
27
Hallo.
Fast augenblicklich verschwanden die Buchstaben wieder. Kurz hielt sie sich selbst für verrückt, alle anderen schliefen schon und sie schrieb in alte Kalender, der eigentlich gestern hätte verbrennen müssen und ihre Freundin mehr gruselte als Sevs Versprechen, ihre Erheiterungstränke an ihnen selbst zu testen. Aber die Zeilen die jetzt erschienen, ließen diese Gedanken verstummen.
Wie geht es dir heute, Ginny?
Lily unterdrückte den Impuls, den Kalender zuzuschlagen und in der hintersten Ecke Hogwarts zu verbergen, stattdessen antwortete sie.
Mir geht es gut.
Der geheimnisvolle Antworter hielt sie tatsächlich für Ginny. Hatte etwa auch sie schon das ganze Jahr über diese Gespräche geführt? Vielleicht gab es ein Gegenstück, dass ihren Eltern gehörte, über das sie Kontakt hielten. Aber warum hätte Ginny es verbrennen wollen. Lily verwarf den Gedanken wieder. Der mysteriöse Antworter war ganz sicher nicht Ginnys Vater. Dafür fühlte es sich zu falsch an.
Das ist schön. Ich freue mich für dich.
Die Schrift war nach rechts geneigt, klar und deutlich geschrieben. Fast schon etwas altmodisch.
Sie hat sich also bei dir entschuldigt?
Etwas in ihrem Bauch schlingerte gefährlich und suchte sich seinen Weg nach oben. Lily schluckte und ignorierte das Gefühl.
Nein, ich war es, die einen Fehler gemacht hat.
Sie starrte auf das Papier, die Sätze schienen ihr nicht schnell genug zu verschwinden, nicht schnell genug schien der Antworter zurück zu schreiben.
Bist du dir da sicher? Lass dir nichts einreden, Ginny. Du warst im Recht, bist es immer noch. Sie hat dich im Stich gelassen, du warst alleine. Hat sie jemals verstanden, was du wirklich fühlst? Sei ehrlich zu dir, hat sie es wirklich verdient mit dir befreundet zu sein?
Ihr Herz hämmerte schnell gegen ihre Brust, sie versuchte, so leise wie möglich zu atmen. Sie war im Recht, Ginny hatte sie die Treppe hinunter geschubst, sie beschuldigt und dann noch nicht einmal den Mut gefunden, sich bei ihr zu entschuldigen. Trotzdem merkte sie, wie dieses Buch sie zweifeln ließ. Vielleicht hatte sie wirklich nicht gemerkt, was mit Ginny los war, hatte es wirklich nicht verdient, ihre Freundin zu sein. Lily biss sich auf ihre Zungenspitze, bis es wehtat.
Du bist ein einfühlsamer Mensch. Du musst dich nicht um alles kümmern. Wer hat dich heute beachtet? Wer schenkt dir die Aufmerksamkeit, die dir gebührt? Sie sind deiner nicht würdig, Ginny. Ich glaube, wir sind uns sehr ähnlich. Ich verstehe dich, du kannst mir vertrauen. Mir ging es einmal ähnlich. Aber dann habe ich die Wahrheit erkannt. Ich helfe dir, wenn du Hilfe brauchst.
Lily schluckte das Blut in ihrem Mund herunter und schrieb zurück.
Danke, dass du mir hilfst. Ich weiß gar nicht, was ich ohne dich machen würde. Aber ich mache mir Sorgen. Hier im Schloss passieren unheimliche Dinge.
Sie erinnerte sich an Ginnys verworrene Sätze an Weihnachten.
Ich glaube, etwas stimmt nicht mit mir. Es ist, als- Ich fühle mich schuldig. Als wäre ich für das alles verantwortlich.
Nervös klopfte sie auf ihre Oberschenkel.
Du bist nicht schuld. Du kannst mir vertrauen, ich bin dein Freund, wenn alle anderen es nicht sind. Ich würde deine Geheimnisse niemals verraten.
Traurig überlegte Lily, das sie bei jedem anderen übertriebene Würgegeräusche von sich gegeben hätte, wenn er so mit ihr geredet hätte. Aber dieses Buch war unheimlich, gruselig und gefährlich. Auf eine Art und Weise, vor der Sev sie immer gewarnt hatte. Aber Lily würde ihm nicht von diesem Buch erzählen können. Sie war nicht diese schlechte Freundin, auch wenn das Buch dieser Meinung war. Sie würde Ginny nicht verraten, nicht dieses Mal.
Ich weiß, dass ich dir vertrauen kann.
Ihr Magen schlingerte wieder, nie war es ihr so schwer gefallen zu lügen, obwohl es hier noch nicht einmal eine Person gab, die auf ihre Körpersprache achten konnte. Es war, als würde jemand versuchen, sie zu der Wahrheit zu zwingen.
Du musst mir vertrauen, sonst kann ich dir nicht helfen. Und das ist es doch, was ich gerne würde.
Es war, als hätten die Worte ihre eigene Stimme. Lieblich und sanft. Aus vollen Lippen kommend, aber die Hand in einem festen Würgegriff um den Hals.
Ich vertraue dir.
Der Würgegriff wurde enger, ein Lügendektor, der jede einzelne ihrer Lügen bestrafen würde.
Wie kann ich sicher sein? Es ist schon lange her, seit dem du mir das letzte Mal geschrieben hast.
Plötzlich fragte sich Lily, ob das Buch wissen konnte, dass es vor kurzem zerstückelt und verbrannt worden war. Hatten Bücher ein Gedächtnis? Nein, Bücher konnten sich nicht erinnern. An was denn auch, sie waren Bücher, die den Großteil ihrer Zeit in Schränken und Regalen verbrachten.
Die Schule hat wieder begonnen, ich habe viel zu tun.
Der Satz sah mickrig aus auf dem Papier, als entlarve er sich bereits selbst.
Mit Aimée?
Die Stimme des Buches hatte ihre Lieblichkeit verloren.
Ich kann dir nicht vertrauen, wenn du ihr mehr anvertraust als mir. Du weißt es. Ich habe Wissen, dass größer ist, als sie es sich erträumen kann. Du vertraust mir, ich vertraue dir. Ich kann die mehr geben, so viel mehr.
Die letzten Sätze blieben länger, bevor sie verblassten. Lily blieb sitzen, bis ihr Atem wieder regelmäßig ging. Ihre Hände zitterten, fast wäre ihr das Tintenfass heruntergefallen, als sie es zuschraubte. Dann klappte sie den Kalender zu, verschloss ihn in ihrem Nachtschrank. Der Schlüssel hing immer noch an dem Band, widerstrebend hing Lily ihn sich wieder um den Hals. Die Worte kreisten in ihrem Kopf. Plötzlich schien sich alles auf sie zu zubewegen. Der Vorhang rückte näher, die Bettpfosten kamen auf sie zu, die Decke war ein Gefängnis, wollte sie im Schlaf ersticken. Etwas hatte sich auf ihrer Brust nieder gelassen und nahm ihr die Luft zum Atmen.
Mit einem hässlichen Ratschen schob sie den Vorhang zur Seite, der Stoff riss. Ihre Lungen füllten sich wieder mit Luft. Lily stand auf, ihre Beine zitterten, die feinen Härchen auf ihrem Unterarm stellten sich auf. Ihr Magen schlingerte wieder. Sie schwankte, von einer Seite auf die andere, leuchtende Punkte vor Augen. Lily würgte, ohne das ihr schlecht war, ihr Bauch krampfte sich zusammen, während sie an den blauen Winterhimmel über Hogwarts dachte.
Lily erbrach sich, kalter Schweiß lief an ihrer Schläfe herunter. Erschöpft ließ sie sich an den kalten Fliesen der Mädchentoilette hinuntergleiten. Ihr Kopf fühlte sich schwer an, ihr Bauch war zu leer. Es war, als hätte jemand ihren Schwerpunkt verlagert, als schwebe sie im luftleeren Raum umher. Ihre Gedanken hingen nicht mehr mit ihrem Körper zusammen, trieben ohne ihn umher, er war nur noch eine unfähige Hülle.
Dienstags befand sich der Großteil der Erstklässler in einem Dämmerzustand, nur die wenigsten wachten nach der, durch die nächtlichen Astronomiestunde stark verkürzten, Nacht erholt auf. Deshalb fiel es nicht weiter auf, dass auch ihr Kopf immer wieder auf der Tischplatte landete. Der gestrige Abend lastete immer noch auf ihren Schultern und drückte sie zu Boden. Lily konnte immer noch keinen klaren Gedanken fassen und das Frühstück hatte sie aus Angst vor weiterer Übelkeit ausfallen lassen. Obwohl ihre innere Stimme ihr befohlen hatte aufzuhören sich einzureden, dass ihr Besuch auf der Toilette die Schuld von einer schlecht gewordenen Kürbispastete gewesen sein könnte. Geschweige denn, dass sie eine Lösung gefunden hätte.
Der Kalender war keineswegs ein schlechtgemachter Scherzartikel oder eine ulkige Alternative zur Eulenpost, das war ihr nun klar. Liebend gerne hätte sie den Kalender Sev gezeigt, er würde wissen, wie man damit umgehen musste. Aber sie hatte Ginny ihr Versprechen gegeben und gerade jetzt, wo sie sich gerade erst wieder vertragen hatten, würde sie sich davor hüten, es zu brechen. Ihr schlechtes Gewissen meldete sich schon häufig genug, immerhin verschwieg sie Ginny, dass der Kalender auf unerklärliche Art und Weise feuerfest war.
„Geht es dir gut?" Hillary beugte sich vor und schaute Lily besorgt an. Sie standen gerade alle zusammen und hofften auf das Pausenende, dass sie vor dem Erfrierungstod im Hof bewahren würde. „Nein, alles in Ordnung. Ich bin bloß müde, ich konnte gestern Abend nicht gut einschlafen.", erwiderte Lily froh darüber, dass es wenigstens keine ganze Lüge gewesen war.
„Ja, geht mir auch so.", sagte Ginny und gähnte. „Gestern konnte ich zwar super schlafen, aber davor die Nacht war praktisch nicht existent." Sie zwinkerte Lily kurz zu. Lily verzog die Mundwinkel zu einem unechten Lachen und konzentrierte sich auf das Klopfen ihres Herzens, bis die schwarze Wolke über ihrem Kopf wieder verschwunden war.
Der Kalender blieb in ihrem Nachttisch verschlossen und sie überprüfte jede Nacht, ob er auch noch da war. Aber er hatte sich um keinen Millimeter bewegt und führte Lily damit nur noch mehr ihre eigene Verrücktheit vor Augen.
Warum um alles in der Welt überprüfte sie mitten in der Nacht, wenn alle anderen schon schliefen, die Bewegungen eines Buches, wenn sie nicht auf irgendeine Art und Weise dabei war durchzudrehen?
Mit einem kräftigen Ruck riss sie sich den Schüssel vom Hals und versteckte ihn unter ihrer Matratze. Obwohl ihr Hals jetzt von den roten Striemen geziert war, dass das Band beim Abreißen hinterlassen hatte, fühlte sie sich besser als zuvor.
Der Februar kam und Lily ertrug die Ungewissheit nicht mehr. Sie aß nichts zu Abend und wartete ungeduldig, bis Madisons unechtes Schnarchen, mit dem sie Hillary jeden Abend nervte, sich in ihr echtes verwandelte.
5. Februar, das heutige Datum. Ihr Herz klopfte laut und fast war es, als würde der Kalender in ihren Händen pulsieren. Schneller als ihr eigenes Herz, als wolle etwas daraus entfliehen. Ein kleiner Vogel, ein bisschen Leben, gefangen zwischen den Einbänden.
Mein Name ist Aimée.
Es dauerte ein wenig, bis die Antwort erschien. Vielleicht musste es nachdenken. Lily schnaubte leise. Nachdenken. Als wäre es ein Mensch.
Ich heiße Tom.
Tom. Wahrscheinlich hieß er Smith mit Nachnamen. Oder Miller. So wäre es unmöglich, etwas über ihn in der Bibliothek herauszubekommen.
Wer bist du, Tom?
Die Feder in ihren Händen zitterte als sie endlich die Frage stellte, die sie am meisten interessierte.
Ich war Schüler der Hogwarts Schule. Ich habe diesen Kalender als mein Andenken an diese Zeit behalten.
Kurz fragte Lily sich, ob das Buch unterschiedliche Persönlichkeiten besaß. Dieser Tom erschien ihr höflich, zuvorkommend, wie die liebliche Stimme, ganz ohne Würgegriff, ja, vielleicht sogar gänzlich ohne Hände. Unmöglich.
Warum hast du ein Andenken hinterlassen? Was war besonders an der Zeit?
Lily glaubte die Antwort schon fast zu kennen, als sie vor ihr auf dem Papier erschien.
Es war in meinem fünften Jahr, jetzt ist es schon fünfzig Jahre her.
Der Tintenfluss unterbrach kurz.
Es gab Verletzte, ein Mädchen starb. Die Schule war in Gefahr, man wollte sie schließen.
Die Kammer war schon einmal geöffnet worden. Eine Tote. Lily hoffte eindringlichst, dass ihnen das jetzt erspart bleiben würde.
Es passiert wieder.
Ich weiß. Umso wichtiger, dass die Erinnerungen lebendig bleiben.
Warum sollten sie? Wenn damals der richtige Täter gefasst worden wäre, würde es jetzt keine Vorfälle mehr geben.
Es wurde ein Täter gefasst. Ich selbst war es, der ihn überführt hat.
Wer war es?
Rubeus Hagrid. Er ist immer noch an der Schule. Das Monster braucht ihn, er braucht das Monster.
Das glaube ich nicht. Ich kenne ihn, er arbeitet als Wildhüter. Ihm würde kein Tier gehören, dass im verborgenen handelt. Aber das Monster handelt, wenn niemand da ist. Es ist hinterhältig und verschwindet hinterher so plötzlich, wie es gekommen ist. Und warum hätte er fünfzig Jahre warten sollen? Hagrid ist ein Gryffindor, nicht das Erbe Slytherins.
Du glaubst mir also nicht? Mir, der ihn ertappt hat, der ihn dem Schulleiter überführt hat? Es ist in Ordnung, du musst mir keinen Glauben schenken. Aber was wäre, wenn er ist doch ist, wenn ich von Anfang an Recht hatte und was, wenn jemand stirbt? Möchtest du das Schicksal anderer Menschen in deinen Händen wissen?
Im Moment gibt es keine Angriffe mehr. Vielleicht hat er die Lust verloren, das Erbe. So wie beim letzten Mal.
Beim letzten Mal haben die Angriffe nur aufgehört, nachdem ein Mädchen gestorben ist. Wer glaubst du, wird als nächstes sterben? Ein Gryffindor vielleicht, einer der noch im letzten Moment versucht, verzweifelt allem allein ein Ende zu setzten? Ein dummer Hufflepuff, der einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort war? Was, wenn einer der Lehrer stirbt, eine deiner Zimmergenossinnen? Was ist, wenn du stirbst?
Toms Hände legten sich um ihren Hals, drückten mit einer solchen Heftigkeit zu, dass Lily kaum die Kraft blieb, den Kalender zu schließen. Er und die Person, mit der Ginny schrieb, waren ein und derselbe Mensch. Und Lily wollte ganz eindeutig nicht, dass dieses Buch, oder die Personen darin, lebendig blieben. Sie verurteilte sich dafür, nicht damit gerechnet zu haben. Dass sie nicht hinter die Fassade hatte blicken wollen, dass sie der ordentlichen Schrift, den freundlichen Worten, der Höflichkeit und dem Verständnis Glauben geschenkt hatte.
Ihr wurde schwindelig, um sie herum begann sich alles zu drehen. Wie hatte Ginny es nur geschafft, so häufig in dem Kalender zuschreiben, wenn ihr bei jedem Mal schlecht dabei wurde. Wasser sammelte sich in ihrem Mund, sie beugte sich vor. Aber sie hatte ihr Abendessen nicht ohne Grund ausfallen lassen.
Ihre Hand zitterte als sie das Buch zurück in ihren Nachtschrank sperrte, es gelang ihr erst beim zweiten Versuch, den Schlüssel im Schloss herumzudrehen. Sie nahm einen kalten Schluck Wasser und setzte sich auf ihre Bettkante, bis ihre Beine aufhörten zu zittern. Eine Woche noch ließ sie den Kalender in ihrem Nachtschrank verweilen, dann fasste sie einen Beschluss.
Noch vor ihrem wöchentlichen Treffen mit Jasper packte sie den Kalender in ihre Tasche. Sie wollte ihn einfach nur loswerden. Wenn man das Buch schon nicht zerstören konnte, musste es eben reichen, wenn man es an einem Ort versteckte, den niemand aufsuchte. Mit zitternden Händen drückte sie die Klinke hinunter und betrat die Mädchentoilette.
Sie wollte es endlich hinter sich bringen. Sie war sauer, dass Tom es geschafft hatte, sie so vollkommen aus dem Konzept zu bringen, dass er sie dazu zwang, noch ein weiteres Geheimnis mit sich herumzutragen.
Mit der ganzen Wut die sich in den letzten Wochen angesammelt hatte, riss sie das Buch aus ihrer Tasche hervor und warf es gegen eine der Türen. Sie hob es auf, warf es noch einmal.
Das laute Platschen, wenn es zu Boden fiel, hatte etwas seltsam Zufriedenstellendes. Sie warf es nochmals, die Kabinentür sprang auf, als sie den Kalender dagegen klatschen ließ. Lily bückte sich noch einmal, drehte sich um und sah ihr Gesicht in einem der Spiegel.
Beinahe lautlos landete der Kalender auf ihren Füßen. Sie hatte nicht gewusst, wie grimmig sie wirklich hatte schauen können.
Ihre Augen waren zusammengekniffen, auf ihrer Stirn zeigte sich eine Zornfalte. Die Haut glühte vor Wut und ihre Haare standen wild von ihrem Kopf ab. Das unnatürlich grelle Licht ließ sie dunkel, beinahe schwarz erscheinen. Lily atmete hörbar aus, wartete, bis die Luft vollkommen aus ihren Lungen gewichen war. Dann griff sie das letzte Mal nach dem Buch und versenkte es ohne einen weiteren Blick in einer der Toilettenschüsseln.
Erst als sie wieder draußen auf dem Gang stand, atmete sie wieder ein.
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