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Antrag 76 und 77 waren weitaus weniger kompliziert. Durch eine Internetfirma bestellte ich eine Packung Glückskekse mit besonderer Füllung. Wie auch schon auf der Tafel lautete die Nachricht im Innern:
»Willst du mein Ehemann werden, Noah? - A«
Weil mir aufgrund der Planungen für die Abschlussparty die Zeit fehlte, etwas ausgefalleneres zu machen, investierte ich als Nächstes in ein Werbeplakat an der Bushaltestelle, an der Noah immer einsteigen musste.
Eigentlich war Nathalie es, die das Citylight-Poster bezahlte. Allerdings besorgte ich einen besonderen Deal, sodass statt – wie üblich – zwei Wochen, das Plakat nur vier Tage dort hängen würde. Zum fairen Preis von 6,99€ pro Tag.
Zusammen mit Carla hatte ich das Motiv designt, das Bild einer passenden roten Schachtel im Internet gesucht und gefunden, ein bisschen Text dazu geschrieben und schon war das Plakatmotiv fertig gewesen. Danke modernes Zeitalter!
»Wieso immer mit hashtag?«, fragte Daniel, als ich am Donnerstagmorgen früh zur Haltestelle schlenderten, um das Plakat mit eigenen Augen zu sehen. Es hatte einen blasslila Untergrund, eine große, gut lesbare Schrift und war sofort ein Eyecatcher. Noah konnte es unmöglich übersehen.
»Sei der Ring in meiner Schachtel und werde mein Ehemann, in guten wie in schlechten Zeiten, in Armut und Reichtum, Gesundheit und Krankheit. Heirate mich, Noah. -A.« Und unten klein: #99Mal
Der Grund für den hashtag ... Ich wollte, dass die Anträge viral und publik wurden. Ich wollte Aufmerksamkeit auf mich lenken, oder zumindest auf diese Aktion. Und all das für einen bestimmten Zweck.
Vorausplanen war zwar nie meine Stärke gewesen, aber hoffentlich bekam ich es diesmal auf die Reihe.
»Das wirst du noch früh genug bemerken«, erklärte ich Daniel mit einem frechen Grinsen und gab ihm einen kurzen Kuss auf die Lippen, wofür ich mich emporstrecken musste. Jetzt im Sommer trug ich meistens Schuhe mit flachen Absatz, sodass Daniel mich um einiges überragte. Was mich nicht einmal störte.
Es war ein beruhigendes Gefühl, eine Schutzwand zu haben, die mich immer abschirmte. Auch wenn das nicht sehr romantisch klang, dachte ich so von Daniel. Er war mein Schutz vor der Welt dort draußen, mein Schirm vorm Regen. Ich fühlte mich bei ihm sicher, auch wenn er mich oft zur Weißglut brachte.
Erst an diesem viel zu frühen Donnerstagmorgen erkannte ich, dass ich ihn auch auf eine gewisse Weise liebte. Nicht diese allesverschlingende Zuneigung, von der in Büchern und Filmen immer die Rede war, sondern eine stillere Art. Es war auch nicht gleichzusetzen mit dem, was ich für Noah empfand. Es war ... anders und dennoch beruhigend.
Es war okay, wenn man mehrere Leute gleichviel liebte, denn Liebe war, trotz allem, unendlich.
***
»Wieso hab ich nochmal zugestimmt?«
Carla lachte und zupfte an dem Brustteil ihres Kleides herum. Wie so oft war es für uns nicht einfach gewesen, Kleider zu finden, die angemessen saßen. Jedes Kleid, das infrage kam, sah entweder viel zu förmlich aus oder es passte nicht. Ich hasste es an manchen Tagen wirklich, eine Frau zu sein.
»Ich habe eine Abneigung gegen Shopping entwickelt«, stöhnte ich deshalb und verließ die Umkleidekabine mit einem dramatischen zur Seite ziehen des grünen Vorhangs. Meine Füße streikten allmählich und ich hatte beängstigende lange Stunden keinen Kaffee mehr getrunken.
»Beeil dich mit Umziehen. Das Kleid nimmst du eh nicht.«
Ich schlenderte ein weiteres Mal durch die Reihen mit Abendkleidern, einfach nur aus Spaß. Wir waren beide viel zu spät dran zum Kleider kaufen, da der Abschlussball bereits in wenigen Tagen stattfand. Carlas Kleid hatte online besser ausgesehen und sie wollte einen Ersatz finden und ich ... hatte lange Zeit nicht daran gedacht, dass ich wirklich zum Ball gehen würde.
»... denke nicht, dass du hier etwas finden wirst.«
Wäre ich ein Hund, so hätte ich vielleicht in diesem Moment die Ohren gespitzt und wäre meinem Geruchssinn gefolgt. Denn die Stimme war mir so vertraut wie meine eigene, auch wenn ich nicht wusste, was Nathalie an einem Freitagmorgen in der Innenstadt machte. Noch dazu in einem Einkaufszentrum, welche sie, eigener Aussage nach, zutiefst verabscheute.
Ich legte mich auf die Lauer und versuchte meine Cousine möglichst unauffällig zu finden. Nur um im selben Moment zu wünschen, es nicht getan zu haben.
Nathalie stand an die Wand gepresst da und lachte, während sie ihre Hände in die Haare eines Mannes vergrub. Ein Mann, der gerade dabei war seine Hände an ganz unpassende Stellen zu platzieren.
Würg.
»Könnt ihr euch kein Hotel leisten?«, fragte ich laut genug und kam hinter dem Kleiderständer hervor, um ins Blickfeld von Nathalie zu treten. Die sofort betreten ihre Bluse richtete und den Mann auf Abstand schob.
»Das ist wie in einem blöden Teenyfilm«, sagte Nathalie und räusperte sich. Blut schoss ihr in die Wangen, was ihrem leicht gebräunten Gesicht nur noch mehr Farbe verlieh.
Grinsend lehnte ich mich gegen eine Metallstange und steckte die Hände in die Taschen meiner Jeans, während ich den Mann betrachtete. Der berühmte Arbeitskollege von Nathalie – Colin Wölf. Der Partner an der Seite meiner Cousine, den Nathalie so lange vor mir versteckt gehalten hatte. Dabei wusste ich nicht einmal wieso. Er konnte sich sehen lassen. Vielleicht war ich es aber, die versteckt werden musste. So oder so.
»Wir sind eigentlich nur auf der Suche für einen Ersatz-Hemd. Oliver hat heute seinen Abiball ...«
»Und da dachtet ihr, ihr könnt ein Schäferstündchen halten, bevor es ernst wird?«, vollendete ich den Satz.
»Ist aber mal gut jetzt.« Nathalie klang allerdings nicht wütend über die Scherze. Viel eher wirkte sie selbst amüsiert.
»Was machst du hier? Hast du dir nicht tausend Kleider nach Hause liefern lassen?«
Nathalie verzog nachdenklich das Gesicht und bevor ich nachfragen konnte, fuhr sie fort: »Ach nein, das war ja ich. Weil ich meine kleine Cousine kenne und weiß, dass sie kein Kleid im Laden finden wird.«
»Meine Cousine ist eine Heilige.« Ich schlang die Arme um Nathalies Hals, drückte ihr einen Kuss auf die Wange und wandte mich wieder Colin zu, der etwas unbeteiligt in der Ecke stand.
»Behandle sie auch so.«
Zu lange war Nathalie jetzt schon in ihrem ewig gleichbleibenden Rhythmus gefangen. Jeder ihrer Exmänner hatte seine Vorzüge besessen, doch sie teilten sich denselben Nachteil: Sie waren zu besessen von ihren Karrieren und vom Erfolg. Ich kannte Colin nicht und wusste nicht so recht, wie ich ihn jetzt einzuschätzen hatte. Aber er lockte in Nathalie etwas hervor, das nur selten zum Vorschein kam: Ihre Spontanität.
»Sehen wir uns also heute Abend nicht zum Abendessen?«, hinterfragte ich beim Rückwärtslaufen Richtung Umkleidekabinen. Aus welchem Grund auch immer war Carla noch immer nicht fertig, diese Trantüte.
»Ich werde in dieser seltsamen Kaschemme nichts essen, Aly.«
»Das Panda Hell ist keine Kaschemme!« Es war ein reiner Impuls den zwielichtigen Club zu verteidigen, der in keiner schönen Gegend lag und den ich unter normalen Umständen nie betreten hätte. Doch durch Skip hatte ich erfahren, dass einer von Noahs Kursen an diesem Abend dort zu Besuch war, um an einem Poetry Slam teilzunehmen.
Der Gedanke, zur gleichen Zeit wie mein bester Freund in einem Raum zu sein, ließ mich in freudiger Erwartung vibrieren. Vermutlich stammte daher die gute Laune, die ich durch fiese Sprüche zu unterdrücken versuchte.
»Das Panda«, setzte Colin an, doch Nathalie unterbrach ihn sogleich.
»Frag bitte nicht. Lass uns nachsehen, ob sie noch ein Hemd in Olivers Größe haben.«
»Viel Spaß«, trällerte ich ihr hinterher und nahm den Mittelfinger von Nathalie nicht einmal übel.
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