen, die vollgestopft waren mit staubigen Aktenordnern.
Durch hohe Fenster sah ich alte Eichen, deren dunkelgrüne Blätter unter einer feinen Schneeschicht verblassten.
Schnee.
Dort draußen lag Schnee. Mitten im Sommer. Therese hatte es auch gesehen. Oder waren ihre Worte bereits das Ergebnis des Drogenrauschs gewesen, so wie ihre tausend Augen?
»Schneit es?«, flüsterte ich und erschrak vor dem rauen Krächzen aus meiner Kehle.
Ich hörte eine raschelnde Bewegung links neben mir. Instinktiv drehte ich meinen Kopf in die Richtung. Ein fundamentaler Fehler, wie ich sofort feststellen musste. Eine Atombombe zündete in meinem Kopf, deren Wellen aus Schmerz gegen meine Schädeldecke donnerten und mein Sichtfeld in eine strahlende Aura tauchten.
Erneut stöhnte ich auf und presste meine Handballen gegen meine Augen, während ich mit meinen Beinen versuchte, den vollgekotzten Eimer auszubalancieren.
»Du solltest deinen Kopf nicht zu schnell bewegen«, sagte eine Stimme. Männlich, ruhig, leise. Er war mir auf Anhieb unsympathisch. Klugscheißer konnte niemand leiden. »Der Medikamentencocktail zirkuliert noch in deinem Kreislauf. Wir konnten lediglich die Wirkung etwas lindern, damit du wieder klar denken kannst.«
Klar denken. Ich. Der Witz des Jahrhunderts.
Vorsichtig zog ich die Hände von meinen Augen und blinzelte probehalber. Lichtfunken stoben um mich herum, doch immerhin nahm der Schmerz langsam ab.
Ein hoher Schatten regte sich neben mir, trat ans Fenster und schaute hinaus, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Neben ihm wirkte der wuchtige Biedermeierschreibtisch vor dem Fenster so niedrig wie eine Schulbank für Grundschüler.
»Wo bin ich?«, fragte ich elend, während ich fieberhaft nachdachte, wer zum Teufel der Typ war.
»Im Gericht«, antwortete er knapp. »Heute ist dein Verhandlungstermin.«
Verwirrt starrte ich auf seine schlanke Sillouette. Verhandlungstermin? Ich war doch bereits verurteilt. Oder nicht? Hatte ich mir den langwierigen Prozess mit den unzähligen Gutachtern nur eingebildet? Oder träumte ich nur, dass schon Monate vergangen waren?
Ich verlor mich gerade in Überlegungen, ob Zeitreisen prinzipiell möglich waren, als der Mann sich umdrehte.
Er wirkte jung, nicht viel älter als ich. Sein blondes Haar war an den Seiten militärisch kurzgeschnitten. Grüne Augen unter dunklen Brauen. Sommersprossen über feingeschnittenen Wangenknochen. Ein bitteres Lächeln zwischen der langen schmalen Nase und dem kräftigen Kinn. Er kam mir seltsam bekannt vor ...
»Du bist der Kater«, rutschte es mir heraus und griff nach meinem Oberarm, in dem ich noch immer seine Krallen zu spüren glaubte.
Er runzelte die Stirn, dann kam er mit großen Schritten auf mich zu.
Ich drückte mich tief in die Couchlehne, als der Riese vor mir in die Hocke ging. Selbst jetzt überragte er mich um Haupteslänge. Ein Hauch von Sommer kitzelte meine Nase. Seine grünen Augen bohrten sich in meine, als fände er dort eine Antwort, nach der er dringlichst suchte.
Warum verflucht noch eins musste mich jeder, mit dem ich mehr als zwei Worte wechselte, so penetrant anstarren?
»Du weißt, dass ich kein Kater bin, oder?«, fragte er todernst.
Ich nickte vorsichtig. Natürlich. Ich war vielleicht wahnsinnig, aber nicht bescheuert. Ich kannte den Unterschied zwischen Menschen und Katern. Kater konnten nicht sprechen. Vermutete ich zumindest. Angesichts meines Geisteszustandes war es riskant, von Wahrheiten in absoluten Kategorien zu denken.
Erleichterung spiegelte sich auf seinem Gesicht, obwohl seine Augenbrauen weiterhin angespannt zusammengezogen waren. »Gut. Denn was auch immer gleich im Verhandlungsraum gesagt wird, du darfst unter keinen Umständen verrückt wirken.«
Ich biss auf meine Unterlippe und sog mit einem lauten Quietschen die Luft ein. »Das könnte schwer werden: Ich bin nämlich verrückt.«
»Das bleibt abzuwarten«, sagte er zurückhaltend und erhob sich. »Wenn du wieder so ein Theater machst wie eben, stehen deine Chancen gleich null, aus der Anstalt entlassen zu werden.« Er schnaubte abfällig und schüttelte den Kopf.
Mein Kopf begann wieder zu pochen. Mein Verstand kam nicht hinterher. Ich war eine verurteilte Mörderin, sicher verwahrt in der Geschlossenen, da offensichtlicher Wahnsinn bei mir diagnostiziert worden war. Was ich mittlerweile sogar einsah. Wer um alles in der Welt kam auf verrückte Idee, mich nach nur einem Jahr da wieder herausholen zu wollen?
Vorsichtig stellte ich den stinkenden Papierkorb vor mir auf den Boden. »Wer bist du und wo zum Teufel bin ich?«, fragte ich misstrauisch.
»Hör auf zu fluchen, am Ende hört er dich noch«, kam die Antwort und plötzlich wusste ich es: In diesem Raum war ich nicht der einzige Irre.
»Ich bin Elion. Mein Vater verteidigt dich heute. Oder zumindest versucht er es. Du machst es ihm mit deinem Verhalten nicht gerade einfach.«
Hatte ich mich verhört oder hatte er soeben einer Verrückten vorgeworfen, verrückt zu sein?
»Irgendwie müssen wir die Richterin davon überzeugen, dass dein Wahn nur vorrübergehend war und es deshalb keinen Sinn ergibt, dich weiterhin in der Forensik zu behandeln.« Das letzte Wort spie er angewidert aus. »Gelingt es uns, kannst du in den Strafvollzug verlegt werden.«
»Aber warum?«, fragte ich verwirrt. »Ich bin verrückt. Und man hat mir gesagt, dass ich geheilt werden könne und dass ich vielleicht gar nicht die volle Haftstrafe absitzen muss, wenn sich mein Zustand verbessert.«
Elion lachte freudlos auf. »Dein Zustand wird sich nicht verbessern, weil sie nicht wollen, dass er sich verbessert.«
Vorsichtig schüttelte ich den Kopf. Die Atombombe blieb ruhig. »Das ergibt keinen Sinn. Hat irgendwie den Beigeschmack einer Verschwörungstheorie. Und außerdem habe ich weder dich noch deinen Vater beauftragt, mich in irgendeiner Sache zu vertreten. Mein Anwalt heißt ...« Angestrengt versuchte ich mich, an den Namen des schnauzbärtigen Anwalts zu erinnern, neben dem ich die langen Wochen meines Prozesses gesessen hatte, ohne kaum ein Wort mit ihm zu wechseln. Zwecklos. »... nicht Coppelius.«
»Copettius«, korrigierte Elion mich. »Und dein letzter Anwalt hieß Schmiedekind. Ein absoluter Vollpfosten, der dir einen Bärendienst erwiesen hat und von dem, so weit ich weiß, nicht mehr übrig ist als Wurmfraß.« Überrascht schnappte ich nach Luft, aber Elion gab mir nicht die Gelegenheit zu fragen, wie mein Anwalt es geschafft hatte, ums Leben zu kommen. »Fakt ist, dass du die Forensik nur auf einen Weg verlassen wirst: In einem Leichensack. Ob in siebzig Jahren oder in einer Woche spielt dabei keine Rolle. Wichtig ist ihnen nur, dass du weggesperrt bist, unter ihrer Aufsicht und Kontrolle. Und wenn sie dich weiterhin so mit Drogen vollpumpen, siehst du die Radieschen eher bald als später von unten sprießen.«
Aha. Da war er. Der Fehler, der ihn endgültig als ebenso irre markierte wie mich.
»Ich werde nicht vollgepumpt«, erklärte ich gelassen. »Ich nehme die Tabletten freiwillig.«
Elions Gesicht verzog sich gequält. »Um so schlimmer.«
Die Tür wurde aufgerissen und ein weiterer Riese betrat das Büro. Blondes Haar, grüne Augen - eindeutig Elions Abbild, nur älter und ohne Sommersprossen im Gesicht. Dann war er also Copettius, Elions Vater. Und mein Anwalt, um den ich nicht gebeten hatte.
»Ist sie so weit?«, fragte er, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Ok, der Kerl war genauso unsympathisch wie sein Sohn. Von mir in der dritten Person zu sprechen, während ich keinen Meter von ihm entfernt saß, war mehr als gedankenlose Unhöflichkeit – es war ein Statement, und es fiel nicht zu meinen Gunsten aus.
Elion schüttelte den Kopf. »Entweder war unsere Dosis nicht hoch genug, oder sie ist tatsächlich irre.«
Arsch. Hatte er nicht eben noch versucht, mich vom Gegenteil zu überzeugen?
»Wisst ihr, ich kann euch hören«, warf ich ein und winkte mit der Hand. »Jedes einzelne Wort.«
»Wir müssen es wagen«, ignorierte Copettius mich. »Die Richterin wird ungedulig.«
Elion strich sich fest übers Kinn. »Und wenn sie es nicht schafft?«
»Dann gehen wir nahtlos über zu Operation Jericho.«
Der junge Copettius erblasste deutlich unter seinen Sommersprossen. Seine rechte Hand schob sich unter sein tiefblaues Sakko, als suchte sie dort etwas.
»Hoffen wir, dass es dazu nicht kommen wird. Vielleicht hilft das ja.« Der Ältere griff in seine braune Aktentasche und warf mir ein blaues Stoffbündel in den Schoß. »Sie hat drei Minuten. Und sorg dafür, dass sie nicht mehr nach Erbrochenem riecht.«
*******
Ich starrte in das Gesicht einer Fremden. Ein Jahr ohne Sonnenlicht hatte einen Vampir aus mir gemacht. Meine Haut war bleich und wächsern. Unter meinen grauen Augen, deren Pupillen unnatürlich geweitet waren, lagen dunkle Schatten. Ich hatte nie zu den Mädchen gehört, die den Großteil ihres Tages mit Make-up und Pflegeprodukten verbrachten. Aber der Blick in den Spiegel weckte in mir das dringende Bedürfnis, eine ausführliche Runde durch die Kosmetikabteilung zu drehen.
Mein Spiegelbild seufzte mich resigniert an.
»Gib nicht mir die Schuld«, murmelte ich. »Eine Irrenanstalt ist nun mal keine Wellnessoase.«
»Hast du was gesagt?«, rief Elion durch die Tür.
Ich hatte ihn nur mit Müh und Not daran hindern können, mir auf die Damentoilette zu folgen. Als Kompromiss stand er nun vor der Tür, die durch seinen Fuß einen Spalt weit offengehalten wurde. Kontrollfreak.
»Ja, aber nicht zu dir«, rief ich ungehalten.
Er wusste, dass ich alleine in dem Raum war, immerhin hatte er vorher jede einzelne Kabine überprüft. Vielleicht sah er jetzt endlich ein, dass es zwecklos war, mich im Gerichtssaal die Normale spielen zu lassen. Ob real oder nicht, die Augen in Thereses Gesicht hatten mich daran erinnert, dass mit mir etwas ganz und gar nicht stimme – nicht gerade die beste Voraussetzung, das vernünftige Mädchen von nebenan zu spielen. Vor allem, wenn man nicht begriff, wozu.
»Was ist Operation Jericho?«, fragte ich laut, während ich kleine Bröckchen Erbrochenes aus meinen splissgeplagten braunen Haarspitzen kratze.
»Das geht dich nichts an.«
Zack, wieder ein paar Sympathiepunkte verspielt.
»Und wie habt ihr euch das vorgestellt?«, fragte ich weiter. »Soll ich einfach reingehen und sagen Hi, übrigens bin ich nicht verrückt, bitte stecken Sie mich zu den gemeingefährlichen normalen Mördern und Dieben, da fühle ich mich besser aufgehoben?«
»Nein«, antwortete Elion trocken. »Genau das würde eine Verrückte sagen.«
»Was du nicht sagst«, murmelte ich, drehte den Wasserhahn auf und hielt meine Haarspitzen unter das rauschende Wasser.
»Du musst versuchen, der Richterin klarzumachen, dass du in der Mordnacht in einer außergewöhnlichen Stresssituation warst. Deine Eltern – «
»Pflegeeltern«, korrigierte ich automatisch.
» – haben versucht, dich zu ertränken. Dafür mag es bis auf deine Aussage kurz nach ihrem Tod vielleicht keine Beweise geben, andererseits hast du laut deiner offiziellen Akte vorher niemals Anzeichen von Wahnsinn gezeigt.«
Es war mir unangenehm, dass dieser Kerl meine Akte kannte. Ich hatte zwar keine Ahnung, was drin stand, aber der Gedanke, dass es dort Eintragungen über meinen allgemeinen psychischen Zustand gab, erschien mir mehr als privat.
»Übrigens ein Umstand, den dein ehemaliger Anwalt nur ein einziges Mal in deiner Verhandlung erwähnt hat. Ebenso wie die seltsamen Umstände, unter denen Evelin und Robert Kloss zu Tode kamen. Es gab keine sichtbaren Abwehrspuren, ebenso keinen Nachweis von Betäubungsmitteln in ihrem Blut. Aus irgendeinem Grund kam niemand auf die Idee, sich zu fragen, wie eine Neunzehnjährige zwei Menschen nacheinander in einer Badewanne ertränken kann, ohne dass sich ihre Opfer wehren. Allein deswegen müsste der gesamte Fall eigentlich neu aufgerollt werden.«
Ich erinnerte mich nicht daran, was mein Anwalt alles gesagt oder nicht gesagt hatte. Der gesamte Prozess war wie ein dumpfer Traum an mir vorbeigezogen, in dem ich gelernt hatte, mit offenen Augen zu schlafen. Die Gerichtsverhandlungen in Filmen zeigten nie, wie unfassbar langweilig so ein Prozess war, in denen Minuten vergehen konnten, die nur mit leeren Paragraphensätzen gefüllt waren. Zumindest hatte ich so ausreichend Zeit gehabt, immer wieder an Evelins und Roberts leere Augen zu denken, in denen sich nach ihrem Tod ein irritierender Hauch Überraschung gespiegelt hatte.
Ich holte tief Luft und verbannte die Erinnerung dorthin, wo sie hingehörte: Ins Vergessen. »Und wie erkläre ich, dass ich versucht habe, mich während der Verhandlung vor allen Anwesenden auszuziehen?« Kritisch prüfte ich den Riss am Ärmel des gelben Kleides. Zu meiner eigenen Überraschung machte mir mein Beinahe-Striptease überhaupt nichts aus. Es hatte offensichtlich Vorteile, wenn man als verrückt galt und es akzeptierte. Hey, die Irre hat sich vor Publikum ausgezogen, aber immerhin hat sie sich keinen Vogel auf den Kopf gesetzt und behauptet, die Königin von Irristan zu sein.
»Du sagst einfach die Wahrheit: Dass du in der Anstalt gegen deinen Willen mit einem Cocktail aus Benzos und Antipsychiotika zugedröhnt wurdest.«
»Das ist nicht die Wahrheit«, wandte ich ein, während ich mir das scheußliche gelbe Kleid über den Kopf zog und achtlos in den Mülleimer warf.
»Dann sag es so, dass es wie die Wahrheit klingt. Was denkst du denn, warum sie dich einen Tag vor deiner Anhörung dazu gebracht haben, diese Pillen zu schlucken?«
Weil es draußen nicht schneit und mein Gehirn es nicht glauben will, dachte ich verbittert und hielt das blaue Kleid, das Copettius aus seiner Tasche gezaubert hatte, vor mich. Es war schlicht geschnitten. Perfekt. Wenigstens in Sachen Mode hatte der Mann Geschmack.
»Ich bin sogar davon überzeugt«, fuhr Elion fort, »dass sie wussten, dass du Gelb nicht ausstehen kannst und deshalb eine Szene machen würdest.«
Ich schlüpfte in das neue Kleid, warf einen letzten kritischen Blick in den Spiegel und zuckte hoffnungslos mit den Schultern. Besser würde es nicht werden.
»Jetzt klingst du verrückt«, sagte ich, als ich die Tür öffnete.
Elion musterte mich von Kopf bis Fuß. Sein Blick verdüsterte sich.
»Nahezu paranoid«, ergänzte ich. »Dass Insassen einer Forensik Medikamente bekommen, erscheint mir nicht sehr ungewöhnlich. Und dann zieht man mir ein gelbes Kleid an, damit ich noch verrückter wirke? Wozu? Gehen der Forensik die Patienten aus?«
Statt zu antworten, riss Elion seinen Blick von mir und schaute er kurz auf seine Smartwatch. »Wir müssen uns beeilen.«
»Was ist Elion eigentlich für ein Name?«, fragte ich unbekümmert, als ich neben ihm durch den Gang schlurfte. »Können deine Eltern dich nicht leiden oder erhofften sie sich einfach nur Indiviualität und Genie durch den Namen?«
»Sie benannten mich nach meinem Großvater. Einem Kriegshelden«, erwiderte er knapp.
Aha. So einer war er also. Sein Level auf meiner Beliebtheitsskala sank um weitere fünfzig Punkte.
»Ziehst du dich deshalb an wie ein alter Mann?«, fragte ich mit einem Blick auf seinen dunkelblauen Anzug, der für jemandem in seinem Alter viel zu gut saß. Eine ganz und gar lahme Spitze meinerseits. Elion trug einen Maßanzug, der in seiner Schlichtheit nach teuren Designerhänden schrie. Vermutlich vom alten Copettius ausgewählt, so wie mein Kleid.
»Bist du von Natur aus so unerträglich oder hast du in der Irrenanstalt einfach all deine Manieren vergessen?«, knurrte Elion zurück.
»Ich habe meine Pflegeeltern getötet, schon vergessen?« Ich lächelte so charmant wie möglich. »Die Fülle meiner Unerträglichkeit ist also noch längst nicht ausgeschöpft.«
Elion blieb abrupt stehen und packte mich so fest an den Schultern, dass ich über meine eigenen Füße gestolpert wäre, wenn er mich nicht festgehalten hätte.
Mit einer Verachtung, die mir überraschend unangenehm war, schaute er auf mich herab. »Hör gut zu, Mädchen. Du magst dich für verdammt klug halten und das alles als einen netten Ausflug betrachten, als einen Witz auf meine Kosten, den nur du verstehst, vielleicht auch nur als kurze Ablenkung von deinem traurigen Dasein.« Er beugte sich tief zu mir herab, sodass sein Gesicht dem meinen unangenehm nah kam. Ich sah helle Bartstoppel auf seinem Kinn und glaubte, den Geruch einer warmen Sonne aus nackter Haut zu riechen. »Aber du solltest für einen kurzen Moment in Betracht ziehen, dass es hier um mehr geht als um dich, also reiß dich gefälligst zusammen und hör endlich auf, die arme Irre zu spielen!«
Spöttisch zog ich die Augenbrauen hoch. »Ich dachte, in der Verhandlung ginge es um meine geistige Verfassung, oder irre ich mich?« In Gedanken gratulierte ich mir selbst zu diesem gelungenen Wortwitz.
Elion atmete so tief ein, dass sich seine Nasenlöcher sichtbar weiteten.
Dann drehte er sich genauso plötzlich um, wie er zuvor stehen geblieben war, und eilte den Gang hinab. »Komm endlich!«, ranzte er mich über seine Schulter an.
Ich kaufte mir mein aufsässiges Grinsen selbst nicht ab, als ich gemächlich lostrabte. Er hatte ja recht. Ich sah das alles hier als willkommene Ablenkung von meinem traurigen Dasein in der Forensik. All das hier mochte undurchsichtig und wenig nachvollziehbar für mich sein, aber eines war klar: Nach der Verhandlung würde ich in die verlässliche Ereignislosigkeit der Forensik zurückkehren. Zu Dr. Grubert und Bertram.
Und zu Therese.
Ein altbekannter kalter Schauer kroch von meinem Nacken über mein Rückgrat, als ich an die elfenhafte Frau dachte. Mich beschlich der leise Gedanke, dass Elion und sein Vater womöglich gar nicht so verkehrt lagen, wenn sie das Gefängnis für die bessere Alternative hielten.
Copettius wartete ungeduldig vor einer hohen schmucklosen Holztür. Hinter ihm führte der Gang um die Ecke, an einem Fenster vorbei, hinter dem der Wind den Schnee tanzen ließ.
»Zwecklos«, raunte Elion, als sein Vater ihn zur Seite nahm. »Renitent, zynisch und nicht bei Verstand ...« Seine Worte gingen über in ein leises Murmeln, das allein Copettius verstehen mochte.
Gelangweilt blies ich die Backen auf und entließ die Luft langsam und geräuschvoll durch meine zusammengepressten Lippen. Elion war mir einen vernichtenden Blick zu, den ich ungerührt erwiderte. Als mir die Luft ausging, atmete ich hörbar ein, blähte die Backen erneut und schickte den nächsten schiefen, langgezogenes Pfiff auf Reisen.
Elion schloss die Augen, massierte sich mit Daumen und Mittelfinger die Nasenwurzel und redete dabei weiter auf seinen Vater ein.
Die altehrwürdige Tür neben mir öffnete sich knarrend und ein bärtiger Riese von Wachmann trat heraus. Meine Güte, was kippte man in dieser Stadt ins Wasser, dass alle so riesig sein mussten?
»Wir brauchen noch eine Minute!«, rief Copettius gereizt, bevor er sich wieder seinem Sohn zuwandte.
Immer noch pausbackig und pfeifend musterte ich den Wachmann von Kopf bis Fuß. Er war nicht nur außerordentlich groß, sondern verbrachte seine Freizeit wohl auch zum Großteil im Fitnessstudio. Sein dichtes schwarzes Haar, schulterlang und etwas wirr, brauchte nicht nur dringend einen Kamm mit gestärkten Zinken, sondern auch einen beherzten Schnitt.
Gelassen lauschte er meinem Quietschen und Blubbern, bis mir die Luft ausging.
»Beeindruckendes Lungenvolumen«, würdigte er meine Leistung mit einer Stimme, die ebenso rau war wie eine sturmgepeitschte Nacht.
»Hab letztes Jahr gezwungener Maßen aufgehört zu rauchen«, quetschte ich mit letztem Atem hervor, griff mir an die Brust und atmete tief ein. »Jetzt überlege ich, daraus eine Nummer zu machen und damit groß rauszukommen.«
»Wir könnten Partner werden«, er zwinkerte mir zu, »und zusammen auftreten. In meiner Freizeit bin ich professioneller Triangelspieler.«
»Hab ich mir gedacht«, spielte ich bereitwillig mit, bevor mich die strenge Langeweile, die von den Copettius' ausging, in den Wahnsinn trieb. »Man sieht es an deiner ausgeprägten Muskulatur, die man für dieses äußerst komplexe und wuchtige Instrument braucht. Ist bestimmt schwer, die passende Uniform zu bekommen.« Dabei machte ich eine vage Geste, die seine Größe und breiten Schultern umfasste, die die Ärmel seiner schwarzen Jacke deutlich spannten.
Sein dichter schwarzer Bart bewegte sich. Vermutlich lächelte er. Zumindest deutete das belustigte Funkeln in seinen bernsteinfarbenen Augen darauf hin.
»Du hast ja keine Ahnung«, raunte er mir zu. »Aber ein viel größeres Problem sind die Schuhe.«
Ich sah hinab zu besagtem Problem. Schwarz, auf Hochglanz poliert und im Vergleich zu meinen weißen Sneakers wahrhaft riesig. »Lass mich raten: Du hast einen Clown zusammengeschlagen und sie ihm geklaut?«
Er lachte leise. Es war ein tiefes warmes Lachen, das mir gefiel. »Besser: In einem Scherzartikelladen gekauft.« Der Wachmann zwinkerte mir erneut vergnügt zu. »Ich liebe diese Läden.«
»Und deine Waffe?« Ich deutete auf die schwarze Pistole an seiner Hüfte. »Ist die aus dem selben Laden?«
Sein Grinsen wurde breiter und zwischen seinem Bart blitzten beinahe wölfisch weiße Zähne hervor. »Ja, aber sag's keinem weiter, sonst haben die Bösen keine Angst mehr vor mir.«
Ein Räuspern unterbrach unser äußerst angenehmes Gespräch. »Ein Wort noch mit meiner Mandantin, dann kommen wir rein«, erklärte Copettius.
Der Wachmann musterte Copettius einige Sekunden lang, dann nickte er mir zu, ehe er zurück in den Saal ging und die Tür hinter sich schloss.
»Ich weiß«, begann Copettius mit einer sanften Stimme, die so gar nicht zu seinem strengen Gesicht passen wollte, »dass das hier alles sehr verwirrend für Sie sein muss, Marika. Aber ich verspreche Ihnen, dass sich am Ende des Tages alles klären wird. Doch nun müssen Sie Vernunft zeigen – nicht nur, um die Richterin zu überzeugen, sondern auch um Ihret und unser Willen.«
»Na auf die Erklärung bin ich mal gespannt«, schnaubte ich.
»Am Ende des Tages«, wiederholte Copettius nicht unfreundlich. »Einverstanden?«
Ich machte ein vages Geräusch der Zustimmung. Auch wenn Elion weiterhin ein zweifelndes Gesicht zog, reichte das Copettius scheinbar.
Ich ließ mich von den beiden in den Gerichtssaal führen. Tiefe Deckenlampen tauchten den unnötig weiten Saal, in dem nur eine Handvoll Leute saßen, in warmes Licht. Unbehaglich schaute ich zu den hohen Fenstern auf, deren Fensterbretter von außen mit einer dicken Schneeschicht bedeckt waren.
Außer der grauhaarigen Richterin, die meine Begleiter und mich über ihre goldene Halbmondrille hinweg streng ansah, erblickte ich auf der rechten Seite des Saals Dr. Grubert, standesgemäß und vollkommen unnötig im weißen Kittel. Neben ihm saß ein unscheinbarer Mann mittleren Altes in einem an ihm herunterschlotternden Anzug.
Der Wachmann hatte sich neben dem Richtertisch postiert, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, die Füße schulterbreit positioniert. Vielleicht bildete ich es mir nur ein, aber ich hatte den Eindruck, dass er mir zuversichtlich zulächelte.
»Dann hat sich die Kleiderfrage wohl geklärt und wir können fortfahren«, sagte die Richterin streng.
Copettius bugsierte mich auf einen Stuhl gegenüber der Richterin, während Elion sich zu meiner Linken setzte. »Verzeihen Sie die Störung, Euer Ehren.«
»Ist Ihre Mandantin nun verhandlungsfähig oder nicht?«
»Definitiv nicht«, hüstelte Dr. Grubert. »Was wir eben sahen, Euer Ehren, ist eine typisch wahnhafte Episode Fräulein Henocks, die wir in unserer Einrichtung mehrmals täglich erleben dürfen.«
Mir blieb vor Empörung der Mund offen stehen. Klar, Dr. Grubert mochte recht haben, wenn es um meine geistige Gesundheit ging, aber das eben war eine glatte Lüge. Meine Beißattacke auf Bertram war auf jeden Fall keine wahnhafte Episode, sondern im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte durchgeführt worden. Glaubte ich zumindest. Und selbst wenn nicht: In diesem Fall von täglich zu sprechen, war mehr als nur eine Übertreibung.
»Zurückzuführen auf die Überdosierung ihrer Medikamente!«, rief Copettius empört. Im Gegensatz zu seinem Sohn hatte er sich nicht die Mühe gemacht, sich zu setzen. Stattdessen stützte er sich mit beiden Händen auf dem Tisch ab und schaute auf eine aufgeschlagene Akte. »Noch dazu in einer fragwürdigen Kombination.«
»Seit wann haben Sie denn einen Abschluss in Pharmakologie oder Psychiatrie, Herr Anwalt?«, spottete Dr. Grubert mit nachlässig über dem Bauch verschränkten Händen. »Ich weiß nicht, welche Option ich bedenklicher finde: Dass Sie sich auf gefährliches Halbwissen von Dr. Google berufen oder auf Fräulein Henocks wahnhafte Vorstellungen davon, wie wir sie in unserer Einrichtung behandeln.«
Keine Spur mehr von dem freundlichen und nachsichtigen Chefarzt. Stattdessen saß ich einem selbstgefälligen Großkotz gegenüber, der mir seine verräterische Fratze grinsend zuwandte.
Gut, wenn Grubert es so haben wollte, spielte ich eben in Team Copettius mit. Viel schlimmer konnte meine derzeitige Situation ja kaum werden. Ich konnte nur hoffen, dass die beiden wussten, was sie taten.
»Das reicht!«, schnitt die scharfe Stimme der Richterin durch den Saal. »Frau Henock, können und wollen Sie sich zur Abwechslung vielleicht auch mal äußern?«
Schmerzhaft stießen meine Knie gegen den Tisch, als ich mich erhob. Machte man das so vor Gericht? Oder hätte ich sitzen bleiben sollen? Die Richterin sah mich erwartungsvoll an, also machte ich bisher wohl alles richtig.
Alles oder nichts. Zumindest zwei, drei Karten konnte ich gefahrlos auf den Tisch legen, um Gruberts Selbstgefälligkeit zu zertrümmern. »Ich erinnere mich – « begann ich mein eigenes Plädoyer zugunsten meines Verstandes, dem ich selbst keine Sekunde über den Weg traute.
Ein hauchzartes Klirren mich unterbrach.
Wie hypnotisiert drehte sich mein Kopf zu Dr. Grubert.
»Bitte um Verzeihung«, rief er leutselig, ehe seine Worte zu einem unverständlichen Murmeln wurden. Vor ihm lag ein umgestoßenes Glas. Eine Wasserlache breitete sich von dort aus auf dem Tisch aus. Der unscheinbare Mann neben Grubert raffte fluchend seine Papiere zusammen, ehe sie ertrinken konnten. Das Wasser floss weiter, erreichte rasch den Rand des Tisches, sammelte sich dort wie vor einem unsichtbaren Staudamm - und tropfte hinab.
Das Tropfen schwoll jäh zu einem Orkan heran, brandete rauschend an meine Ohren und riss mich so unvermittelt in einen Strudel aus Wut und Verzweiflung, leblosen Augen und klagend singenden Kranichen. Mein Verstand drohte zu zerspringen.
Dann fiel ein Schuss.
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