
20
Beat
Unsere Verabschiedung verläuft nicht unbedingt komisch, aber dennoch ziemlich knapp. Nachdem ich Lane auf dem Parkplatz der Ravensen rausgelassen habe, tingele ich zurück zu meinem Wohnheim. Mittlerweile ist es schon elf Uhr Nachts, weshalb es größtenteils ruhig auf den Gängen ist.
Sobald ich mich fürs Schlafengehen fertig gemacht habe, falle ich ins Bett, bekomme jedoch kein Auge zu. Das kann natürlich an der Tatsache liegen, dass wir am See etwas zu lange in der Sonne gedöst haben, doch ich habe einen anderen Verdacht.
Fetzen von Erinnerungen an den heutigen Tag kreisen in meinem Kopf umher und lassen mich nicht zur Ruhe kommen. Ich sehe Lane vor mir, Anfangs noch etwas verkrampft, dann immer lockerer. Ich sehe das schelmische Funkeln in seinen grünbraunen Augen, als er mich am Arm gepackt und ebenfalls ins Wasser gezogen hat.
Doch ich erinnere mich auch an die Art und Weise, wie seine Miene plötzlich verschlossen wurde, als ich seine Eltern erwähnt hatte. Es kam mir fast so vor, als hätte er sich in diesem Moment wieder ins Gedächtnis gerufen, dass wir in erster Linie Zeit miteinander verbringen, weil wir uns einen Vorteil daraus erhoffen und gewissermaßen voneinander profitieren – und nicht, weil wir einfach nur Spaß miteinander haben.
Es hat wehgetan, das werde ich nicht leugnen. Ein dummer Teil in mir hat für einige Stunden tatsächlich geglaubt, dass das mit uns beiden echt werden könnte... zumindest was den freundschaftlichen Teil anbelangt. Doch Lanes Verhalten hat mir wieder vor Augen geführt, was unsere Treffen eigentlich bedeuten.
Ich nehme es ihm nicht übel, im Gegenteil. Ich kann sogar verstehen, warum er so denkt und handelt. Wenn ich er wäre, würde ich mich auch nicht zu sehr mit mir einlassen wollen. Es ist in Ordnung und wie gesagt: Ich glaube ohnehin nicht, dass wir auf die Dauer kompatibel genug wären, um gut miteinander auszukommen. Ich nehme mir fest vor, das im Kopf zu behalten, wenn mein Herz mal wieder mit dem Gedanken spielen sollte, Lane mehr zu mögen, als es eigentlich sollte.
...
Als ich am nächsten Morgen aufwache und mein Handy checke, blinkt mir eine Benachrichtigung entgegen.
Lane
Hoffe, du bist gut heimgekommen? :)
Ich kann nichts gegen das warme Gefühl in meiner Bauchgegend tun, welche sich daraufhin wie umgekippter Honig in mir ausbreitet, schwer, klebrig, aber so verdammt süß. Reiß dich zusammen, er ist nur höflich!
Also antworte ich ihm schlicht, dass ich tatsächlich gut heimgekommen bin und danke ihm für die Nachfrage.
Noch etwas benebelt vom Schlaf und gleichzeitig ein wenig berauscht von seiner Nachricht, mache ich mich auf den Weg zu den Duschen. Nachdem ich mich frisch gemacht und etwas geschminkt habe, ziehe ich mich zurück in meinem Zimmer um.
Meine drei Vorlesungen für den heutigen Tag bringe ich gut hinter mich, da heute Themen behandelt werden, die ich besonders interessant finde. Leider werde ich morgen um Wirtschaftsinformatik nicht herumkommen, doch ich werde die Vorlesung auf keinen Fall auslassen, da das im Hinblick auf die näherrückende Prüfung definitiv schlecht wäre.
Als ich gerade fertig für heute geworden bin und mich auf den Weg zurück ins Wohnheim mache, gibt mein Handy ein ›Ping‹ von sich. Abwesend werfe ich einen Blick darauf, während ich die Glastüren aufdrücke.
Lane
Kann ich dich kurz anrufen?
Ich habe es noch nie verstanden, warum Leute fragen, bevor sie anrufen. ›Tu's einfach ;)‹, antworte ich also, woraufhin es prompt klingelt. »Hey«, gehe ich ran. »Hi, sorry für die Störung«, kommt es von ihm. »Du störst nicht. Was gibt's?«
Ich höre ihn vernehmlich durchatmen, bevor er antwortet. »Also, Folgendes: Ich würde kommendes Wochenende zu meinen Eltern rausfahren. Möchtest du mich begleiten?«
Überrumpelt blinzele ich. »Puh, das ging ja ganz schön schnell.«
»Ich kann verstehen, wenn du noch nicht willst, wir können uns auch gern mehr Zeit lassen. Ich habe nur gestern mit ihnen telefoniert und von dir erzählt. Meine Mutter ist fast ausgerastet.« Ich kann aus seinen Worten nicht genau raushören, ob er sich darüber freut oder eher nicht. »Naja, jedenfalls meinten sie dann, dass sie dich unbedingt kennenlernen wollen und ich habe versprochen, dich mal zu fragen, wie es am Samstag oder Sonntag bei dir aussieht.«
Mein Kopf ist wie leergefegt und mir fällt es schwer, eine passende Antwort darauf zu finden. »Äh... wie soll ich sagen? Ich bin nur etwas überrascht, das ist alles. Aber ansonsten: Ja, warum nicht? Lass uns zu ihnen fahren.«
»Was, wirklich?« Lächelnd nicke ich. »Ja, wirklich.« Besser, wir bringen das mit dem ersten Treffen schnell hinter uns. Das ist etwas, das man einfach wie ein Pflaster in einem Ruck abziehen muss.
»Freut mich! Dann werde ich meinen Eltern gleich mal Bescheid geben. Und um deinen Teil unserer Abmachung kümmern wir uns auch bald, versprochen.«
Zuerst bin ich verwirrt und weiß nicht recht, was er meint. Doch dann fällt der Groschen wieder: Ich habe Lane ja darum gebeten, mir dabei zu helfen, mir bei meiner ›Aggressionsbewältigung‹ zu helfen, wenn man es so ausdrücken will. Wie konnte ich das einfach mal eben aus dem Sinn verlieren? Noch ein Zeichen dafür, dass ich mein eigentliches Ziel nicht aus den Augen verlieren darf.
...
Wenn es darum geht, schlechte Stimmung zu erspüren, ist Georgine wie ein Trüffelschwein. Ihr Instinkt ist diesbezüglich geradezu gruslig akkurat. Nicht einmal eine halbe Stunde später, als ich aufgelegt habe, klopft sie bei mir an die Tür und steckt dann den Kopf zu mir herein.
»Hey, ich habe noch etwas Chili-Chips übrig«, sagt sie und wedelt demonstrativ mit einer Tüte über ihrem Kopf, »Willst du was? Ich schaff den Rest nicht mehr.«
»Klar, danke! Komm rein.« Das brauche ich ihr nicht zweimal zu sagen. Blitzschnell schlüpft sie in mein Zimmer, schließt die Tür hinter sich und setzt sich zu mir auf mein Bett.
»Hm, so ein Sofa wäre schon auch ganz nett. Dann müsste ich mich nicht immer auf deinem Bett breitmachen«, sinniert sie, während sie mir die Tüte mit der Öffnung hinhält. Ich zucke die Schultern. »Wenn ich mir ein Sofa hier reinstellen würde, müsste ich mich die ganze Zeit über Möbelstücke bewegen, um in diesem Zimmer von A nach B zu kommen. Außerdem macht es mir nichts aus, wenn du auf meinem Bett sitzt. Irgendwie fungiert es wohl auch als eine Art Sofa, schätze ich.«
»Und, wie läuft es mit Lane?«, sagt sie plötzlich aus dem Nichts. Ich ziehe meine Augenbrauen nach oben. »Wow, du kommst gleich zur Sache.«
»Klar, oder kennst du mich etwa anders? Jetzt sag schon, wie ist es mit euch zurzeit?«
Ich seufze. »Gut. Wir waren gestern ein bisschen draußen im Wald am Wasser und am Wochenende lerne ich seine Eltern kennen.«
Georgine neben mir schwankt demonstrativ, als hätte sie ein Schleudertrauma erlitten. Aus weit aufgerissenen Augen starrt sie mich an. »Und das sagst du mir jetzt?!«
»Wann hätte ich es dir denn sagen sollen?«
»Hallo?! Ganz offensichtlich eine Sekunde nach eurer Verabschiedung!«, witzelt sie aufgebracht und ich lache. »So eine große Sache ist es nun auch wieder nicht, es war schließlich absehbar, dass das kommen würde.«
»Trotzdem, ab jetzt hältst du mich etwas besser auf dem Laufenden! Wenn ich nicht gerade bei dir reingeplatzt wäre, hätte ich vielleicht in zehn Jahren davon erfahren.«
»Ach, komm, jetzt übertreibst du. Aber gut, von nun an bist du gleich die Erste, die ich anrufe, wenn Lane und ich was machen. Zufrieden?«
»Und ich will Details!«
Ich verdrehe die Augen. »Ist gut.« Glücklich klatscht sie in die Hände, während ich mir eine Handvoll Chips aus der Tüte fische. »Super, dann wäre das geklärt!«
Ich erzähle ihr, wie es gestern war, lasse dabei jedoch den Teil mit meinen verwirrten Gefühlen aus – ich wüsste nicht, was ihr diese Information bringen sollte, da ich mir selbst noch nicht richtig darüber klar bin, was ich damit anfangen soll...
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Uff, sieht ganz so aus, als könnte das alles noch wesentlich komplizierter werden, als gedacht – was meint ihr? 🤡
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