
34
Lily saß so dicht neben Jasper, dass sie seinen Herzschlag spüren konnte. Es schlug schneller, als er sah, wer die Hütte betrat. Es war ein Mann mit Hut.
„Der Zaubereiminister. Fudge." Lily konnte seine Worte kaum erahnen, so leise sprach er. Als der zweite Mann den Raum betrat, setzte sein Herz kurz aus. „Was ist? Kennst du ihn?", wisperte Lily, kaum hörbar. Jaspers Körper versteifte sich neben ihr, dann schüttelte er langsam den Kopf.
Der zweite Mann hatte ebenso weißes Haar wie Dumbledore, der nach ihm die Hütte betrat. Allerdings trug er es nicht in einem langen Bart, sondern die Haare fielen ihm in weichen Locken in sein Gesicht.
„Hm, will jemand 'nen Tee?", durchbrach Hagrid mit einem nervösen Zittern in seiner Stimme die Stille. „Nein.", lehnte der unbekannte Mann schlicht ab. „Nein, Hagrid. Es tut mir Leid." Der Zaubereiminister fuhr sich über seinen Umhang. Sein Körper strafte sich und er richtete sich auf um etwas zu sagen, da unterbrach Dumbledore ihn fröhlich. „Für mich bitte gerne."
Fudge schaute ihn kurz verärgert an, dann holte er nochmals Luft. „Ach, und schwarz, wenn sie haben." Der Zaubereiminister räusperte sich streng. „'Türlich Professor.", sagte Hagrid, erleichtert etwas zu haben, mit dem er seine Hände beschäftigen konnte.
Fudge richtete würdevoll seinen Hut. Trotzdem kam er Lily immer noch so vor, als sei er noch ein Schüler, der bei Dumbledore im Unterricht saß und sich überheblich für begabter hielt. „Sie wissen, warum wir hier sin?", erhob der Zaubereiminister dann endlich seine Stimme. Hagrid senkte den Kopf zu einem lautlosen Nicken.
Dann polterte er los: „Sie hat niemandem etwas getan! Sie ist kein Monster!" Erschrocken über seinen eigenen Ausbruch, senkte er seinen Kopf wieder. Der weißhaarige Mann bedachte ihn mit einem interessierten Blick, bevor er die Hütte weiter inspizierte. Dann wanderte sein Blick wieder zurück zu ihm.
„Entschuldigen sie, aber um welche Spezies handelt es sich genau bei dem Tier, dass sie meinen?" Der Mann lehnte sich mit unverhohlenem Interesse zu ihm vor.
Dumbledore warf ihm einen kritischen Blick über seine Halbmondförmige Brille hinweg zu. „Ich wüsste wirklich nicht, was dies zur Sache tut, Mr. Duchess." Dumbledore machte eine kleine Pause. "Sie haben die Aussagen, an denen hat sich in den letzten fünfzig Jahren nichts verändert."
Der Lockenkopf verschränkte die Arme und zog sich zurück. Dumbledore nickte zufrieden. „Bitte schön, Professor." Hagrid reichte Dumbledore ungelenk eine Teetasse Der Schulleiter zuckte kein einziges Mal mit der Wimper, selbst dann nicht, als ihm das brühend heiße Teewasser über die Finger schwappte. Jasper hatte die Augen geschlossen und wippte leicht vor und zurück.
„Nun, es tut mir aufrichtig Leid. Die Menschen haben Angst, sie erwarten, dass etwas geschieht. Das Ministerium muss die Situation im Griff haben, verstehen sie?" Fudge schaute ihn bemitleiden an. Als Hagrid weiterhin schwieg, versuchte er, sich weiter zu rechtfertigen. „Wir wissen alle, wie äußerst unklar die Lage ist, aber wir müssen jeder, noch so kleinen, Spur nachgehenden, denn leider Gottes gibt es nicht allzu viele davon."
Er seufzte. Hagrid starrte auf einen unbestimmten Punkt in der Ferne, seine Augen waren glasig. „Nicht Askaban", flüsterte er leise und seine Lippen formten eine lautlose, deshalb aber nicht weniger flehentliches Bitte.
„Es ist ein vorläufiger Beschluss, Sie wissen hoffentlich, wie sehr ich es bedauere." Fudge umzwirblte mit seinen Fingern einen losen Faden, der sich aus der Saumnaht seines Ärmels gelöst hatte. „Aber mir, dem gesamten Ministerium- Es bleibt einfach keine andere Möglichkeit."
Hagrid erhob sich langsam, sodass Fudge den Hals in den Nacken legen musste, um sein Gesicht auszumachen. Hagrid wischte sich die Hände an seinem Maulwurfsfellmantel ab, als wolle er sich so von allen schlechten Gedanken entledigen. Fudge stierte auf die Schrotflinte neben Lilys Kopf. Hagrid folgte seinem Blick, wandte sich dann wieder zum Zaubereiminister, der unter seinem Blick regelrecht zu leiden schien.
„Jemand muss Fang füttern, während ich weg bin.", sagte Hagrid nun wieder in ihre Richtung. Fudge presste die Lippen zusammen. Vielleicht fragte er sich, wie Hagrid in Askaban überleben wollte, wenn er jetzt schon seiner Schrotflinte die Fütterung seines Hundes anvertraute.
Aber Lily und Jasper hatten verstanden. „Lassen Sie uns gehen, Hagrid. Es gibt keinen anderen Weg." Der Zaubereiminister schritt geradewegs zur Tür, als diese aufgerissen wurde und ihm den Hut vom Kopf schlug.
„Lucius Malfoy!", rief er verdutzt aus und griff sich mit der anderen Hand auf Kopf um das Ungetüm von Hut zu halten. „Der Herr Zaubereiminister, welch eine Überraschung!" „Ebenso, ebenso, Lucius. Treten sie ein!" Hagrids Mine verdunkelte sich, er war anscheinend ganz und gar nicht damit einverstanden, dass Fudge fremde Leute in seine Hütte einlud.
„Ich bin auf der Suche nach Professor Dumbledore. Man sagte mir, ich würde ihn hier finden." „Das stimmt.", stellte Dumbledore ruhig fest und trat einen Schritt näher. „Nun, wie sie sehen, sind wir gerade beschäftigt. Wenn es also nicht allzu dringend ist, könnten sie morgen noch einmal vorbeikommen. Frau Rosmerta bietet in Hogsmeade vorzügliche Zimmer an. Oder sie warten in meinem Büro, bis wie die Angelegenheiten hier geklärt haben."
Lucius Malfoy schüttelte lediglich den Kopf. „Ich bedaure, dass diese Situation derartige Angebote", bei diesem Wort kräuselten sich seine Lippen verächtlich, „nicht zulässt. Mein Anliegen ist äußerst dringlich."
Dumbledore gab ihm mit einer Geste zu verstehen, weiter zureden. „Ich möchte sie nicht lange stören, jedoch haben mich die Schulräte beauftragt, ihnen diese- Nachricht zu übermitteln." Lucius Malfoy erweckte den Anschein, seine Mundwinkel zwanghaft nach unten drücken zu müssen, seine Augen glänzten vor Schadenfreude.
„Auf dieser Rolle", seine Gesichtszüge verzerrten sich für den Bruchteil einer Sekunde zu einem hämischen Grinsen, „auf dieser Rolle finden sich alle Unterschriften der zwölf Schulräte. Wir sind bedauernswerterweise zu dem Entschluss gekommen, dass sie- dass sie nun vielleicht nicht mehr der richtige sind, um dieses Amt auszuführen."
Lily sah, wie Hagrid und Fudge gleichzeitig der Atem stockte. Lucius Malfoy dagegen sprach unbeirrt weiter. „Angesichts dieser schrecklichen Ereignisse, gegen die sie leider noch nichts haben unternehmen können. Wir haben nur eine Besserung der Situation im Sinne. Nicht auszudenken, falls..." Er ließ den Satz unausgesprochen in der Luft hängen und reichte Dumbledore eine Pergamentrolle. Fudge öffnete ein paar Mal seinen Mund, als wolle er etwas dazu sagen. Dann schloss er ihn wieder.
Der weiße Lockenkopf interessierte sich nicht für das Geschehen um ihn herum, sondern begutachtete Hagrids vollgestopften Regalböden. Als er Jaspers Tasche auf dem Boden stehen sah, kniff er kurz die Augen zusammen.
„Und Malfoy? Wie viele hab'n sie erpressen müssen!", stieß Hagrid mit rauer Stimme aus und trat auf Lucius Malfoy zu, die Hände zu Fäusten geballt. „Wie viele hab'n sie bedrohen müssen um, an ihre Unterschriften zu kommen?" Lucius Malfoy rümpfte angewidert die Nase, wahrscheinlich hatte er soeben den starken Geruch nach Alkohol in Hagrids Atem wahrgenommen. Sein Blick viel auf den achtlos abgestellten Bierkrug auf der Kommode.
Hagrid deutete unwirsch auf die Liste in Dumbledores Händen. Die Hände des Schulleiters zitterte ebenso wenig wie seine Stimme, als er sie erhob. „Lass es gut sein, Hagrid.", beschwichtigend legte er ihm eine Hand auf seinen Unterarm und zog ihn sanft zurück.
„Wenn es der einstimmige Wille aller ist, werde ich mich diesem natürlich beugen." Fudge schnappte nach Luft. „Beugen? Beugen?" Der Hut des Ministers begab sich wieder in eine außerordentliche Schieflage. „Lucius, denken sie wirklich, dass das eine gute Idee ist? Wenn nicht Dumbledore-" Fudge sprach nicht zu ende, sondern senkte nur seinen Kopf und seufzte, als bemitleide er niemanden stärker, als er sich selbst.
Lucius Malfoy blickte gekünstelt zu Boden. „Wir verstehen, wie schwierig es für sie sein muss, dieses Amt jetzt niederzulegen, dass es schwierig sein muss, es auf diese Art und Weise enden zu lassen." Er schüttelte den Kopf und seine weißblonden Haare, die schon mit den ersten grauen Strähnen versetzt waren, wiegten langsam vor sich hin.
Mit einem einzigen Schluck leerte Dumbledore seine Tasse und schaute ernst auf einen Punkt neben der Kommode. „Wer auch immer in Hogwarts um Hilfe bittet, der wird sie auch bekommen." Dann trat wieder Stille ein.
„Kommen Sie, lassen Sie uns gehen." Fudges Stimme klang belegt.
Dumbledore verließ die Hütte als erster. Bevor Hagrid die Schwelle überschritt, wandte er sich nochmals um. „Wer Antworten sucht, muss der Spur der Spinnen folgen!"
Dann verschwand er in der Dämmerung, die sich schon in Dunkelheit verwandelt hatte. Der Mann mit den Locken blies die Kerzenstumpen auf dem Tisch aus, in der Hütte wurde es stockfinster.
Jasper und Lily verharrten unter ihrem Tarnumhang und wagten es kaum, zu atmen. Sie sahen einander nicht, spürten nur die warmen Luftzüge des jeweils anderen über ihre Haut streifen. Vom anderen Ende der Hütte vernahmen sie ein leises Rascheln.
In der Dunkelheit suchte Lily Jaspers Unterarm, schob seinen Ärmel hoch und zeichnete einen Pfeil. Sie merkte an den Bewegungen des Tarnumhanges, dass Jasper nickte. Mit einem ungesagten Zauberspruch entzündete Lily die Kerze auf dem Tisch. In ihrem flackernden Licht erhoben sie und Jasper sich gleichzeitig, er zog ihnen den Tarnumhang vom Kopf.
Wachsam ließ Lily ihren Zauberstab erhoben. Fast zeitgleich erschienen vor ihnen die Gesichter von Harry und Ron. Es versetzte ihr einen Stich, sie ohne Hermine zu sehen. Sie senkte ihren Zauberstab ein Stück weit. „Ihr also auch hier.", stellte Harry fest.
Ron hatte die Arme fest vor dem Körper verschränkt, Harry musterte sie mit einem abschätzenden Blick. Nicht Lily, sondern Jasper. Er presste seinen Kiefer so fest zusammen, dass seine Zähne knirschten.
„Was meinte Hagrid mit, ihr müsst der Spur der Spinnen folgen?", fragte Lily, mehr zur Wand gewandt, als zu Ron und Harry. „Ich weiß es nicht.", antwortete Harry bedauernd, ohne seinen Blick von Jasper abzulassen. Lily seufzte. „Ohne Dumbledore sieht es schlecht aus. Ich kann nicht glauben, dass er weg ist." Harry biss sich auf die Unterlippe. „Dieser stinkende Malfoy! Ich wette, Hagrid hatte Recht.", knurrte Ron und schaute Jasper grimmig an.
„Wir können das mit Fang übernehemn, falls ihr wollt. Ich glaube, das war sowieso an uns gerichtet.", Lily trat einen Schritt auf sie zu, Jasper folgte ihr nicht. In seinen Augen türmten sich die grauen Gewitterwolken.
„Hagrid wusste, dass ihr hier seid?", fragte Ron erstaunt. „Nein, wir verstecken uns jeden Abend hier und schauen ihm beim Trinken zu.", gab Jasper sarkastisch zurück.
„Und warum seid ihr dann hier?", gab Harry wütend zurück und Lily konnte ihm seinen anklagenden Ton nicht verübeln. „Werdet ihr uns das etwa von euch sagen?" Jasper lachte spöttisch. Lily bedachte ihn mit einem strafenden Blick.
„Er meint es nicht so. Wir waren hier, weil Snape uns gebeten hat, Einhornhaar zu holen. Er braucht es für seine Zaubertränke und Hagrid findet es immer im Wald. Wenn man es in der Winkelgasse kauft, bezahlt man gut und gerne über zwanzig Galleonen dafür." Lily warf Harry und Ron einen entschuldigenden Blick zu. Sie wünschte sich Hermine dazu. Mit ihr hätte sie sich besser unterhalten können.
Jasper beachtete Lily gar nicht. Ihre Ausrede, die ihr dieses Mal gar nicht so schlecht vorkam, hatte er wahrscheinlich noch nicht einmal gehört, so vertieft war er in das Blickduell mit Ron. „Wir wollten nur mal kurz nach Hagrid schauen.", sagte Harry kurz, ließ dabei aber nicht auch nur eine Sekunde von Jasper ab.
„Macht ihr dann das mit den Spinnen? Ich glaube, Hagrid meinte euch damit.", versuchte Lily das Gespräch am Laufen zu halten. „Ja.", antworte Harry ihr schnell und erntete dafür einen vorwurfsvollen Blick von Ron. Jasper neben ihr entspannte sich merklich, er hatte das Blickduell gewonnen.
„Geht ihr auch ins Schloss zurück?", fragte Lily, bevor Ron vor ihren Augen eine Diskussion mit Harry beginnen konnte. Ein unangenehmes Schweigen entstand. Dann durchbrach Jasper es mit einem Schnauben.
„Keine Sorge, ich gehe alleine. Dann könnt ihr Gryffindors unter euch bleiben und zusammen zurückgehen. Mit mir ist das natürlich nicht möglich. Mein vollstes Verständnis dafür, ich habe auch nicht nur das geringste Interesse, mir noch länger mit euch dieselbe Luft zum Atmen zu teilen!"
Mit einem verbitterten Zug wendete er sich von ihnen ab und öffnete die Hintertür. „Jasper warte!" Lily lief ihm hinterher, bis sie alleine im Dunkeln hinter Hagrids Hütte standen. Zögerlich griff sie nach seiner Hand. Sie war eiskalt. „Was ist los, Jasper? Ich bin dir nicht böse, aber bitte rede doch mit mir!" Er schwieg eine Zeit lang.
„Ich weiß, dass du mir nicht böse bist Aimée.", sagte er dann ernst. „Und es tut mir Leid." Lily nickte nur, obwohl sie nicht wusste, ob Jasper das überhaupt in der Dunkelheit erkennen konnte. „Ich sehe kurz nach Claire, geh schon mal vor." Seine Stimme klang leise, ungewöhnlich leise.
„Bist du dir sicher?" „Ja.", antwortete er erstickt. Der Kloß in Lilys Hals wuchs und machte ihr das Schlucken schwer. Sie blieb stehen, bis Jasper, ohne sich noch einmal umzudrehen mit den Schatten der Nacht verschwand. Dann kehrte auch Lily dem Verbotenen Wald den Rücken zu.
Hagrids Hütte war leer, Harry und Ron mussten schon gegangen sein. Sie versuchte ihre Enttäuschung zu ignorieren. Was hatte sie denn auch erwartet. Dass sie auf sie warteten, so wie sie es sicherlich bei Hermine getan hätten?
Mit einer mechanischen Zauberstabbewegung schloss sie die Hintertür und löschte die Flamme des Kerzenstumpens. Die Vordertür ließ sie offen, dann beeilte sie sich, um zu Harry und Ron aufzuholen. „Was hast du mit Jasper Claireveaux zu tun?", fragte Harry sie, kaum hatte Lily sie eingeholt. „Ihr kennt euch?", erwiderte sie seiner Rage mit einer Gegenfrage.
„Ich dachte, das wäre offensichtlich.", vernahm sie Rons spöttische Antwort. „Allerdings.", bestätigte Lily dumpf. „Warum wart ihr so- Warum mögt ihr euch nicht, oder warum- Es war jedenfalls komisch. Was hat Jasper euch getan?" Ron schnaubte. Lily wünschte sich zum wiederholten Mal Hermine herbei. „Kennst du Draco Malfoy?", fragte Harry sie und schien dabei ähnlich zu denken.
„Ja, den kenn ich.", sagte Lily und erinnerte sich an den aufgeblasenen Jungen zurück. „Hab ihn bei einem Quidditchspiel gesehen." „Das gerade, in der Hütte, das war sein Vater." „Lucius Malfoy.", ergänzte Ron düster. „Und Draco- er ist so in etwa wie sein Vater?" „Ja, so in etwa. Sogar ziemlich genau.", stellte Harry klar. „Man sagt, er war ein Todesser."
Etwas in Lilys Magen knäulte sich zu einer unbehaglich festen Kugel zusammen. „Und was hat Jasper damit zu tun? Was hat er mit ihm zu tun?" Sie hoffte inständig, dass der Wind ihre Worte nicht bis zur Hütte tragen würden. Sie schämte sich dafür, dass sie so verdammt neugierig war, dass sie zu feige war, um Jasper selbst danach zu fragen.
„Sie sind befreundet.", meinte Ron stumpf. „Ich- ich weiß es nicht so genau. Sie waren zumindest befreundet." Harry stockte kurz, als überlege er, dem noch etwas hinzuzufügen. „Ich glaube nicht, dass er Malfoys Ansichten vertritt.", sagte Lily deutlich, obwohl sie sich gleichzeitig fragte, woher sie das so genau wusste. „Hast du jemals mit ihm darüber gesprochen?", fragte Ron sie. „Worüber?"
„Über die ganze Muggelsache, darüber, dass bei Jasper wahrscheinlich auch drei Hauselfen zu Hause für ihn arbeiten. Über seinen Status als Reinblut. Jasper ist genauso wie Malfoy. Hochnäsig, eingebildet, bekommt wahrscheinlich zu jedem Geburtstag einen neuen Besen. Sie leben beide in derselben Welt!"
Lily wartete darauf, dass Harry etwas sagte, aber er blieb stumm. „Nein, ich hab nie mit ihm darüber gesprochen. Aber, er ist nicht so, wie ihr ihn beschreibt. Nicht mit mir." Es gab ihr einen Stich zu wissen, dass Jasper nicht nur das war, dass er mit ihr teilte.
„Die Malfoys sind nicht nur gegen Dumbledore.", fügte Harry mit eisiger Stimme hinzu. „Als die Kammer geöffnet wurde, am Abend von Halloween, war er der erste, der es befürwortet hat, dass die Schule 'gereinigt' wird!", rief er aus. „Hermine ist eine Muggelstämmige.", stellte Lily fest. „Draco Malfoy hasst sie.", bestätigte Ron.
„So wie sie von allen anderen Slytherins gehasst wird, die Geld und reines Blut besitzen." Seine Stimme klang verbittert. „So wie Jasper.", sagte Lily und es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Sie gingen schweigsam nebeneinander her, bis Lily erneut die Stille durchbrach.
„Jasper ist nett, auch wenn ihr mir da keinen Glauben schenkt. Bloß heute-", sie stockte. „Ich glaube, etwas hat ihn beschäftigt. Etwas, für dass er keine Lösung findet, etwas, dass er nicht beeinflussen kann. Ich weiß nicht was, aber so wie heute habe ich ihn noch nie erlebt. So abgelenkt, so abweisend. Nennt es wie ihr wollt." Lily merkte, wie Harry neben ihr überlegte.
„Ich kenne ihn eigentlich kaum. Aber er ist immer mit Malfoy und seinen anderen Anhängseln zusammen. Vielleicht hat er mehr Grips als Crabbe und Goyle, aber nutzen tut er ihn nicht. Jasper spricht ihm alles nach, wie eine willenlose Marionette. Ihre Väter arbeiten beide im Ministerium."
Sie schwieg und versuchte die neuen Informationen in ihrem Kopf zu ordnen. „Es- Du kannst es uns nicht übel nehmen, dass wir eben überrascht waren, als er in Hagrids Hütte auftauchte. Ich meine, Malfoy hasst Hagrid. Er hält ihn für einen bärtigen Wilden."
„Du hast gesagt besonders im letzten Jahr. Was ist mit diesem Jahr?" Sie konnte es nicht verhindern, dass sie Harry und Ron immer noch nicht glauben konnte. „Ich kann es dir nicht sagen. Wirklich nicht.", begann Harry. „Ich meine, wir beobachten ihn ja auch nicht durchgängig!", warf Ron ein.
„Genau. Aber trotzdem ist er ein bisschen schweigsamer geworden. Er ist immer noch häufig mit ihnen zusammen, aber es wirkt dennoch anders.", schloss Harry. „Aber auch wenn er sich dieses Jahr nicht mehr so deutlich äußert- ich kann nicht vergessen, was er letztes Jahr gesagt hat. Außerdem ist er... Naja, er ist ein Slytherin.", sagte Ron etwas plump.
Aber Lily meinte in der Dunkelheit neben ihr zu erkennen, wie Harry nickte. „Nicht alle Slytherins beenden ihre Hogwartszeit als Todesser oder Reinblutfanatiker.", stellte sie bestimmt fest.
„Nein, natürlich nicht!", beeilte Harry sich zu sagen. „Aber vielleicht kannst du unsere Reaktionen jetzt ein bisschen besser verstehen. Obwohl es eigentlich mit das erste Mal war, dass ich, dass wir ihn alleine gesehen haben. Aber wir haben einfach nicht damit gerechnet, dass Jasper Claireveaux, dazu noch mit dir zusammen, Samstagabends in Hagrids Hütte hockt. Unter einem Tarnumhang!" Lily lächelte müde.
„Ja, damit habe ich heute Morgen auch noch nicht gerechnet." „Und besonders nicht damit, dass Hagrid festgenommen wird und Dumbledore die Schule verlässt.", fügte Harry düster hinzu. Sie blieben vor der Eingangshalle stehen.
Ron und Harry schauten sie entschuldigend an. „Zu dritt würde man unsere Schuhe sehen." Harrys Stimme war leise und entschuldigend. „Jaah, natürlich.", erwiderte Lily schnell. Sie hatte verstanden. „Es ist kein Problem, ich komm schon klar." Sie verzog die Mundwinkel zu einer Grimasse.
„Gute Nacht.", wünschte sie zum Abschied, obwohl es fast schon ironisch klang, nach einem solchen Abend.
Ron und Harry verschwanden unter dem Tarnumhang. Sie wartete, bis sich das Portal wieder schloss. Dann genoss sie einfach nur noch das Gefühl des Desillusionierungszaubers. Für einen Moment befand sie sich nicht mehr auf dieser Welt. Für einen sehr kurzen Moment.
Sie erschrak, als auf einmal Jasper nur einem halben Meter von ihr entfernt stehen blieb um das Portal zu öffnen. Erst als ihr bewusst wurde, dass er sie nicht sehen konnte, entspannte sie sich wieder. Kurz bevor die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, huschte sie ihm hinterher.
Er hielt seinen in die Leere führenden Gürtel in einer Hand, musste Claire also noch gefunden haben. Erst jetzt, im Licht der Fackeln, konnte Lily erkennen, wie der Tag ihn mitgenommen haben musste.
Seine Wangenknochen waren im Begriff, seine kalkweiße Haut von innen zu durchbohren, die Augen lagen in tiefen Höhlen. Einen Augenblick lang spielte das flackernde Licht ihr einen Streich, ließen seine Augen und Wangen tränenfeucht aussehen.
Dann war der Moment vorbei und Jasper verschwand unter der kleineren Hälfte des Umhangs, sodass seine Beine ab den Knien herausschauten. Es sah auf eine Art und Weise so traurig und armselig aus, dass Lily wegschaute, als würde es ihr nicht zustehen, ihn so zu sehen.
Als würde er ihr in diesem Moment einen Teil von sich zeigen, dem sie noch nicht gewachsen war.
Obwohl die Müdigkeit sie wie ein bleiernes Tuch zu Boden drückte, widerstrebte es ihr, sich jetzt schlafen zu legen. Lily spürte, dass sie in der heutigen Nacht, trotz übermannender Müdigkeit, keinen Schlaf würde finden können. Mit einigem Abstand folgte sie Jasper die Kerkertreppen hinunter, sah, wie die sichtbaren Knie vor der Wand, die in den Gemeinschaftsraum der Slytherins führte, verweilten, bis diese zur Seite glitt und Lily alleine in den düsteren Kerkergängen zurückließ.
Lily ging weiter und tatsächlich hatte sie mit ihrer Vermutung richtig gelegen. Unter der Tür in Sevs Büro drang Licht hervor, er war noch wach. Er öffnete ihr nach dem ersten Klopfen, als hätte er auf sie gewartet. Sev fragte sie nicht, seit wann sie den Desillusionierungszauber beherrschte.
Sev wartete, bis sie sagte: „Dumbledore ist kein Schulleiter mehr." Lily schloss leise die Tür hinter sich und setzte sich Sev gegenüber auf den Steinboden. Die Beine überkreuzt, die Kälte ignorierend, die an ihr hochkroch.
„Sollte ich dich fragen, woher du das weißt?" „Nein." Lily fuhr mit der Hand über das kalte Kerkergestein. „Aber für dich ist es auch keine Neuigkeit mehr.", stellte sie fest. „Wie hast du davon erfahren?"
„Lucius Malfoy, einer der Schulräte, war bei mir. Er hat mir von den Unterschriften der Schulräte berichtet und mir gleichzeitig seine Unterstützung versichert, falls ich mich als Kandidat für die frei gewordene Stelle bewerben würde." Sev blickte ihr nicht in die Augen, obwohl das eine der ersten Regeln gewesen war, in denen er sie über das Lügen unterrichtet hatte.
Gelegentlicher aber offener Blickkontakt. Ohne Starren, aber auch ohne Senken des Kopfes.
Was musste passieren, wenn er selbst sich nicht mehr an diese Regeln hielt? „Warum hat er das getan?" „Lucius war ein paar Jahrgänge über mir, wir kannten uns." „Nur von der Schule?" Sev zog, kaum merklich die Augenbrauen nach oben, er blinzelte länger, als er es für gewöhnlich tat. Ein weiteres Anzeichen für die Nervosität eines Lügners. Lily fröstelte, die Temperatur war plötzlich um einige Grad gefallen.
„Nur von der Schule, oder war Lucius Malfoy auch ein Todesser?"
Kaum hörte sie ihre eigenen Worte in ihren Ohren, wünschte sie sich, sie hätten ihren Mund nie verlassen. „Woher?", presste Sev zwischen seinen Lippen hervor, sein Gesicht war aschfahl.
„Ich habe Dumbledore nach deiner Tätowierung gefragt. Die, an deinem Arm.", fügte sie unnötiger Weise hinzu. Er besaß nur diese eine Tätowierung. Sev wendete sich von ihr ab, sodass Lily sein Gesicht nur noch im Profil sehen konnte. Seine Stimme klang gefährlich leise, als er zu sprechen begann.
„Ich habe Menschen getötet, Lily. Ich habe sie getötet, gefoltert und verraten."
Fast war es, als lächele er darüber. Kein freundliches Lächeln, ein bitteres, voller Verachtung für sich selbst. „Ich weiß.", sagte Lily, aber ihre Stimme brach dabei. Ihre Augen brannten. „Es war nicht meine Absicht-", er schüttelte seinen Kopf. „Dass ich es so erfahre?" „Ja." „Dumbledore hat gesagt, dass du es bereust, dass du vorher aufgehört hast. Schon vor Voldemorts Sturz." „Und du glaubst ihm." „Warum sollte ich es nicht tun?"
„Vielleicht reicht es nicht immer aus, etwas nur zu bereuen."
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