
12. Kapitel: Rettung wider Willen
Ich betätigte den Blinker, beugte mich übers Lenkrad und schaute mit zusammengekniffenen Augen von links nach rechts und wieder zurück. Der Ascheregen trübte die Sicht auf unter dreihundert Meter (oder fünfhundert oder vielleicht auch nur hundert Meter, keine Ahnung, wie man Entfernungen schätzt, aber ernsthaft, die Sicht war maximal beschissen). Genauso gut hätten wir uns im tiefsten Winter inmitten eines Schneesturms befinden können. Selbst die Räder neigten dazu durchzudrehen, als liefen sie auf Glatteis, und schon in einer der ersten Kurven war der Hummer bedenklich ins Schlittern geraten. Die Straße wirkte leer, aber ich wusste nicht, ob ich mich auf einer Haupt- oder Nebenstraße befand und wollte sichergehen, nach all der heute erlebten Scheiße nicht wegen eines schnöden Vorfahrtsfehlers das Zeitliche zu segnen. Die hektischen Ausschläge auf dem Display versprachen außerdem bei weitem spektakulärere Alternativen für ein vorzeitiges Ende.
Simon sah es anscheinend genauso. Ohne das Display aus den Augen zu lassen, zerlegte er quasi blind sein Maschinengewehr und setzte es routiniert wieder zusammen. Womöglich war das seine Methode, um mit der Situation umzugehen.
»Dein umsichtiger Fahrstil in allen Ehren, Marika,« brüllte er über ein schiefes Gitarrensolo hinweg, »aber jetzt fahr endlich los!«
»Stress mich nicht!« Ein letztes Mal schaute ich nach links, dann fuhr ich los. Es war idiotisch, sich über einen möglichen Unfall Gedanken zu machen. Der Hummer ragte wie ein Panzer über die Straße. Vermutlich hätte ich es nicht einmal mitbekommen, wenn uns einer reingefahren wäre. »Wie schalte ich die Scheibenwischer ein?«
Simon langte zum Lenkrad, drückte einen Knopf auf dessen Rückseite und die Scheibenwischer fegten im langsamen Takt Aschefetzen von der Windschutzscheibe.
»Und die Scheinwerfer?«, fragte ich weiter. Durch die dichten Wolken war es bereits den ganzen Tag über dämmrig gewesen, doch langsam senkte sich eine tiefere Dunkelheit über die Stadt. Ich hoffte inständig, dass die fortgeschrittene Zeit und nicht irgendein göttlicher Hokuspokus dahintersteckte.
»Vergiss die Scheinwerfer. Wenn wir dem Schicksal ein Schnippchen schlagen wollen, müssen wir unauffällig vorgehen.«
»Was ist mit dem Schicksal, von entgegenkommenden Autos nicht gesehen zu werden?«, rief ich zurück.
»Ernsthaft, Marika? Darüber machst du dir Sorgen?« Simon ließ das Magazin so schwungvoll in sein Gewehr einrasten, dass ich es über den kreischenden Lärm hinweg hörte. »Hast du in den letzten Stunden auch nur ein Auto auf den Straßen gesehen?«
Hatte ich nicht, wobei mir nicht gewesen klar war, dass einige Stunden vergangen waren, seitdem die Zombiegöttin eine Bombe über Berlin hatte explodieren lassen. Oder wie auch immer sie es angestellt hatte, das Zentrum einer Millionenstadt in Schutt und Asche zu legen.
»Warum kommt niemand zur Hilfe?«, rief ich. »Ich meine Feuerwehr, Krankenwagen, das verdammte Militär – wo sind die alle?«
»Seh ich aus, als hätte ich Ahnung?«, brüllte Simon zurück.
Ich warf ihm einen schnellen Blick zu und schaute demonstrativ auf die Waffe auf seinem Schoß, ehe ich mich wieder auf die Straße konzentrierte.
»Ich weiß nicht, was hier abläuft. Ich meine«, fuhr Simon fort, »bis gestern noch war das alles hier blanke Theorie. Niemand aus unserem Orden hatte es in den letzten achthundert Jahren mit einem waschechten Idrin zu tun, nicht einmal die Ältesten. Du musst hier rechts abbiegen.«
Ich trat auf die Bremse und wir beide wurden in unsere Sicherheitsgurte geworfen. Dann setzte ich den Blinker und bog ab. »Na das beruhigt mich ja ungemein«, stieß ich hervor und beschleunigte den Wagen behutsam. »Also ist das hier kein Rettungs-, sondern ein Himmelfahrtskommando?«
»Ich hoffe dir entgeht nicht die Ironie deiner Wortwahl, Marika. Und keine Sorge: Unsere Theorieausbildung ist verflucht gut und ein Praxisschock der beste Weg, um zu lernen. Jetzt nach links.«
Erneut bog ich ab und riss das Lenkrad herum, als direkt vor uns ein zerbeultes Autowrack aus dem Ascheregen auftauchte. »Was nichts anderes bedeutet, als dass ihr dilletantische Anfänger seid, die keinen Plan haben.« Ich schlug aufs Lenkrad und brachte den Wagen zurück auf rechte Fahrspur. »Es ist ein verficktes Wunder, dass wir noch nicht draufgegangen sind!«
Die Musik erstarb urplötzlich.
Simon räusperte sich. »Vielleicht sorgt die Musik für etwas zu viel Adrenalin bei dir. Du wirkst latent ... aggressiv.«
Ich sparte mir den Hinweis, dass ich für einen Adrenalinschub keine Punkmusik brauchte – die blanke Realität reichte dafür vollkommen aus.
»Und der Grund, warum uns bisher Erfahrungen im direkten Kampf gegen die Idrin fehlte liegt darin, dass meine Vorfahren dafür gesorgt haben, dass diese geflügelten Scheißer die Menschheit in Ruhe ließen«, erklärte Simon. »Doch nicht nur das: Dank ihnen stehen uns mehr als sechstausend Jahre Aufzeichnungen zur Verfügung, die uns dabei helfen werden, sie zurück in ihre Löcher zu prügeln, aus denen sie gekrochen sind.«
»Aha«, erwiderte ich trocken, »ist das der offizielle Werbetext eurer Sekte? Klingt toll. Ehrlich. Nur dass ich bisher den Eindruck hatte, dass eure beste Strategie darin besteht, vor den Zombiegöttern wegzulaufen. Ich will mich ja nicht beschweren; aber Elion hat diesem Monster, das uns verfolgte, das halbe Gesicht weggeschossen und es lief munter weiter hinter uns her.«
»Weil sie uns kalt erwischt haben. Unsere Munition ist mit einer Bronzelegierung versehen. Eigentlich sollte eine einzige Kugel ausreichen, um einen Idrin außer Gefecht zu setzen.«
»Eigentlich. Du meinst in der Theorie«, schnaubte ich.
»Nein, in der Praxis. Früher haben die Krieger unseres Ordens Bronzepfeile benutzt. Moderne Schusswaffenmunition richtet im Vergleich dazu einen weit größeren Schaden an. Das Problem war der Prophet, den die Idrin im Schlepptau hatte.«
»Prophet?«, hakte ich nach.
»Jemand, der im Namen eines Gottes zu den Menschen spricht. Ein Prophet kanalisiert die Energie der Gläubigen und richtet sie auf den Idrin, dem er dient.«
Ich erinnerte mich, dass Elion etwas Ähnliches erzählt hatte. »Da war ein Mann, der so seltsames Zeug gebrabbelt hat. Er nannte Elion Judas und stachelte die Leute auf, sich ihm entgegen zu stellen.«
»Jap, klingt ganz nach einem Propheten«, knurrte Simon. »Sie haben so eine Wirkung auf Menschen, der sie sich nur schwer entziehen können. So lange ein Prophet es schafft, die Leute glauben zu lassen, wächst die Macht eines Idrin. Elion hätte eine Granate auf die Göttin werfen müssen, um sie trotz ihres Propheten aufzuhalten.« Simon drehte sich um, griff an seinem Sitz vorbei und begann, im Fußraum hinter uns herumzuwühlen. »Irgendwo müssten wir noch ein paar von den Eiern haben.«
»Wenn dieser Prophet eine Art Batterie für die Zombiegöttin darstellt-«
»Eher ein Katalysator«, berichtigte mich Simon und wühlte tiefer.
»Meinetwegen auch das – warum hat Elion ihn dann nicht ausgeschaltet? Er hat dem Propheten nur in die Schulter geschossen, was ihn nicht daran gehindert hat, weiter seinen Blödsinn von sich zu geben.«
»Wir töten keine Sterblichen«, antwortete Simon. »Das versaut unsere Chakren.«
»Klar«, murmelte ich, »was auch sonst.« Ich spürte, wie Simon mich musterte, hielt den Blick aber auf die Straße gerichtet. Es wurde immer schwieriger, durch die zahlreichen Trümmer zu manövrieren.
Ich hörte, wie Simon sich eine weitere Zigarette anzündete. »Ich habe dir doch erzählt, dass ich mich Elions Befehl nicht verweigern kann, seine Befehlsbefugnisse sich aber seit Nabors Tod geändert haben, erinnerst du dich?«
»Ja. Und ich habe keine Ahnung, was das bedeuten soll.«
»Nabor war der Primus, ein ganz hohes Tier in unserem Orden. Mit seinem Tod ging der Titel automatisch auf Elion über – seinen einzigen Sohn und den letzten aus seiner Blutlinie.«
»Propheten, Chakren, Blutlinien: Ganz ehrlich, das klingt mehr nach einer unheimlichen Sekte als nach einem Orden.«
»Zugegeben, die Grenzen sind fließend«, gestand Simon rauchausstoßend, »aber das tut gerade nichts zur Sache. Von nun an hat Elions Überleben oberste Priorität – so lange, bis er kleine grummlige Mini-Elions in die Welt gesetzt hat, die uns herumkommandieren können. Es ist unerheblich, welchen Befehl er mir erteilte: Sobald er in Lebensgefahr ist, sind alle anderen Verpflichtungen zweitrangig.«
Ich zog die Augenbrauen zusammen. »Wie zum Beispiel, mich aus der Stadt zu schaffen? Warum muss ich dann den Wagen lenken? Diese Lay hat doch ein Not-Notsignal ausgesand, wie du es nanntest. Scheint also, als steckten sie in ernsten Schwierigkeiten.«
»Ich muss es mit eigenen Augen sehen, um mich über Elions Befehlsgewalt hinwegsetzen zu können.« Simon öffnete das Fenster und schnippte die Zigarette hinaus. »Das oder mich so zudröhnen, dass ich nicht mehr geradeaus laufen kann. Letzteres wird bei meinem Stoffwechsel nicht lange vorhalten.«
»Klingt, als hätte man dich einer Gehirnwäsche unterzogen«, bemerkte ich skeptisch. Je mehr ich über diesen ominösen Orden hörte, desto suspekter wurde er mir.
Simon schwieg einige Sekunden lang, ehe er mit tonloser Stimme sagte: »Ja, das tut es. Nur dass diese Gehirnwäsche schon mit unserer Zeugung beginnt. Der Gehorsam ist in unseren Genen verankert und es ist quasi unmöglich, sich ihm zu entziehen.«
Seine bitteren Worte bereiteten mir eine Gänsehaut. »Willst du damit etwa sagen, dass ihr keinen freien Willen habt?«
»Oh, den haben wir«, widersprach Simon gedehnt, »wir können ihn nur nicht immer ausleben.« Unruhig rutschte er auf seinem Sitz hin und her. »Aber worauf ich eigentlich hinaus will ist Folgendes: Fahr schneller, sonst greif ich dir noch ins Lenkrad und zwing dich, nach Delta-Drei zu fahren, weil das Elions Befehl war. Erst sobald ich sehe, dass sein Arsch auf Grundeis geht, kann ich mich ihm widersetzen.«
»Verstehe.« Tat ich nicht. Hätte ich heute nicht schon genug gesehen, was eigentlich unmöglich war, ich hätte Simons Worte als wahnwitzige Spinnereien eines Opfers einer manipulativen Sekte abgetan. Stattdessen beschleunigte ich, bis sich meine Finger vor Anspannung kaum von Lenkrad lösen ließen, um in einen höheren Gang zu wechseln.
Was war das für ein Orden, deren Mitglieder blind Befehlen gehorchen mussten, die von den Göttern wussten und versuchten, sie von den Menschen fernzuhalten? War Elion deshalb so rücksichtslos mit mir umgegangen – weil er willenlos einem Befehl hatte folgen müssen, den ihm sein Vater aufgezwungen hatte? Oder war er von Natur aus schlichtweg ein Arschloch, das es gewohnt war, dass man tat, was er von einem verlangte?
Die ineinander verkeilten Autowracks tauchten so jäh aus dem Ascheschleier auf, dass ich eine Vollbremsung hinlegte. Der Hummer schlitterte noch einige Meter weiter, dann krachte er trotz Bremsung mit ausreichend Geschwindigkeit in einen Kombi, um mich gegen die Tür zu schleudern.
Mit schmerzendem Nacken sah ich zu Simon. Er hatte die Augen geschlossen. Feine Schweißperlen glitzerten auf seiner breiten Stirn. »Fahr weiter«, stieß er zwischen den Zähnen hervor. »Schnell.«
»Wie denn?«, rief ich. »Die Straße ist dicht, da kommen wir nie durch.«
»Der Bumvee ist idrinsicher, schon vergessen? Ein paar Blechkisten werden ihm also keine Schwierigkeiten bereiten.« Die Sehnenstränge an Simons Hals traten deutlich hervor. Es sah aus, als fechte er einen inneren Kampf aus und drohte zu verlieren. »Zurücksetzen. Gas geben. Draufhalten. Jetzt.«
Ich fluchte inbrünstig, legte den Rückwärtsgang ein und setzte den Wagen so weit zurück, bis ich die Wracks kaum noch erkennen konnte.
Bitte, flehte ich stumm, lass keine Leute in den Autos sein. Dann schloss ich die Augen und gab Vollgas.
Der Aufprall war so heftig, dass ich mir auf die Zunge biss. Blut sammelte sich in meinem Mund, der Geschmack von Kupfer legte sich über den der Fäulnis, doch ich drückte weiterhin das Gaspedal durch und zwang mich, die Augen wieder zu öffnen.
Ich begann Simons Beteuerungen zu glauben, der Bumvee sei idrinsicher: Der Hummer pflügte wie ein Schlachtschiff durch die Trümmer. Doch falls die Rettungsmission für Elion und sein Team einen etwaigen Hinterhalt vorsah, war dieser hinfällig. Der ohrenbetäubende Lärm der aufeinanderprallenden Karosserien musste laut genug sein, um uns kilometerweit hören zu können.
Ein schrilles metallisches Kreischen ertönte, das mir die Haare zu Berge stehen ließ. Und dann ging es nicht mehr weiter. Der Bumvee hatte immer mehr und mehr Wracks vor sich hergeschoben, bis diese sich schließlich verkeilten, übereinander schoben und selbst für einen idrinsicheren Hummer ein unüberwindbares Hindernis bildeten. Ich versuchte, Gas zu geben. Weißer Dampf quoll unter der Motorhaube hervor. »Shit.«
Simon schnallte sich ab. »Lass mich fahren.«
Ich rollte mit den Augen. »Meinst du, du könntest es besser?«
»Wir fahren zurück«, erklärte Simon stoisch und löste auch meinen Sicherheitsgurt. »Nach Delta Drei, so wie der Plan war. Dort bist du sicher.«
»Das ist jetzt nicht dein Ernst.« Ungläubig starrte ich ihn an. »Du hast doch eben noch gesagt –«
Dann erkannte ich den harten Schimmer in seinen braunen Augen. Denselben Schimmer, den ich auch schon in Elions Augen gesehen hatte. Offenbar hatte sich der Gehirnwäschemodus trotz Spezialzigarette aktiviert. »Oh komm schon, das darf doch jetzt nicht wahr sein.« Ich deutete hoch auf das Display über Simons Kopf. Die Spitzen der Alphalinie folgten so dicht aufeinander, dass mein eigenes Herz sich beim Anblick schmerzhaft zusammenzog. »Hast du das Not-Notsignal schon vergessen? Elion – Todesgefahr – Primus – aussterbende Blutlinie: klingelt da irgendetwas bei dir?«
Simon würdigte den Sinuskurven keines Blickes. »Ich kehre zurück, sobald du in Delta Drei bist.«
»Ja, nur ist es dann zu spät«, versuchte ich ihn zu erinnern. Wie konnte es sein, dass er sein Vorhaben so schnell über Bord warf?
Die Waffe in seiner Hand hob sich um wenige Millimeter. Die Mündung deutete auf mich. »Setz dich nach hinten und lass mich fahren.«
»Echt jetzt? Jetzt zielst du auch noch mit deiner Waffe auf mich?« Frustriert schlug ich mit den Händen aufs Lenkrad. »Was für eine verfickte kranke Scheiße geht nur in euren Köpfen ab.«
»Setz dich nach hinten«, wiederholte Simon in einem Ton, der keine Widerrede duldete.
Ich atmete tief aus und hob die Hände. »Schön, wie du willst.« Die Fahrertür stieß krachend gegen das Dach eines Autos, das neben uns auf der Seite lag. Es war kaum genug Platz für mich, um auszusteigen, und ich zog den Bauch ein, als ich mich hindurchzwängte. Ich sah, wie Simon auf den Fahrersitz rutschte. Dann schlug ich die Tür zu und rannte los.
Ich wusste, dass mir nicht viel Zeit blieb. Meine Reserven waren schon lange aufgebraucht und meine Waden brannten, ehe ich die Mauer aus verkeilten Autos umrundet hatte. Mir blieb nur zu hoffen, dass Simons Größe und die kiloschwere Ausrüstung ihn daran hinderten, mir durch die Fahrertür zu folgen.
Als ich über mein angestrengtes Keuchen hinweg Simons frustriertes Brüllen hörte, wusste ich, dass wenigstens dieser Plan aufgegangen war.
Der nachfolgende Plan sah vor, Elion so schnell wie möglich zu finden, damit Simons »Der-Primus-muss-gerettet-werden-Programm« aktiviert wurde. Die begrenzte Sichtweite, Asche, die in meinen Augen brannte, der Fakt, dass ich keine Ahnung hatte, wo Elion war sowie Simons Überlegenheit gegenüber meinen Stummelbeinchen – all das führte dazu, dass ich mir keine allzu großen Hoffnungen machte. Aber ich musste es zumindest versuchen.
Mein Zeh stieß schwungvoll gegen einen Stein, der unter der Ascheschicht verborgen lag. Ich fluchte laut und humpelte weiter.
Ich musste es versuchen, weil sonst erneut Menschen wegen mir sterben würden.
Ich musste es versuchen, weil der Orden womöglich eine Antwort auf die Frage hatte, was mit mir nicht stimmte.
Ich musste es versuchen, um das Grauen, das ich vor mir selbst verspürte, wieder in den Griff zu bekommen.
Allesamt egoistische Gründe, aber damit hatte ich kein Problem.
Sie wurden alle zunichtegemacht, als Simon sich von hinten auf mich stürzte und zu Boden riss.
Diesmal verlieh Wut mir Kraft. Heute hatte ich einmal zu viel Asche gefressen, weil jemand mich umgeschubst hatte. Ich drehte mich um, trat zu und traf.
Simon grunzte, rollte zur Seite und krümmte sich, die Arme schützend auf seinen Unterleib gedrückt.
»Lauf weiter«, quietschte er gequält und wollte gleichzeitig nach meinem Fuß greifen, als ich mich aufrappelte.
»Was für ein abgefuckter Mist!«, fluchte ich erstickt, trat seine Hand zur Seite und lief humpelnd weiter. »Kranker«, japste ich, »verfluchter«, ich glaubte, Simons Atem in meinen Nacken zu spüren, »Riesenmist!«
»Bleib stehen!«, brüllte Simon.
»Das willst du nicht wirklich!«, rief ich über meine Schulter hinweg. Simon holte rasch auf. Was für eine Sekte war das bloß, der es gelang, den Willen ihrer Mitglieder derart zu brechen? Und warum ließen sie es mit sich machen? Simon hatte gewusst, was mit ihm geschehen würde, mich davor gewarnt und ganz offensichtlich versucht, dagegen anzukämpfen – erfolglos.
Ich biss die Zähne zusammen, riss meine Arme im Takt meiner Beine hoch und runter, pumpte Luft in meine Lungen und erinnerte mich an entwürdigende Sportstunden, in denen es galt, vollkommen sinnbefreit eine staubige Piste entlang zu sprinten. Hätte ich damals schon gewusst, dass ich eines Tages mal um mein Leben laufen musste, wäre ich womöglich motivierter bei der Sache gewesen. Aber manches weiß man eben erst zu spät. Nicht nur, dass Schule nicht immer nutzlos ist, sondern zum Beispiel auch, dass ich Elion näher war, als ich dachte.
Simon erwischte mich, als ein mehrstimmiges »Hosenindianer« gedämpft an meine Ohren drang.
»Hör doch!«, rief ich panisch und versuchte, mich aus seinem Griff loszureißen. »Da ruft jemand Hosenindianer – dasselbe haben der Prophet und seine Leute gerufen, bevor sie auf Elion losgingen!«
Simons Zähne mahlten. »Ich höre es auch. Sie rufen nicht Hosenindianer sondern Hosianna. Und jetzt komm.« Er schleifte mich zurück in die Richtung, aus der wir gekommen waren.
Vehement stemmte ich meine Füße in den Boden und warf mich mit meinem Gewicht nach hinten. »Simon, konzentrier dich! Das letzte Mal, als ich diese Leute sah, wollten sie Elion mit einer Eisenstange den Schädel einschlagen, weil er auf die Zombiegöttin geschossen hat. Sie werden wohl kaum auf die Kumbaja-Seite gewechelt sein und einen theologischen Disput mit Elion ausfechten, ob ihre Göttin ein blutrünstiges Monster ist, auf das man schießen darf oder nicht! Simon, versteh doch, du willst nicht, dass wir umkehren!«
»Nein«, bestätigte Simon dumpf, »aber ich muss.« Ich taumelte, als er mich mühelos hinter sich herzog. Am liebsten hätte ich vor lauter Frust geweint. Wir waren so nahe ...
Eine Frau begann zu schreien, laut und klagend über das Hosianna hinweg.
Simon erstarrte zur Salzsäule. Asche bedeckte seinen schwarzen Irokesen. »Das war Salma«, stammelte er. »Sie haben Salma.«
»Und mit Sicherheit auch Elion«, ergänzte ich mit so viel Nachdruck wie nur möglich. Ich zerrte an Simons Ärmel. »Sie werden sterben, Simon. Du hast es selbst gesagt. Es ergibt doch gar keinen Sinn, dass du das weißt und trotzdem nicht eingreifst.«
»Ich weiß.« Etwas in seiner Stimme hatte sich verändert, ebenso in seinem Blick. Die Härte war verschwunden und hatte etwas traumwandlerischem Platz gemacht. Erneut zog ich an seinem Ärmel. Er trat einen winzigen Schritt auf mich zu.
»Lass uns einfach nachsehen«, beschwor ich ihn und zog wieder an ihm. Sein nächster Schritt wurde ein Stückchen länger. »Und in der Zwischenzeit zündest du dir eine deiner Spezialzigaretten an. Die wird dir bestimmt gut tun.«
»Hab keine mehr«, murmelte Simon. Seine Pupillen zogen sich zusammen, ebenso wie seine Augenbrauen. Ich drohte, ihn zu verlieren.
Gleich einem Mantra wiederholte ich immer wieder, dass Elion sterben würde. Jedes Mal trat Simon einen winzigen Schritt. Sobald er zögerte, beschrieb ich mit blutigen Worten, wie ein fanatischer Mob Elion den Schädel einschlagen, ihn aufschlitzen und vierteilen würde. Es war, als lockte ich mit einer morbiden Karotte einen indoktrinierten Esel in die richtige Richtung. Ich traute mich nicht, dabei auch nur einen Moment lang den Blickkontakt mit Simon zu unterbrechen, tappte vorsichtig rückwärts und tastete mich an zerbeulten Wracks die Straße entlang.
Kreischende Jubelschreie hinter uns sagten mir, dass es nicht mehr weit sein konnte. Ich fürchtete mich davor, was wir sehen würden.
Der Ruck, der plötzlich durch Simon ging, sowie seine Augen, die sich ungläubig weiteten, sagten mir, dass es mir nicht gefallen würde. Seine Bewegungen wirkten schlagartig wieder natürlich, nicht mehr fremdgesteuert, als er nach meinen Schultern griff und mich nach unten drückte, bis wir auf der Straße kauerten. Er schob mich an einem umgekippten Smart vorbei. Dann drehte er mich langsam um.
Wir hatten uns dem Schauplatz von hinten genähert und was ich sah, ließ das Blut in meinen Adern gefrieren. Zuerst bemerkte ich die dunkle Gestalt, die schlaff in der Luft baumelte. Eine rote Discountertüte aus Plastik war über seinen Kopf gezogen, die Hände hinter seinem Rücken gekreuzt.
Mit dem Daumenballen wischte ich mir über die ascheverklebten Augen.
Die Gestalt schwebte nicht einfach nur in der Luft. Sie hing an einem schwarzen Kabel, das sich von seinem Hals bis über die horizontale Strebe eines Ampelmastes spannte, dann zurück Richtung Boden führte und knapp unter dem gelben Drücker für Fußgänger befestigt war. Sie hatten ihn aufgehangen – und Elion sollte der nächste sein.
Er stand wankend mit dem Rücken zu uns auf einem der hässlichen Blumenkästen aus Tuffstein, die überall in den pflegeleichten und konformistischen Gärten ebenso pflegeleichter und konformistischer Doppelhaushälften von pflegeleichten und konformistisch lebenden Angehörigen einer stets nur mäßig zufriedenen Mittelschicht wie Pocken aus dem Boden zu wachsen schienen.
Man sah Elion an, dass er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Ihm hatte man einen schwarzen Müllsack über den Kopf gezogen, doch ich erkannte das klitschnasse Designerhemd, von Wasser und Blut fleckig rosa gefärbt, unter dem sich dunkel über Elions Schultern straff spannenden Holster. Eine Schlinge, geknüpft aus einem gelben Abschleppseil, lag locker um seinen Hals.
Mir entfuhr ein entsetztes »Mein Gott«, das sofort von Simons Hand auf meinem Mund erstickt wurde. Zum Glück, sonst hätte ich uns im nächsten Augenblick verraten, als die Füße des zuvor Gehängten in einem letzten aufflammenden Todeskampf zuckten und ich einen Laut nackten Grauens ausstieß.
Die versammelte Menge hingegen brach erneut in infernalische Jubelschreie aus. Es waren Männer und Frauen, junge und alte, selbst Kinder erblickte ich unter ihnen. Es mussten Hunderte sein, und sie alle trugen verzerrte Fratzen mordlustiger Begierde auf ihren grauen Gesichtern. Das waren keine Menschen. Das waren Tiere im Blutrausch.
Der einzige Grund, warum Elion noch nicht längst neben ihrem ersten Opfer baumelte, war die Unfähigkeit des Mannes, der verbissen und doch bisher erfolglos versuchte, das Ende des Abschleppseils über die Ampel zu werfen. Bei jedem Versuch prallte es gegen die horizontale Stange und fiel nutzlos zu Boden, wurde vom Mann aufgerollt und erneut geworfen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sein Versuch von Erfolg gekrönt sein würde.
»Leise«, hauchte Simon in mein Ohr. Ich nickte. Er nahm die Hand von meinem Mund.
»Was machen wir jetzt?«, flüsterte ich kaum hörbar zurück.
»Auf eine Gelegenheit warten«, antwortete Simon ebenso leise. »Siehst du die beiden gefesselten Frauen neben der Mülltonne?«
Ich brauchte einen Moment, bis ich sie entdeckte. Es war offensichtlich, dass sie zu Elion und Simon gehörten. Obwohl sie knieten, sah ich, dass sie überdurchschnittlich groß waren. Beide trugen schwarze Uniform ohne Kennzeichen sowie schusssichere Westen, die gleichen Ausführungen wie bei Simon. Die größere der beiden Frauen hatte auffallend blondes, fast weißes langes Haar, das zu einem strengen Pferdeschwanz gebunden war. Ein Mann in der verstaubten Uniform eines Streifenpolizisten stand hinter ihr und richtete seine Waffe auf ihren Hinterkopf. Dennoch war ihr Gesicht eine ausdruckslose Mine, so als langweilte sie die ganze Szenerie.
Die Frau neben ihr hingegen war ein einziges Nervenbündel. Bis auf das lockige rote Haar war nicht viel von ihr zu erkennen, denn sie hielt ihren Kopf tief gesenkt und wiegte sich vor und zurück.
»Ich sehe sie«, bestätigte ich beklommen.
»Gut. Wenn ich dir das Signal gebe, läufst du zu ihnen und durchschneidest ihre Fesseln.« Während Simon sprach, löste er ein unterarmlanges Messer in einer schwarzen Lederscheide von seinem Gürtel und reichte es mir. »Die Rothaarige zuerst. Wenn das hier schiefläuft, ist sie einzige, die Elion im Zweifel noch retten kann.«
Das Messer in meiner Hand war so schwer wie ein Stein. »Was ist mit ihrem Wächter? Er wird mich erschießen, bevor ich sie erreicht habe.«
»Deshalb wartest du ja auch auf mein Signal und stürmst nicht einfach los.«
»Ein paar mehr Informationen wären schon hilfreich«, zischte ich zurück. »Zum Beispiel, wie wir es mit so vielen Leuten aufnehmen wollen.«
»Gar nicht. Wir müssen darauf vertrauen, dass Elion das regelt.«
»Aber wie? Falls es dir noch nicht aufgefallen ist: Er steht kurz davor, aufgeknüpft zu werden!«
»Pssst!«, machte Simon streng, »nicht so laut! Meinst du, ich sähe das nicht? Nur kommen wir ohne seine Hilfe nicht nah genug heran. Ich verstehe nur noch nicht, warum er bisher nichts unternommen hat.«
»Vielleicht, weil er gefesselt ist?« Ja, die Situation war verdammt ernst. Den sarkastischen Ton konnte ich mir dennoch nicht verkneifen.
»Nein, das ist es nicht ...«
Der Jubel erstarb so jäh und absolut, dass ich mein eigenes Blut in den Ohren rauschen hörte. Ein untersetzter Mann trat aus der Menge hervor. Selbst auf die Entfernung erkannte ich seine buschigen grauen Augenbrauen. Sein Pullover war blutgetränkt und der linker Arm hing schlaff an seiner Seite herab.
»Das ist er!«, wisperte ich. »Der Prophet!«
Neben mir spannte sich Simons Körper.
»Der erste Sünder wurde gerichtet!« Der Prophet sprach mit voller, kräftiger Stimme. Er deutete auf den Gehängten. »Seine Schandtaten büßt er nun in den feurigen Vorhöfen der Hölle, bis seine Seele geläutert ist!« Ein finsteres Raunen ging durch die Menge. Der Prophet hob seinen rechten Arm und es wurde still. »Den seelenlosen Naphil hingegen erwarten endlose Qualen der finstersten Abgründe im dritten Kreis der Hölle.« Er deutete auf Elion. »Denn er hat sich nicht nur an uns versündigt, sondern auch an jenen, denen er von Geburt an dienen sollte!«
Elion antwortete, gedämpft unter der Mülltüte, aber laut und deutlich: »Einen Scheißdreck soll ich!«
»Schweig, Missgeburt!«, keifte der Prophet. »Deinesgleichen hätte niemals die makellose Schöpfung der Götter besudeln dürfen!«
Elion lachte heiser. »Das hätten sie sich überlegen sollen, bevor sie unsere Vorfahren schändeten und dann nicht wussten wohin mit uns!«
»Du sollst schweigen!«, kreischte der Prophet, doch Elion dachte gar nicht daran.
»Das ist das Problem mit euren Göttern: Sie nehmen sich, was sie wollen, ohne nachzudenken. Ihr Trottel verehrt Wesen, die nicht von zwölf bis Mittag denken können!«
Der Stein kam direkt aus der Menge geflogen und traf Elion seitlich am Kopf. Er stöhnte auf und sackte ein Stück in die Knie.
»Was tut er denn da?«, hauchte ich fassungslos. »Wenn er so weiter macht, wird er gesteinigt, bevor sie ihn hängen!«
»Er macht den Propheten wütend«, sprach Simon das Offensichtliche aus. »Elion muss Schwierigkeiten haben, ihn zu lokalisieren.«
»Bitte was?! Der Typ steht doch direkt neben ihm!«
»Ja«, murmelte Simon, »Elion, dieser Idiot, muss angeschlager sein, als er mir gegenüber zugeben wollte.«
»Ihr seid Abschaum, selbst in den Augen der Götter«, erhob nun die weißblonde Frau die Stimme. »Ein lästiges Übel, mehr -« Der Polizist hinter ihr holte mit der Waffe aus und schlug sie der Frau über den Schädel. Ihr Kopf sackte nach unten, doch sie hielt sich weiterhin aufrecht.
»Sie sind übergroße Truthähne mit menschlichen Gesichtern«, setzte Elion ein, »aber mit einem ebenso beschränkten Verstand wie dem einer Qualle.«
»Brennen!«, plärrte der Prophet, »du wirst Brennen für deine Blasphemie, Naphil!«
Ein kleines rotes Licht flackerte zwischen Elions gebundenen Händen auf.
»Na endlich!«, entfuhr es Simon. »Halt dich bereit, Marika!«
Ich umfasste das Messer fester und suchte mit meinen Füßen Halt, um los zu sprinten, sobald Simon mir das Signal gab.
»Und du wirst die Scheiße deiner Göttin fressen, wenn ihr danach ist«, höhnte Elion. »Da zieh ich die Hölle allemahl vor.«
Das Licht in seinen Händen begann zu pulsieren. Ich hatte es mir also nicht eingebildet, als Elion nach dem Angriff auf die Stadt vor mir gekniet und ich ein Licht in seinen Händen gesehen hatte: Der Mann war eine lebende Taschenlampe. Ich hatte keinen Schimmer, wie er das anstellte oder inwieweit ihn das retten würde. Wollte er die Menge blenden? Sie mit einem Zaubertrick beeindrucken? Eine letzte Lichtershow veranstalten, bevor er sein Ende fand?
Der Prophet trat direkt vor Elion und sah zu ihm hoch. Ein unnatürlich breites Grinsen teilte sein Gesicht. »Dir wird dein Hochmut noch vergehen, Götterspross, verlass dich drauf.«
Das rote Licht in Elions Hand wuchs.
»Bereit!«, schall es vom Ampelmast her. Ich war so abgelenkt von dem Licht gewesen, dass ich nicht bemerkt hatte, wie es dem Seilwerfer endlich gelungen war, das Abschleppseil über die Ampel zu werfen und am Mast festzuknoten.
»Nein!«, keuchte Simon und sprang auf. Doch es war zu spät.
Der Prophet trat triumphierend lachend den Blumenkübel unter Elions Füßen weg.
Die Menge schrie in wildem Entzücken auf.
Entsetzt schrie ich auf.
Simon hatte Elion schon fast erreicht, als der Prophet ihn entdeckte. Was auch immer er sagte, als er hasserfüllt auf Simon zeigte: Im tosenden Lärm gingen seine Worte unter. Und dann sackte der Prophet einfach zusammen, als hätten Marionettenfäden seinen Körper aufrecht gehalten.
»JETZT!«, brüllte Simon, umschlang mit beiden Armen Elions wild zuckende Beine und fing dessen Körpergewicht auf, unter dem er zu ersticken drohte.
Ohne zu zögern, rannte ich zu den beiden Frauen hinüber.
Die Blonde hatte den Schlag auf den Kopf besser weggesteckt, als es den Anschein erweckt hatte. Sie warf sich nach hinten und riss den Polizisten mit sich. Ein Schuss löste sich und die Jubelschreie der Menge kippte in erschrockene Ausrufe. Instinktiv duckte ich mich, lief aber weiter. Die Blonde rammte dem Polizisten gerade ihre Schulter in die Kehle, als ich sie erreichte. Sofort sprang sie in die Hocke und fixierte mich angriffslustig.
»Nicht wehtun!«, rief ich und hob beide Hände. »Ich gehöre zu euch!«
Die Blonde blickte hinauf zum Messer über meinem Kopf und verengte ihre erstaunlich eisigblauen Augen zu schmalen Köpfen. Dann nickte sie knapp, kam auf die Beine und stürmte mit weiterhin gefesselten Händen an mir vorbei.
Die Rothaarige drehte sich zu mir um, als mich hinter sie kniete. Ihr Gesicht war tränenüberströmt.
»Stillhalten,ok?« Meine Hände zitterten so stark, dass ich befürchtete, sie ernsthaft zu verletzen, doch es gelang mir, mit Hilfe des verflucht scharfen Messers den Strick um ihre Gelenke zu durchtrennen, ohne dabei aus Versehen eine ihrer Hände abzutrennen.
»Danke«, sagte sie erstickt und rappelte sich auf.
»Salma!«, hörte ich Simon und nahm verwirrt wahr, wie still um uns herum es geworden war, »du musst ihn losschneiden!«
Simon hielt noch immer Elion fest. Zu seinen Füßen lag der reglose Prophet, auf dessen Brust mit beiden Knien die blonde Hünin kauerte.
Die Rothaarige – Salma – riss mir das Messer aus der Hand und rannte auf sie zu. Niemand hielt sie auf. Sie war groß, dennoch deutlich kleine als Simon, und obwohl sie sich auf die Zehenspitzen stellte, reichte sie nicht bis zur Schlinge um Elions Hals heran. Seine Beine hatten aufgehört zu zucken.
Ich stürmte hinterher. »Ich mach das!«
Mit bleichem Gesicht wandte sich Salma zu mir um. Sie wusste sofort, was ich vorhatte, klemmte sich den Griff des Messers zwischen die Zähne und faltete die Hände für eine Räuberleiter. Sobald mein Fuß auf ihren Händen war, hob sie mich scheinbar mühelos in die Höhe. Mit einer Hand stützte ich mich auf Simons Schulter ab, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, mit der anderen griff ich nach dem Messer. Die Schlinge lag fest um Elions Hals und ich brauchte zwei nervenzerreißende Versuche, um die Messerspitze unter sie zu schieben. »Scheiße«, fluchte ich, als sich ein dünnes Blutrinnsal an Elions Hals bildete, drehte die Klinge und durchschnitt das Seil.
Elions schlaffer Oberkörper prallte gegen mich und ich schwankte gefährlich, schaffte es aber, nicht zu stürzen.
»Schnell jetzt!« Simon ließ Elion zu Boden gleiten, während die Rothaarige mich hinunter ließ. Er zerrte den Müllsack von Elions Kopf. Ich sah sein blauverfärbtes Gesicht, dann beugte sich Salma über ihn und versperrte mir die Sicht.
»Du da. Vollgekotztes Mädchen.« Vollkommen betäubt von Elions Anblick drehte ich mich um. Die Hünin reckte das Kinn und deutete damit auf das Messer in meiner Hand. »Hilf mir mal.«
Wie in Trance wankte ich hinter sie und durchschnitt ihre Fesseln. Kaum war sie frei, ließ sie ihre Faust in das Gesicht des Propheten krachen.
»Sicher ist sicher«, sagte sie grimmig, rieb sich die Handgelenke und stieg vom Propheten runter. Sie warf Elion nur einen kurzen Blick zu. Was sie sah, schien sie in keinster Weise zu erschüttern. Dann wandte sie sich an mich. »Du bist das Päckchen, das Elion abholen sollte.« Keine Frage, sondern eine Aussage.
Ich nickte wortlos.
»Interessant.« Ihre Augen wanderten von meinem Scheitel bis zu den Füßen. »Wirklich interessant.«
»Er atmet!«, rief Salma hinter mir. Ich wirbelte herum. Ihre Hand lag auf Elions Hals. Die bläuliche Färbung in Elions Gesicht war einer kreidebleichen Blässe gewichen. In der zunehmenden Dunkelheit sah ich deutlich das Schimmern zwischen ihrer und Elions Haut, aber ich konnte oder wollte nicht weiter darüber nachdenken, was genau ich da eigentlich gerade sah.
Simon stieß einen triumphierenden Schrei aus, schob seinen Arm unter Elions Schulter und richtete ihn auf. Ein mühsames Röcheln drang über seine bleichen Lippen, doch seine Augen blieben geschlossen.
Die blonde Hünin baute sich mit in die Seiten gestemmten Fäusten vor ihnen auf. »Es wird dauern, bis er das Kommando wieder übernehmen kann. Gibt es irgendetwas, das ich wissen muss?«
»Sein letzter Befehl lautete, Marika nach Delta Drei zu schaffen«, antwortete Simon. »Und Lay ...« Er räusperte sich. »Nabor ist tot.«
Salma schluchzte laut auf, während die Hünin langsam die Arme sinken ließ. »Das habe ich nicht kommen sehen«, sagte sie. Sie wirkte nicht überrascht oder geschockt. Eher irritiert.
»Hab' ich mir gedacht.« Simon legte sich Elions Arm um die Schultern. »Also, was sollen wir tun?«
»Schutz in Delta Drei suchen«, erwiderte die Hünin, ohne zu zögern. »Es gibt keinen Grund, etwas an Elions letztem Befehl zu ändern.«
»Na dann.« Mit einem Ächzen kam Simon auf die Füße und zog Elion mit hoch. »Wie wäre es, wenn du mir mal hilfst, Lay?«
Die Hünin – Lay – legte sich Elions anderen Arm um die Schulter und stützte ihn. Sein Kopf baumelte kraftlos hin und her. »Abmarsch, bevor der Prophet wieder aufwacht.«
»Aye«, knurrte Simon. »Aber eine Sache wäre da noch. Halt den Kommandanten mal kurz fest!« Er schlüpfte unter Elions Schulter hervor.
Lay hielt ihn mühelos weiter aufrecht. »Aber beeil dich!«, rief sie Simon hinterher.
Der trat auf den Platz zwischen dem Propheten und der schweigenden Menge. Die Leute rieben sich ihre Gesichter und stierten vor sich hin, als wären sie gerade erst aus tiefem Schlaf erwacht. Sie wirkten so verloren wie eine Herde Schafe, die sich unerwartet auf dem Mars wiederfand.
Neben einer kniehohen Erhebung, die von Asche bedeckt war, blieb Simon stehen. »Verpisst euch!«, brüllte er und richtete sein Gewehr auf die Menge. Sofort wichen die Leute zurück.
»Was hat er vor?«, hörte ich mich selbst sagen.
»Nach Protokoll vorgehen: Er sorgt dafür, dass die Idrin vorerst keinen Schaden mehr anrichten kann«, antwortete Salma neben mir. »Selbst wenn ihr Prophet wieder erwacht.« Sie schniefte laut. »Das da neben ihm, das ist sie: Die Idrin. Oder das, was von ihr übrig geblieben ist.«
Ich starrte auf den Haufen, bis ich die Umrisse eines gebrochenen Flügels und direkt daneben die Krümmung einer Hand zu erkennen glaubte. Der Rest war eine undefinierbare Masse unter der Aschedecke. »Aber wie ...?«, stammelte ich und drückte meine Hand auf meinen gluckernden Magen. »Wer konnte sie so zurichten?«
»Ich dachte, das sei Elions Werk«, sagte Salma mit zitternder Stimme.
Der Flügel zuckte kurz, dann streckten sich die Finger der Hand. Meine Antwort ging in einem tiefen Würggeräusch über. Dieses ... Ding ... diese Masse aus Zombiegöttin lebte noch.
Schwungvoll riss Simon sein Bein zurück und trat zu. Die Masse machte ein schmatzendes Geräusch. »Das ist für Arved, du Wichser!« Er trat ein zweites Mal zu, zog geräuschvoll hoch und spuckte auf die Überreste der Idrin.
»Komm.« Die rothaarige Frau berührte mich sanft am Arm. »Das müssen wir uns nicht mit ansehen. Lass uns gehen.«
Ich hatte keine Einwände. Je schneller ich von diesem Ding wegkam, desto höher war die Wahrscheinlichkeit, nicht für den Rest meines Lebens durch furchtbare Albräume vom Schlafen abgehalten zu werden.
Lay war unbemerkt vorgegangen und zusammen mit Elion, den sie mit einem Arm um die Mitte stützte, nur ein schemenhafter Umriss im Ascheregen.
Schweigend folgten wir in ihren Spuren, bis die Rothaarige mit dünner Stimme sagte: »Danke für die Rettung.«
Mein genuscheltes Kein Problem ging in einer Explosion unter.
Mit beiden Händen über dem Kopf warf ich mich auf den Boden, als auch schon die Druckwelle über mich hinweg raste und mich in Asche hüllte.
»Simon, du bist so ein Arsch!«, schrie gleich darauf die Rothaarige. »Jemand hätte verletzt werden können!«
Aschespuckend hob ich den Kopf.
»Bist du ok?« Salma kniete sich neben mich.
Ich verzog den Mund. »Klar. Hab heute schon Schlimmeres erlebt.« Dankbar griff ich ihre Hand, stand auf und klopfte mir die Asche von dem Fetzen, der vor wenigen Stunden noch ein Kleid gewesen war. Und ich meinte es ernst: Ich war ok. Oder schlichtweg zu erschöpft, um in Panik zu geraten.
Mit einem zufriedenen Lächeln aus den Lippen schloss Simon zu uns auf. »Wir müssen daran denken, unseren Vorrat an Handgranaten aufzufüllen. Das war die einzige, die ich im Bumvee finden konnte.« Freudig rieb er sich die Hände. »Elion wird stinksauer sein, wenn er erfährt, dass ich der Erste war, der eine Idrin in die Luft gesprengt hat.«
Die Rothaarige rieb sich angestrengt die Stirn.
Wortlos fing ich Simons Blick auf. Sein Lächeln erstarb und er rieb sich sichtlich verlegen den Nacken. »'Tschuldigung für die fehlende Vorwarnung. Ich konnte es wohl nicht abwarten.« Er räusperte sich vernehmlich. »Und danke für deinen Einsatz als ich ... falsche Prioritäten gesetzt habe. Dafür stehe ich tief in deiner Schuld.«
Ich winkte ab. »Du hast nicht zufällig doch noch eine von deinen Spezialzigaretten?«, fragte ich ihn müde. »Eigentlich habe ich ja aufgehört, aber ...« Ich schloss die Augen. »Man, das war heute wirklich ein beschissener Tag.«
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